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22.01.2013

Wilhelm Genazino zum 70.

"Ihr neues Buch war aber wieder obergeil"

Wilhelm Genazino bei einem Winterspaziergang (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Wilhelm Genazino bei einem Winterspaziergang
Seit er den Büchner-Preis erhalten hat, erkennen die Leute Wilhelm Genazino in der U-Bahn und sprechen ihn an. Er schreibt über kleine Leute, allesamt verquere Typen voller Komik und Tragik. Jetzt ist der Frankfurter Schriftsteller 70 Jahre alt geworden.
 

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"Ich bin natürlich erstaunt, dass ich 70 werde, das war sozusagen nicht zu erwarten, weil ich mir immer vorgestellt hatte, ich werde vielleicht mit Ach und Krach 30, und ich habe natürlich nicht ahnen können, dass es dann erst richtig losging", sagt Wilhelm Genazino.

Er ist zurecht vergnügt. Spätestens seit die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt ihm im Jahr 2004 den Büchner-Preis verlieh, ist aus dem Autor für Literaturfreaks und Frankfurt-Fans ein Autor für alle Leser geworden. Seine "Abschaffel"-Trilogie wurde 2011 durch die Aktion "Frankfurt liest ein Buch" zum Leseereignis. Seine Lesungen sind ausgebucht und seine Auflagen steigen ständig: "Aber ich war auch sehr gerne, wie soll ich sagen, die stille Maus in der Ecke und habe als einziger in der U-Bahn gewusst, dass ich Romane schreibe. Wenn heute in der U-Bahn oder im Zug oder so drei Fremde mir zunicken und mit gestrecktem Zeigefinger sagen: 'Ihr neues Buch war aber wieder obergeil', dann denke ich, ja, das hast du jetzt davon."
 

Unauffällige Angestellte

Dieser Erfolg ist auch darum interessant, weil Genazinos Protagonisten keine Helden sind im üblichen Sinne. Meist sind es Männer mittleren Alters, unauffällige Angestellte. Sie leiden unter den Zumutungen der Außenwelt und verrennen sich immer wieder in ebenso traurige wie komische Schuldgefühle, in Ängste und Obsessionen: "Obwohl sie verquer sind und nicht gerade Glückspilze usw. haben sie aber doch in dem kleinen Scheitern, was ihnen oft zustößt, so eine Art Mehrwert, der eine Art Innerlichkeit freisetzt, die mir dann gut gefällt", sagt der Autor.
 

Alltag, durchschnittlich und langweilig

Titel wie "Leise singende Frauen", "Die Obdachlosigkeit der Fische", "Ein Regenschirm für diesen Tag", "Die Liebesblödigkeit" oder "Wenn wir Tiere wären", prägen sich ein, weil sie so konkret und versponnen zugleich sind, so konkret und versponnen wie ihre Protagonisten, deren Alltag durchschnittlich und langweilig ist, die darum desto lieber grübeln über das Leben und den Tod und die Liebe. Wie Philosophen betrachten sie die Welt, voller Skepsis; wie Kinder kommen sie aus dem Erstaunen nicht mehr heraus. Genazinos Antihelden wirken wie traurige Clowns, oder besser: wie heitere Melancholiker. Und damit sind sie immer auch ein wenig Alter Egos oder zumindest gute Freunde ihres Erfinders.
 

"Was wird denn Herr Obama heute machen?"

Andere Romantitel wie "Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz" oder "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" suggerieren Sachlichkeit. Zurecht, denn kein anderer deutscher Schriftsteller widmet sich mit einer solchen Intensität, ja Detailversessenheit den kleinen Dingen. Die auf der Straße liegende Flasche, der Koffer in der Hotelrezeption, die Pantoffeln unterm Bett, der Käfer an der Decke – das kleine Ding ist immer wichtiger als das große: "Das ist auch wohl so, vor allen Dingen ist es naturwüchsig so. Ich meine, der sogenannte normale Mensch hat ja nur kleine Dinge. Es wacht ja niemand morgens auf und sagt: Was wird denn Herr Obama heute machen?"
 

