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Frank Schirrmachers und sein "Ego"

Den Nerv der Zeit getroffen

Frank Schirrmacher (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Frank Schirrmacher
Computer übernehmen die Macht, die Menschen sind nur noch Sklaven der Technik - diese Szenarien sind Stoff in vielen Science-Fiction-Filmen. Die Realität ist von diesen Visionen allerdings nicht mehr weit entfernt, behauptet der Frankfurter Publizist Frank Schirrmacher in seinem neuen Buch.
 
Die Frankfurter Börse: Die wenigen Händler, die man hier noch sieht, sind Kulisse. Fürs Fernsehen. Der Saal könnte auch leer sein, denn weite Teile des Handels haben Computerprogramme übernommen. Frank Schirrmacher, der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschreibt in seinem neuen Buch "Ego" unsere Gesellschaft als neoliberalen Horror-Kapitalismus - in dem Computer nicht nur selbstständig handeln sondern auch permanent Daten über uns sammeln, um daraus Profit zu schöpfen.

"In der modernen Welt hat nicht mehr der die Macht, wie Karl Marx noch glaubte, der die Maschinen hat, sozusagen wie damals die Produktionswelten, sondern der, der die Sensoren hat, der, der die Überwachungssysteme hat, die Analysesysteme und so weiter", sagt Frank Schirrmacher. "Und der entscheidet auch über den Wert von Menschen. Ob das nun in einer Versicherung ist, oder an der Wallstreet, oder wo auch immer."
 

"Entfesselte Algorithmen in der Finanzwelt"

Information

 (Bild: Karl Blessing Verlag)

Frank Schirrmacher: "Ego – das Spiel des Lebens"

Erschienen im Karl Blessing Verlag, kostet 19,99 Euro, 352 Seiten, ISBN: 978-3896674272
Schirrmacher beschreibt in seinem Buch den kalten Krieg als den Anfang allen Übels. Als Geburtsstunde dieser wahnsinnigen Logik: des Überwachens und digitalen Sammelns von Informationen über alles und jeden: Damals entwickelten Mathematiker Computerprogramme, die die nächsten Schritte des Gegners voraussagen sollten. Sie arbeiteten dabei mit der sogenannten Spieltheorie, die dem Anderen ausschließlich egoistisches Handeln unterstellte.

Schirrmacher zeigt, wie mit dem Ende des kalten Krieges diese Logik auf die Wallstreet übergreift: Weil die arbeitslosen Pentagon- Mathematiker und Physiker in die Welt des Geldes wechselten - mit ihren Algorithmen, Formeln und Computerprogrammen. Wie im kalten Krieg ging es auch dort radikal und ausschließlich um den eigenen Vorteil. Frank Schirrmacher erklärt: "Es sind entfesselte Algorithmen in der Finanzwelt, die nach Spieltheoretischen Modellen innerhalb von Nanosekunden ständig operieren. Also: den Gegner bluffen, angreifen, das Gemeinwohl spielt da natürlich überhaupt keine Rolle mehr. Und aus diesem Ganzen zum Teil katastrophale Kaskaden in Gang setzen."
 

Wem können wir noch trauen?

Denn schon lange geht es nicht mehr um den Wert der realen Wirtschaft. Es geht darum, möglichst viele Informationen zu sammeln, um schneller und erfolgreicher zu sein. Egal, ob es um Wetten auf ganze Staaten oder um uns geht. Denn mit Google, Amazon oder Facebook sind wir alle längst Teil des Spiels. Wir werden ausgelesen: Was werden wir als nächstes tun? Was kaufen? Was denken wir? Wie wir uns selber sehen, ist dabei längst zur Nebensache geworden. Und weil wir das irgendwie merken, fangen auch wir an zu spielen.

"Das ist ein Spiel, wenn eine Gesellschaft so, und ich denke das ist so, das heißt nicht, dass jeder ein Pokerspieler ist, aber jeder muss mit seinem Leben so umgehen, als hätte er verdeckte Karten." Am Ende macht uns das krank, weil wir nicht mehr wissen, wer wir sind. Und wem wir trauen können. Warum unternimmt die Politik eigentlich nichts dagegen? Schirrmachers Antwort: Sie sind selbst Gefangene des Spiels, müssen sich am großen Poker beteiligen. Ein falsches Wort und der Finanzmarkt schlägt unbarmherzig zu. Den kalten Krieg gewannen die Amerikaner mit der Ankündigung des Raketenabwehrsystems SDI. Den kalten Krieg an den Finanzmärkten versucht die Politik mit fiktiven Rettungs- Schirmen zu überleben.
 

Bleibt der Mensch auf der Strecke?

"Der Rettungsschirm ist das SDI des 21. Jahrhunderts. Und die 'Nukes', die Atombomben, sind in den Finanzmärkten auf uns gerichtet. Und die handelnden Politiker, sind Politiker, die nicht mehr offen reden können, weil sie eben nicht die Gegenseite auf Gedanken bringen wollen", erklärt der Autor. "Sie haben exakt das Modell des kalten Krieges. Und wer glaubt, dass das an der Öffentlichkeit vorbeigeht, dass uns das nicht alle, jeden selber, zu diesem Misstrauen führt, das wir ja auch alle haben, der erkennt glaube ich die Realität nicht." Wie können wir uns befreien, das Spiel beenden? Gibt es Lösungen?

Schirrmacher bleibt hier leider etwas vage, setzt darauf, dass Europa Gegenstrategien entwickelt. "Dass Europa, das so viel Geld für alles Mögliche ausgibt, durchaus den Ehrgeiz haben könnte, Alternativen zu den riesigen amerikanischen Plattformen aufzubauen die nicht den Marktmechanismen unterliegen. Ob das nun eine eigene Suchmaschine ist die sehr wichtig werden wird, ob das eigene soziale Plattformen sind, was auch immer. Ich glaube sowieso, dass es dazu kommen wird, einfach weil die Menschen sich von diesem System dann doch verkauft fühlen."

Auch wenn der Rückgriff auf den kalten Krieg manchmal etwas überstrapaziert wird - Schirrmacher trifft mit "Ego" den Nerv der Zeit. Ein anregendes Buch, über einen völlig entfesselten Kapitalismus, bei dem der Mensch auf der Strecke bleibt.
 
Redaktion: than / nrc
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 22.02.2013, 15:09 Uhr
 
 

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