hr-online Informationen aus Hessen
ARD.de Hilfe Feedback Chats und Foren

Sternenzauber

Andreas Cellarius: "Harmonia Macrocosmica"

 (Bild: Taschen)
Ausschnitt Buchcover
Man weiß kaum etwas über ihn, den Mathematiker und Schulmeister Andreas Cellarius aus Worms. Was der kluge Mann uns jedoch hinterlassen hat, sind seine Himmelskarten, die ihn zu einem der berühmtesten Kartografen des 17. Jahrhunderts haben werden lassen.
 

Das Wenige, das uns über die Person Andreas Cellarius bekannt ist, lässt sich schnell schreiben. Er soll um 1596 in Neuhausen bei Worms am Rhein auf die Welt gekommen sein. Der Vater, Andreas Cellarius d.Ä., ist Pastor in dieser Kleinstadt, von der Mutter weiß man nichts.
 

Andreas Cellarius: Harmonia Macrocosmica 

Titelseite
Das Ptolemäische System
Die Mondphasen
 
Klicken Sie auf ein Bild, um in die Galerie zu gelangen (7 Bilder)
 

Cover Andreas Cellarius: Harmonia Macrocosmica

Information

Andreas Cellarius: Harmonia Macrocosmica

herausgegeben von Dr. Robert van Gent,
Hardcover, 32 x 53 cm, 240 Seiten
  • ISBN 3-8228-5290-2 (Deutsch, Französisch, Englisch)
    Oktober 2006
  • ISBN 3-8228-1558-6 (Italienisch, Spanisch, Portuguiesisch)
    April 2007
€ 99,99
Taschen Verlag
Später zieht die Familie nach Heidelberg, wo der junge Andreas studiert. Mit dem Jahr 1618 bricht der Dreißigjährige Krieg über Europa herein, und Andreas verschlägt es – vermutlich im militärischen Umfeld – nach Polen. 1625 gibt es dann einen Eintrag im Standesamtsregister von Amsterdam. Da wird er als 30 Jahre alter Schulmeister geführt, der heiratet und Vater eines Sohnes wird. Er zieht um nach Den Haag, dort kommen zwei weitere Söhne auf die Welt.

Dann geht es weiter nach Hoorn, er ist Rektor der Lateinschule. Sein Amt lässt ihm genügend Zeit um wissenschaftliche Schriften zu verfassen. Er schreibt über den Festungsbau sowie Städte und Regionen in Polen. Doch die ganze Zeit über müssen ihn vor allem das Universum und seine Geheimnisse fasziniert haben, denn 1660 erscheint sein Hauptwerk, die „Harmonia Macrocosmica“, die er schon seit 1647 geplant hat. Zwei Bände soll sie umfassen, doch der zweite Band erscheint nie. Im Frühjahr 1665 stirbt Andreas Cellarius im Alter von 70 Jahren. Es gibt weder ein Grab noch ein Denkmal.
 

Entdeckergeist

Das 17. Jahrhundert ist die Epoche, in der die Menschen all das, was sie umgibt, erkunden, vermessen, erforschen, niederschreiben, darstellen. Es ist die Zeit prächtiger Atlanten, die die Terra Cognita, die bekannte Erde, zeichnerisch in den Griff zu bekommen versuchen. Der Buchdruck wird immer kostengünstiger und populärer, demokratisiert in ungeahnter Weise Wissen. Auch das der Astrologie. Andreas Cellarius hat das Glück, den Verleger Johannes Janssonius kennen zu lernen, der bereits den Atlas Novus herausgebracht hat und dem die Himmelskarten des Schulmeisters gut ins verlegerische Konzept passen.
 

