In ihrem neunten Roman kehrt die Frankfurter Autorin wieder zu ihren "alten Bekannten" in ein oberhessisches Dorf zurück und unternimmt in einer verwobenen Geschichte eine Zeitreise in den 1968er "Summer of Love".
Sophie Winter hat einen Schlüsselroman mit dem Titel Summer of Love geschrieben, der zum Bestseller geworden ist und gerade mit prominenter Besetzung verfilmt wird. Sie hat zudem das Haus gekauft, in dem der Roman spielt, und sich dorthin zurückgezogen. Das Haus liegt nun in jenem hessischen Dorf, in dem Paul Bremer, Frankfurter Ex-Werbefachmann, seit mehreren Jahren lebt.
Information
Anne Chaplet "Schrei nach Stille"
336 Seiten, 19,90
ISBN 978-3471772829
List
August 2008
Summer of Love erzählt die Geschichte zweier junger Frauen, Angel und Sascha, und eines jungen Mannes, Charles, die vom Frankfurter Studentenleben und der heißen politischen Zeit im 1968er Sommer die Nase voll haben, in die vermutete Natürlichkeit des oberhessischen Landlebens entfliehen und sich dem Sex, der Liebe und den Drogen hingeben. Die Dorfbewohner beäugen sie misstrauisch, diese ausgeflippten Hippies, die nur zu einer jungen Frau Kontakt herstellen können, die als verrückt und zudem nymphomanisch verschrieen ist. Paul Bremers heutige Freunde und Nachbarn, auch die örtliche Polizei, machen den drei Paradiesvögeln die Hölle heiß und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. Nach dem letzten Eklat verschwindet Sascha spurlos; bis heute, 40 Jahre danach, weiß keiner, was aus ihr geworden ist. Sophie Winters Buch gibt eine eindeutige Antwort: Die Dorfbewohner haben Sascha durch den Wald zu Tode gehetzt und ihre Leiche verscharrt.
Ausgeschlossen
Das reicht den Dorfbewohnern heute, um die Autorin zu meiden, die sie so in Misskredit gebracht hat. Keiner kümmert sich um diese merkwürdig verschusselte Frau, selbst nach einem gewaltigen Sturm nicht, der die Bäume in ihrem Garten entwurzelt und das Hausdach zerstört. Paul Bremer, der Zugezogene und halbwegs Eingemeindete, solls richten. Er schaut nach und findet die Autorin unter einem Stamm eingeklemmt, mit Schrammen davongekommen. Zuvor hat er jedoch das Haus nach ihr durchsucht und ist auf viele kleine Notizzettel gestoßen, vollgeschrieben mit Gedanken und Ideen, aber auch mit klaren Anweisungen für den Einkauf, für zu erledigende Arbeiten. Bremer erkennt, dass die Autorin, die in ihrem Buch die Erinnerung an einen Sommer vor 40 Jahren verewigt hat, mehr und mehr ihr Gedächtnis verliert und sich dessen bewusst ist: Sophie Winter leidet unter Alzheimer.
Neuer Frankfurter Protagonist
Zur gleichen Zeit ist Kriminalhauptkommissar Giorgio DeLange alleinerziehender Vater zweier pubertierender Töchter und nach einer Verletzung in die Pressestelle des Frankfurter Polizeipräsidiums versetzt und neuer Held im Chapletschen Universum am Set, um die Dreharbeiten zu Sophie Winters Roman fachlich zu beraten. Die Hauptdarstellerin bringt ihn dazu, den Roman zu lesen. Die Geschichte erinnert ihn an einen ungelösten Fall, den sein früherer Ausbilder zu Schulungszwecken herangezogen hatte. Diese Koinzidenz lässt ihn nicht los. Mit der Begründung, den Bestand des Polizeimuseums zu erweitern, schafft er es mit Karen Starks Hilfe Staatsanwältin und Paul Bremers beste Freundin die alten Akten nach Frankfurt zu bekommen. Und er macht eine spektakuläre Entdeckung.
40 Jahre später
Anne Chaplet ist nicht die einzige, die pünktlich zum 40. Jubiläum des kurzen, aber nachhaltigen 68er Sommers in einem Buch Bilanz zieht. Sie nimmt sich nicht der politischen Heroen der damaligen Zeit an; sie vermeidet den Abgesang einiger ihrer Kollegen auf die damaligen Auseinandersetzungen. Chaplet wirft einen Blick auf die Hippies, die vor 40 Jahren ein vollkommen anderes Weltverbesserungskonzept als SDS, APO und K-Gruppen hatten. Sie holt sie anhand der drei Figuren aus der romantisierten Ecke der Friedfertigkeit und stellt sie - Krimiautorin, die sie ist mitten hinein ins Verbrechen. Da bleibt nicht mehr viel von Unschuld, von Flower Power und Make Love Not War. Ihre Blumenkinder müssen sich besitzergreifender Liebe und verbotenen Gefühlen, Schuld und Selbstbetrug stellen und versagen.
Über das Vergessen
Den größten Raum bietet Anne Chaplet dem Vergessen anhand der Figur von Sophie Winter, deren Zerfall sie in einem "inneren Monolog" dieser Hauptfigur eindringlich beschreibt. Mich beschäftigt beides, so Chaplet, nicht nur die Gefahr des Vergessens, sondern auch die Gnade, die darin liegen kann, wie es Theodor Heuss formuliert hat. Mich beschäftigt der Konflikt zwischen beidem. Mich interessiert das Menschenmögliche. Und das, was Menschen überfordert.
Anne Chaplet handelt diesen Konflikt nicht nur an der Figur der erkrankten Sophie Winter ab. Auch die Dorfbewohner die im Laufe von Anne Chaplets literarischem Schaffen schon einiges an Vergangenheitszumutungen auszuhalten hatten wollen vergessen, wie sie sich vor 40 Jahren aufgeführt haben, und werden doch vehement daran erinnert. Wie immer macht Anne Chaplet das auf dem hohen Niveau, das sie zu einer der besten deutschen Krimiautorinnen macht. Sie beschreibt nicht nur einen konkreten Fall das wäre unterhaltsam, aber nicht mehr. Sie schildert Konflikte zwischen Städtern und Dörflern, zwischen Politisierten und Traditionsverwurzelten, zwischen denen, die ein gesellschaftliches Gerüst zerstören wollen, und denen, die es zum Leben brauchen. Da bleiben Konflikte ungelöst, weil nicht aufhebbar. Ein politisches Buch also, ganz in 68er Analyse-Manier, aber weniger radikal, weniger ideologieverbrämt, ein wenig geläutert durch die Zeitläufte, scharf, aber liebevoll. Großartig eben!