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17.01.2013

"Krimis sind auch nur Märchen"

Jakob Arjouni ist tot

Jakob Arjouni (Bild: Regine Mosimann / Diogenes Verlag)
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Jakob Arjouni
Mit seinen Krimis um den Detektiv Kayankaya wurde der Frankfurter Schriftsteller Jakob Arjouni zum Shooting-Star der deutschen Krimiszene. In der Nacht zum Donnerstag ist der Bestsellerautor im Alter von 48 Jahren nach einer schweren Krebserkrankung in Berlin gestorben.
 
Audio: Nachruf auf Jakob Arjouni 2:28 Min
(© Hessischer Rundfunk, 17.01.2013)

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Dies teilte der Diogenes Verlag in Zürich am Donnerstag mit.

Jakob Arjouni hat den hartgesottenen, zynischen Privatdektetiv Kemal Kayankaya, den deutschen Philip Marlowe, erfunden, der das Frankfurter Kriminellenmilieu aufmischt, seine Nachbarn mit einem fröhlichen "Heil Hitler" begrüßt und nach allen Seiten Hiebe verteilt. Jakob Arjouni hat dem deutschen Großstadt-Thriller auf die Sprünge geholfen. Und galt als einer der genauesten und bösesten Schilderer hiesiger Zustände. Der Schriftsteller kannte das Frankfurter Bahnhofsviertel wie seine Westentasche. Im Alter von 14 bis 18 Jahren entfloh er allwöchentlich seinem Internat im Odenwald, um in den Spielhöllen im Rotlichtviertel Poolbillard zu spielen.
 

Von Frankfurt nach Montpellier

Jakob Arjouni wurde 1964 in Frankfurt geboren. Er ist ein Sohn des Dramatikers Hans Günther Michelsen; den Nachnamen "Arjouni" nahm er von seiner aus Marokko stammenden früheren Ehefrau an. In einer "libertären Großfamilie" aufgewachsen, verbrachte Arjouni seine Kindheit in Frankfurt und Oberroden. Mit zehn kam er ins Internat, lernte die Bücher von Dashiell Hammett kennen und entdeckte später seine Vorliebe für Sergio Leones Filme.

Nach dem Abitur zog es ihn nach Montpellier. Dort wohnte er in Garagen, versuchte sich mit einem marokkanischen Freund als Taschendieb, hing an der Flasche und sumpfte in der Subkultur herum - wie es seine "offizielle" Biografie darstellt. Er verdingte sich zweieinhalb Jahre als Kellner, Badeanzug- und Erdnussverkäufer.
 

Shooting-Star mit Debütkrimi

Um bei all dem Stumpfsinn, der ihn umgab, wenigstens den Geist beweglich zu halten, schrieb er seinen ersten Roman "Happy Birthday, Türke!". Kaum war der Thriller bei Diogenes erschienen, avancierte Arjouni zum Shootingstar der deutschen Krimi-Szene. Davor lagen der Umzug nach Berlin und der relativ rasch abgebrochene Versuch zu studieren. Weitere Bücher mit Kemal Kayankaya erschienen und standen auf den Bestsellerlisten.

1991 verfilmte Doris Dörrie Arjounis Erstling und landete einen Kinohit. Für "Ein Mann, ein Mord" wurde Jakob Arjouni 1992 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

Neben den Kriminalromanen schrieb er Theaterstücke und Hörspiele. Für sein Stück "Nazim schiebt ab" um einen jungen Palästinenser wurde er 1987 mit dem Baden-Württembergischen Autorenpreis für das deutschsprachige Jugendtheater ausgezeichnet. Seinen ersten Nicht-Krimi, "Magic Hoffmann", veröffentlichte er 1996.
 

Für alle looser dieser Welt

In "Idioten. Fünf Märchen" ist die Hauptfigur eine durchsichtig schimmernde Fee. Der "Chef" im Himmel hat die schwebende Lady vom Sternschnuppendienst in den Feenkreis befördert, und seitdem erfüllt sie Wünsche. Für alle 'Loser' dieser Welt, für Muttersöhnchen, blockierte Filmemacher, Heftchenschreiber, frustrierte Werber und Freiberufler. Sprich: "Idioten wie Sie und Ich", die es alleine nicht hinkriegen, das Leben. "Krimis sind auch nur Märchen", sagte Arjouni. Und seine Feen setzte er in diesen "Idioten-Fällen" als erzähltechnischen Beschleuniger ein, um schneller Schwung in lahm gewordenen Biografien zu bringen.

Zuletzt brachte Arjouni die Romane "Der heilige Eddy" (2009) über einen sympathischen Berliner Hochstapler und 2011 "Cherryman jagt Mister White" über den Kampf eines Jugendlichen in Brandenburg gegen eine Bande von Neonazis heraus.
 

Rückkehr ins Bahnhofsviertel

Mit "Bruder Kemal" kehrte Arjouni noch einmal zu seinem "Wegbereiter", dem Privatdetektiv Kayankaya, zurück, der nun älter, entspannter, cooler – und sogar in festen Händen ist. Zwei Aufträge bekommt er: Ein sechzehnjähriges Mädchen namens Marieke, das mit einem Künstler durchgebrannt ist, zu ihrer Mutter, einer Bankierstochter, zurückzubringen und während der Frankfurter Buchmesse einen marokkanischen Schriftsteller zu beschützen. Zwei scheinbar einfache Fälle, denkt Kayankaya, ein Upperclass-Mädchen, das es ihren Eltern zeigen will und ein Autor, den man vor Angriffen religiöser Fanatiker schützen muss. Doch zusammen führen sie zu Mord, Vergewaltigung, Entführung. Und Kayankaya kommt dabei in den Verdacht, selbst ein Auftragskiller zu sein. Dabei möchte er doch nur eines: mit seiner Freundin ein beschauliches, entspanntes Leben führen.

Jakob Arjouni lebte mit seiner Frau und seinen Kindern in Berlin und bei Narbonne.
 
Bücher von Jakob Arjouni:

Kayankaya-Krimis

Happy Birthday, Türke! (1985) - ISBN 3-257-21544-4 (verfilmt; auch als Kriminalhörspiel vom Hörverlag - ISBN 3-89584-342-3)
Mehr Bier (1987) - ISBN 3-257-21545-2
Ein Mann, ein Mord (1991) - ISBN 3-257-22563-6 (auch als Diogenes Hörbuch ISBN 978-3-257-80063-0)
Kismet (2001) - ISBN 3-257-06263-X (auch als Kriminalhörspiel vom Audioverlag ISBN 3-89813-204-8)
Bruder Kemal (2012) - ISBN 978-3-257-86223-2

Theaterstücke
Die Garagen (Uraufführung 1988)
Nazim schiebt ab (Uraufführung 1990)
Edelmanns Tochter (1996) ISBN 3-257-06091-2

Romane
Magic Hoffmann (1996) ISBN 3-257-22951-8
Hausaufgaben (2004) ISBN 3-257-06442-X
Chez Max (2006) ISBN 3-257-06536-1 (Autorenlesung auf 4 CDs, ISBN 3-257-80060-6)
Der heilige Eddy (2009) ISBN 3-257-06685-6
Cherryman jagt Mister White (2011) ISBN 3-257-06755-0

Kurzgeschichten
Ein Freund (1998) ISBN 3-257-06160-9
Idioten. Fünf Märchen (2003) ISBN 3-257-23389-2

 
Redaktion: nrc
Bild: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag
Letzte Aktualisierung: 17.01.2013, 17:11 Uhr
 
 

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