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3.02.2013

"Musik so klingen lassen, wie sie gedacht war"

Andreas Scholl greift zum Taktstock

Krachmännlich mit hoher Stimme: Countertenor Andreas Scholl (Bild: Eric Larrayadieu)
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Krachmännlich mit hoher Stimme: Countertenor Andreas Scholl
Mit seiner einzigartigen Stimme zählt Andreas Scholl aus Kiedrich zu den bedeutendsten Countertenören weltweit. Jetzt will er zum ersten Mal selbst ein Konzert dirigieren.
 

Information

Konzerte:

Am 23. Februar um 19.30 Uhr im Roten Saal
der Hochschule für Musik in Mainz. Eintritt frei.

Am 24. Februar um 17.00 Uhr im Kaisersaal im Frankfurter Römer. Eintritt zwischen 15 und 25 Euro.
Scholl, der in Kiedrich geboren wurde und nach einem längeren Abstecher nach Basel wieder im Rheingau lebt, will mit seinem neuen Vorhaben die Erfahrungen umsetzen, die er als Sänger gemacht hat. "Als Musiker muss man immer versuchen, sich
weiterzuentwickeln, neue Herausforderungen zu suchen. Ich sehe mich gar nicht richtig als Dirigent. Sondern es gibt ein Repertoire, das mir sehr am Herzen liegt und das ich als Sänger über viele Jahre hinweg immer wieder gesungen habe. Da kommt man irgendwann an einen Punkt, wo man sagt: Ich würde die Musik gerne einmal so klingen lassen, wie ich denke, dass sie gedacht war. Wir versuchen uns ja nur einer Ahnung anzunähern, die Bach uns vermitteln will", sagte der 45-Jährige in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa am Freitag.
 

Programm mit Bach

In zwei Konzerten wird Andreas Scholl sein Talent als Dirigent erproben: in der Mainzer Musikhochschule und im Kaisersaal im Frankfurter Römer. Zu hören sind dann Kantaten von Johann Sebastian Bach: "Ich erfinde Bach natürlich nicht neu und habe auch keine revolutionären Ideen dazu und will mich auch gar nicht von jemandem abgrenzen - aber so, wie ich Bach jetzt dirigiere, habe ich Bach entdeckt und so empfinde ich diese Musik", sagt Scholl.
 

"Der arme Kerl"

Wenn Andreas Scholl vor einem Publiukum auftritt, das nicht weiß, was es erwartet, verblüfft er. Denn der Mann ist groß, 1,92 misst er, sportlich. Ein ganzer Kerl, denkt man - bis er anfängt zu singen. Er singt so hoch, wie es früher nur Kastraten konnten. Das klingt wunderschön, aber irritiert auch immer wieder. "In Schwäbisch-Gmünd habe ich gesungen" sagte er in der hr-Sendung 'hauptsache kultur'. "Ein Kollege stand nach dem Konzert vor der Kirche und zwei ältere Damen kamen raus und die eine sagte: Schee gesungen hat er ja, aber er ist doch n armer Kerl."
 

Von der MET zu The Last Night of the Proms

Dabei ist der "arme Kerl" ist ein Weltstar. Andreas Scholl hat an der New Yorker MET gesungen, feiert Triumphe in den großen Konzerthäusern der Welt und sang als erster Countertenor überhaupt bei "The Last Night of the Proms" in London. Was er kann, schaffen nur wenige Männer: so hoch singen, dass der Gesang mühelos 5000 Zuhörer verzaubert.

Bis heute hat er zahlreiche CDs aufgenommen und mit den bekanntesten Ensembles der Welt gespielt. Pro Jahr gibt er mehr als 40 Konzerte, zweimal gewann er bis jetzt bei den Grammophone Awards und zweimal den Echo.
 

Der Rat seines Lebens

Andreas Scholl, geboren am 10. November 1967, stammt aus Kiedrich im Rheingau. Schon als Kind hatte er eine glockenklare, kräftige Stimme. In der Kiedricher St. Valentinus-Kirche sang er schon mit sieben Jahren jeden Sonntag mit den "Kiedricher Chorbuben" den gregorianischen Choral. Hier begann seine Karriere, hier fing alles an. Der Chorleiter gab ihm den Rat seines Lebens. Er soll einfach trotz Stimmbruch weiter hoch singen, um die Knaben-Stimme zu erhalten.

Mit 17 erkannte die Stimmtrainerin der Chorbuben das mögliche Potential in der Stimme von Andreas Scholl, die nicht mehr wie ein Knaben-Alt, sondern immer mehr wie ein Countertenor klang. Und er traf den Entschluss, Sänger zu werden. Von 1987 bis 1993 studierte er an der Schola Cantorum Basiliensis bei Richard Levitt und René Jacobs und schloss mit einem Diplom für "Alte Musik" ab. Ab dem Jahre 2000 leitete Andreas Scholl selbst eine Gesangsklasse an der Schola Cantorum Basiliensis.
 

"Der Name der Rose"

Nach zwanzig Jahren im Ausland ist Andreas Scholl wieder in den Rheingau zurückgekehrt. In einem alten Weingut hat er sich ein Studio eingerichtet, hier bereitet er seine Konzerte in der ganzen Welt vor. Seiner Heimat fühlt er sich stark verbunden. Mit fast jedem Ort hier verbindet er besondere Erinnerungen. Im Kloster Eberbach etwa hat er als Statist mitgewirkt bei den Dreharbeiten zum Film "Der Name der Rose" und auch damals schon gesungen: "Meine Aufgabe war, immer bei den Szenen, wo Sean Connery und die anderen Schauspieler Choral singen mussten, stand ich da neben dran, außerhalb des Bildes und musste immer laut mitsingen zu dem, was vom Band kam, um das synchrone Mitsingen zu ermöglichen."

Damals ahnte niemand, was aus dem Statisten einmal werden sollte: Der Countertenor mit der unzweifelhaft schönsten Stimme unserer Zeit.

Countertenöre sind Sänger, die durch eine besondere Technik so hoch singen können wie Frauen. Dabei erreichen sie mit ihrer trainierten Kopfstimme die Alt-, manche sogar die Sopranlage. Beim Sprechen klingt die Stimme hingegen in der normalen, tiefen Männerlage. Die meisten Countertenöre singen, wenn sie die spezielle Technik nicht anwenden, in der Baritonlage.

Gefragt sind diese Spezialisten vor allem bei der Aufführung von Barockmusik. Dabei singen sie meist jene Rollen, die früher Kastraten vorbehalten waren. Zu den bekanntesten Countertenören zählen - neben Andreas Scholl - Jochen Kowalski, Max Emanuel Cencic und Philippe Jaroussky. In der Pop-Musik erlangte der Countertenor Klaus Nomi große Bekanntheit.
 
Redaktion: nrc
Bild: © Eric Larrayadieu
Letzte Aktualisierung: 1.02.2013, 16:56 Uhr
 
 

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