Oliver Bottini ist ein Neuling in der Krimigemeinde. Er praktiziert Kung Fu und Qi Gong und es verwundert nicht, dass in seinem brillanten Krimidebüt ein junger Mann aus Fernost das Leben im beschaulichen Freiburg gründlich durcheinander wirbelt.
Ein buddhistischer Mönch stolpert durch den nebelverhangenen, verschneiten Ort Liebau in der Nähe von Freiburg, so schemenhaft, dass der ortsansässige Polizist Hollerer glaubt, seine verstorbene Frau hätte ihm mal wieder ein Zeichen gesandt. Doch der Mönch ist echt, so wie er leicht bekleidet vor der Kirche sitzt, friert, von den Dorfbewohnern angestarrt und von Hollerer beherzt mit einem belegten Brötchen versorgt wird. Der Mönch hat eine Wunde am Kopf. Dann verschwindet er wieder im Nebel.
Oliver Bottini:
Mord im Zeichen des Zen
ISBN: 3502611173
Euro 14,90
Scherz Verlag
22. September 2004
Das Kommissariat in Freiburg wird verständigt, und Louise Boní muss raus, den Mönch suchen, obwohl sie frei hat, obwohl sie den Schnee hasst, obwohl es ihr nicht gut geht und ihre sehr privaten Gespenster sie verfolgen: der Bruder, der im Schnee tödlich verunglückte, der Ehemann, der sie im Schnee verließ, und der pädophile Vergewaltiger, den sie im Schnee erschoss. Diese drei begleiten sie, wohin sie auch geht. So auch bei der Taxifahrt nach Liebau, auf der der Fahrer mit ihr redet, obwohl sie nur zurückknurrt. Er wird ihr später im Gefecht gegen ihre Schimären helfen.
Louise stapft mit Hollerer und einem jungen Ortspolizisten Niksch durch den verschneiten Wald. Sie finden den Mönch. Er hat sichtbar Angst, redet aber nicht. Louise weiß nicht warum, aber sie folgt dem Mönch auf seiner Wanderung durch die Nacht. Doch es ist eine Flucht. Drei Männer verfolgen den Buddhisten. Louise alarmiert am nächsten Morgen ihr Kommissariat, aber keiner glaubt ihr. Vor allem nicht ihr Chef, der sie eigentlich loshaben will. Er traut ihr nicht mehr, seit sie diesen Mann erschossen hat und zu oft zu tief in die Flasche schaut. Aber Louise gibt nicht auf.
Dann findet man Hollerer angeschossen im Wald, und Niksch ist tot. Louise wird suspendiert, obwohl sie die richtige Ahnung hatte. Aber das kann der Chef nicht auf sich sitzen lassen. Trotzdem macht Louise weiter und stößt auf einen internationalen Kinderhändlerring...
Oliver Bottinis Erstling hat es in sich. Er verfügt über alle Zutaten, die einen guten Thriller ausmachen: eine Story, die sich von einer kleinen Begebenheit auswächst zu einem hochpolitischen Thema; eine angeschlagene Hauptfigur, Kommissarin Louise Boní, die in ihrem Beruf über die Portion Hartnäckigkeit verfügt, welche ihr bei privaten Konflikten fehlt; good und bad boys bei den Kollegen sowie ein Chef, der mobbt.
Bottini gelingt eine subtile Charakterisierung seiner Figuren und findet nicht nur dabei das richtige Maß. Der Krimi rutscht nicht, wie leicht zu befürchten wäre, in die Esoterik-Ecke ab. Er vermittelt vielmehr profunde Kenntnisse der asiatischen Lebensweise und behält gleichzeitig seine internationale politische Thematik konsequent im Auge.
Das Ende bleibt offen, verweigert dem Leser die übliche Zufriedenheit, denn nichts ist im Lot, auch wenn das Verbrechen geklärt ist. Da ist der Roman überzeugend realistisch. Das zeichnet ihn aus.