Sand im Getriebe der Zeit

Mit ihren offenen Anfängen und Enden wirken Wilhelm Genazinos Romane wie ein einziger großer Lebensroman, nicht vom Thema, aber von der Stimmung und der Verwandtschaft ihrer Figuren her. Doch woher beziehen diese Bücher über Schuhtester und Wäscheausfahrer, Kassiererinnen und Speditionslehrlinge eigentlich ihre Bedeutung? Wieso tragen diese leicht verkorksten Typen ihrem Autor den Büchner-Preis ein? Weil sie, wenn sie doch einmal aufsteigen, nicht nur Rädchen sind im Getriebe der Zeit, sondern auch Sand. Weil sie ihre Ratlosigkeit mit Witz und Würde tragen. Weil sie es schaffen, zwischen Komik und Tragik eine fragile Balance zu halten. Und weil sie Pein und Peinlichkeit tapfer ertragen und zugleich ihre Sehnsucht und anrührende Empfindsamkeit behalten.
 

Das Glück des Schreibens

Wilhelm Genazinos Figuren leben gerne, zumindest immer lieber, je älter ihr Autor wird. "Das Glück in glücksfernen Zeiten" heißt sein Roman aus dem Jahr 2009, und es scheint so, als schreibe er da nicht nur über den promovierten Philosophen, Wäschereimitarbeiter und Alltagsmelancholiker Gerhard Wahrlich, sondern am Rande auch über sich selbst, über den Schriftsteller Genazino, für den das Schreiben mehr ist als Lebensmittel oder Brücke zur Welt, nämlich Glück: "Das Glück darüber, dass ein Mensch, in diesem Fall zufällig ich, genau das gefunden hat, wovon er eigentlich geträumt hat, also ein wunderbares Passungsverhältnis zwischen Person und Arbeit. Das ist das einzige Glück, das sozusagen gar nicht beeinträchtigt werden kann und auch durch Älterwerden nicht kleiner wird. Das ist eine meiner größten Überraschungen, die ich überhaupt erlebe, und wenn ich nicht jetzt schon so alt geworden wäre, würde ich glatt behaupten, das gibt es gar nicht."

Ein Beitrag von Sylvia Schwab in hr2-kultur
 
Wilhelm Genazino gilt als der große, stille Chronist der Bundesrepublik. Jahrelang ein Geheimtipp, erhielt 2004 die ganz große Anerkennung für sein Werk: den Georg-Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. 2007 folgte dann der Kleist-Preis.

Am 22. Januar 1943 in Mannheim geboren, studierte Wilhelm Genazino Germanistik, Philosophie und Soziologie. Danach arbeitete er als freier Journalist und Redakteur. Bis 1971 schrieb er für das Satiremagazin "Pardon". Er war u.a. sechs Jahre Mitherausgeber der Zeitschrift "Lesezeichen". Daneben machte er sich als Hörspielautor einen Namen. Von 1970 bis 1998 lebte er in Frankfurt am Main, wo er – nach einem Zwischenaufenthalt in Heidelberg, seit 2004 wieder wohnt.

Als Romanautor erregte er 1977 mit seiner "Abschaffel"-Trilogie Aufsehen und gehört seither zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren. Mit den sogenannten Angestellten-Romanen der 1970er Jahre stellte er sich in die Tradition eines kritischen Realismus. 2009 erschien "Das Glück in glücksfernen Zeiten": Der Held des Buches muss sein Glück in einer Großwäscherei suchen.

Außer mit dem Büchner- und dem Kleist-Preis ist Genazino mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden: 1990 erhielt er dem Bremer Literaturpreis, 1995 den Solothurner Literaturpreis (1995). 1996 und 1997 war er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. 1998 erhielt er den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1998). 2003 wurde er mit dem Kunstpreis Berlin geehrt, der als "Fontane-Preis" von der Abteilung Literatur der Berliner Akademie der Künste vergeben wird. Sein Roman "Wenn wir Tiere wären" wurde für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert.
 
Redaktion: nrc
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 29.01.2013, 10:27 Uhr
 
 

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