hr-online Informationen aus Hessen
ARD.de Hilfe Feedback Die RSS-Angebote des hr Folgen Sie uns auf twitter hr-online bei Facebook
 
8.06.2012

75 Jahre Carmina Burana

Mit Donnerschlag in die Musikgeschichte

Carl Orff (1895 - 1982) (Bild:  picture-alliance/dpa)
Carl Orff (1895 - 1982) in einer undatierten Aufnahme
Carl Orff hatte nicht mit einem solchen Erfolg seiner "Carmina Burana" gerechnet, als das Stück am 8. Juni 1937 in Frankfurt uraufgeführt wurde. Die Beliebtheit des deftig-erotischen Werkes mit seinen wuchtigen Ohrwürmern ist bis heute ungebrochen.
 

Information

Termine in Hessen

15. Juni 2012
Staatstheater Kassel

23. und 24. Juni 2012
hr-Sinfonieorchester
Dirigent: Paavo Järvi
Kloster Eberbach, Basilika, Eltville
Eröffnungskonzerte des Rheingau Musik festivals

16.08.2012, 20:00 h
Hanau, Amphitheater am Schloss Philippsruhe

Wie so oft, spielte der Zufall bei der Entstehung des Werkes eine große Rolle: In einem Würzburger Antiquariatskatalog fand Carl Orff eine Sammlung von 254 Lied- und Dramentexten aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Da standen Texte in mittellateinischer, mittelhochdeutscher und altfranzösischer Sprache. Darin ging es recht weltlich zu, auch wenn der Titel der Liedsammlung "Carmina Burana" übersetzt heißt "Lieder aus Benediktbeuern", dem weltberühmten Kloster. Aber der Name bezog sich nur auf den Fundort der Pergamenthandschrift, nicht auf den Inhalt. Wie die Handschrift nach Benediktbeuren gelangte, ist bis heute nicht erforscht. Einflüsse, sei es in Schriftart, Dialekten oder sogar in den acht überlieferten Miniaturen, werden in Bayern, Tirol und Italien verortet.

Deftig bis grob

Die "Carmina Burana", wie sie als Manuskript in Benediktbeuren überliefert sind, umfassen moralische und Spottgesänge, auch gegen die Kirche, deren Korruptheit und Geldgier auf den Arm genommen wurde. Geradezu hymnisch wird die Wiederkehr des Frühlings besungen. Durchgängig offenherzig und teilweise drastisch wird es, wenn es um die sexuelle Verführung geht, einige Lieder geben Zeugnis von Vergewaltigungen. Ein Textdichter greift so richtig in die Vollen und berichtet von einem Liebesakt mit der Liebesgöttin Venus, der beinahe zehn Stunden gedauert haben soll. Homosexualität, durchaus ein Thema der klerikalen Dichtung des Mittelalters, fehlt völlig.

Fehlende geistliche Lieder

Dazu kommen Trink- und Spielerlieder sowie zwei längere geistliche Theaterstücke. Vermutlich enthielt die Sammlung ursprünglich auch geistliche Lieder, die möglicherweise bei der Bindung zum Folianten verloren gingen. Derber Spaß und sittlicher Ernst konnten im Mittelalter durchaus nebeneinander bestehen - das weiß man heutzutage auch aus der Erforschung anderer Codices.
 

"Mittelalterliche" Ohrwürmer

Genau diese Mischung das interessierte den Komponisten. Orff entschied sich für 24 Stücke und sortierte sie: Thematisch ordnete er sie ein in Frühlingslieder, in Fress- und Sauflieder der Vaganten und in die Erotik zwischen Mann und Frau.

Vor 75 Jahren steckte die Erforschung der mittelalterlichen Musik noch in den Kinderschuhen, also komponierte Orff eine Musik, die ihm mittelalterlich erschien: Er schuf einfache melodische und harmonische Strukturen mit richtig eingängigen Melodien. Und die sind selbst heute noch zum großen Teil echte Ohrwürmer.
 

Zu undeutsch und pornografisch

Mit der Einfachheit seiner Komposition machte sich Orff nicht nur Freunde. Igor Strawinsky etwa spöttelte: "neo-neandertalsche Schule". Andere warfen Orff vor, er habe sich mit dem Werk den Nationalsozialisten angedient. Das lag jedoch eher am Verhalten des Komponisten in dieser Zeit, das durchaus bedenkenswert ist, als an der Musik, die kaum den offiziellen völkischen Musikvorstellungen der Nazis entsprach. Lateinisch galt als "undeutsch" und der geballte Eros einiger Stücke als pornografisch. Insgesamt wurde Orffs Musikstil als "bayerische Niggermusik", als zu "jazzy" abqualifiziert.
 

Alles einstampfen!

Am 8. Juni 1937 kamen die "Carmina Burana" an den Städtischen Bühnen in Frankfurt - damals noch in der heutigen "Alten Oper" - in der Inszenierung von Oskar Wälterlin und der musikalische Leitung von Bertil Wetzelsberger zur Uraufführung. Orff selbst wusste relativ früh, dass er ein außergewöhnliches Werk geschaffen hatte. Nach dem Frankfurter Erfolg schrieb er an seinen Verleger: "Alles, was ich bisher geschrieben und was Sie leider gedruckt haben, können Sie nun einstampfen! Mit den 'Carmina Burana' beginnen meine gesammelten Werke!"

Doch die Nationalsozialisten bremsten den Siegeszug des Stückes erst einmal aus: Erst 1940 kam in Dresden eine zweite szenische Aufführung zustande. Verboten wurde Orffs Musik nicht, blieb aber umstritten und wurde kritisch beobachtet.
 

Stück der Popkultur

Verhindern konnten die NS-Machthaber den Erfolg der Carmina Burana nicht. Der Eingangschor "O fortuna", bei dem das ganze Orchester und der Chor in höchster Lautstärke starten, wurde bald zum populärsten Stück der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts und gehört heute zur Popkultur. Man hört ihn in der Werbung, und Weltstars wie Michael Jackson oder David Copperfield haben mit diesem Stück das Publikum vor ihren eigenen Auftritten aufgeheizt. Kein Werk der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts wurde häufiger aufgeführt.
 
Redaktion: nrc
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 5.06.2012, 16:24 Uhr
 
 

Podcast

Schnack mit Lack

Zum Anhören: Klatsch und Tratsch aus der Musik- und Promiwelt

hr3 - Schnack mit Lack
 

hr-Sinfonieorchester

Konzert-Abos online bestellen!

Sie können alle Abonnements des hr-Sinfonieorchesters bequem online bestellen. Nutzen Sie die attraktiven Vorteile und wählen Sie aus dem vielfältigen Angebot das passende für Sie aus. [mehr]
 

hr-Konzerte

hr-Sinfonieorchester

Alle Konzerte der laufenden Saison im Überblick [mehr]

hr-Bigband

Alle Konzerte der laufenden Saison im Überblick [mehr]

Lunchkonzerte

Musikalischer und kulinarischer Genuss am Sonntag [mehr]

Kammerkonzerte in Hessen

Ein Überblick über die kommenden Konzerte [mehr]

hr-Kinderkonzerte

Konzerte für Kids die begeistern und Spaß vermitteln an Musik mit dem beliebten Team rund um hr2-Moderator Niels Kaiser [mehr]
 

CD-Label

hr-music

Das kreative CD-Label des Hessischen Rundfunks bietet Musikproduktionen, die auf dem CD-Markt sonst nicht zu finden sind. [mehr]
 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.