Vom Einhorn und dem Tucan

In ewiger Eintracht: Tucan, Hydra, Phoenix und Chamäleon (Bild: Taschen)
Vergrößern
In ewiger Eintracht: Tucan, Hydra, Phoenix und Chamäleon
Und was für eine Pracht haben uns die beiden wissbegierigen Männer hinterlassen. Auf 29 doppelseitigen Tafeln erklären uns die Zeichnungen des Andreas Cellarius die Weltsysteme von Claudius Ptolemäus, Nikolaus Kopernikus und Tycho Brahe. Da finden wir die Bahnen von Sonne, Mond, den Planeten und die Stellung der Sternbilder in verschiedenen Aspekten. Da tobt der Bär dem Einhorn hinterher, die Waage schaut auf ihre oszillierenden Schalen, der Fisch schwimmt durch das Weltall und sogar der heutige brasilianische Nationalvogel, der Tucan – oh moderne Zeiten des 17. Jahrhunderts – sitzt der Schlange Hydra auf dem Kopf. Markiert wird ihr jeweiliger Himmelsplatz durch die unendliche Zahl der Sterne am Firmament – alles in schönster, in farbenprächtigster Weise. Da geht es geozentrisch zu – alles dreht sich um die Erde, und da geht es heliozentrisch zu – alles dreht sich um die Sonne. Galileo Galilei hatte schon längst mit wissenschaftlich fundiertem Trotz „Und sie dreht sich doch“ gerufen. Manche der Tafeln sind so etwas wie Vorläufer von Google Earth, denn die Sternenbahnen sind auf die geografische Darstellung der Erde projiziert. Und an den Ecken und Kanten der meist runden Darstellungen des Universums sitzen die Gelehrten mit ihren Stechzirkeln und Winkeln, später dann auch mit dem Teleskop. Was interessant ist: Gelegentlich sitzt da auch eine gelehrte Frau und hält das Handwerkszeug der Astrologie an den Busen gepresst mit Blick nach oben in die Unendlichkeit – und manchmal noch viel weiter!
 

Farbenprächtige Wissenschaftsgeschichte

Ergänzt werden die Himmelskarten durch die Erläuterungen des Cellarius-Forschers Robert van Gent. Er erklärt nicht nur das, was wir in diesem Buch vor uns sehen, sondern gibt uns auch einen Abriss der Geschichte der Astrologie: von den alten Ägyptern, die bereits um 2500 v. Chr. Sirius zum Stern der Göttin Isis und Orion zum Stern des Gottes Osiris machen; von den ersten Berechnungen um 500 v. Chr. in Babylon; von Ptolemäus, der 150 n. Chr. die erste wissenschaftliche Beschreibung verfasst; vom Niedergang der Wissenschaften nach Karl dem Großen, als die Menschen in Europa nicht mehr Griechisch lernen und das Wissen verloren geht, das zur gleichen Zeit aber im Islam seine Blütezeit erlebt; von der Zeit der Renaissance, als die Menschen in ihrem Drang nach vorne den Blick zurück wagen und die alten Griechen wiederentdecken; vom ersten modernen Himmelsatlas, den der Augsburger Jurist Johann Bayer 1603 veröffentlicht; ganz zu schweigen von den großen Wissenschaftlern Galilei, Kopernikus, Kepler; auch von Christiaan Huygens, der sich beschwert, dass Cellarius den von ihm entdeckten Saturnmond Titan schlichtweg unterschlagen habe.

Ein Glossarium erklärt uns die unzähligen lateinischen Begriffe, mit denen Cellarius seinen Zeitgenossen die Himmelssphären näher bringt. Auch die heute gängigen Befriffe sind verzeichnet und leicht verständlich beschrieben.
 

Ein sinnliches Vergnügen

Der prachtvolle Band verleitet dazu, den Finger zu nehmen und die Orbits, Kreise und Elypsen entlang zu fahren, die die Planeten, die Monde, die Sonne und die Erde einschlagen, so wie sie sich die Gelehrten der jeweiligen Epochen vorgestellt und errechnet haben - wobei sie sich, wie wir heute wissen, manchmal doch heftig verrechnet haben. Eine Reise "per Anhalter durch die Galaxis" auf dem Papier, spannend und manchmal ebenso erheiternd wie die absurde Geschichten des Douglas Adams. Die Karten des Andreas Cellarius erheischen – auch so ein schöner alter Ausdruck – Respekt. Einen tiefen Respekt vor dem, was die Menschen in ihrer Zeit mit ihrem Verstand, mit ihrer Leidenschaft, mit ihren Hilfsmitteln, mit ihren Beobachtungen und Berechnungen auf die Beine gestellt haben – um sich das zu erklären, was wir auch heute noch nicht vollständig erkennen können: das Strickmuster des Lebens.

Vorgestellt von Nicole Rodriguez Cardenas
 
Redaktion: nrc
Bilder: © Taschen (2)
Stand: 14.12.2006
 

Suche in allen Buchkategorien

 
 
hr-online enthält Links zu anderen Internetangeboten. Wir übernehmen keine Verantwortung für Inhalte fremder Webseiten.