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Für Liebhaber schrägen Humors

Daniel Pennac: Sündenbock im Bücherdschungel

Es gibt bestimmte Prinzipien, die gemeinhin einen Krimi ausmachen: die Handlung ist in einer gewissen logischen Realität verankert, die Charaktere und ihre Entwicklung nachvollziehbar. Nun, wer darauf Wert legt, sollte dieses Buch links liegen lassen, denn bei Daniel Pennac wird man nichts davon finden. Trotzdem – besser: deswegen – gehören seine Kriminalromane um seinen Helden Benjamin Malaussène zu den hinreißendsten Exemplaren ihrer Art.

Benjamin Malaussène hat einen gefährlich Job. Er ist der Sündenbock für die Reine Zabo. Diese wiederum ist Verlagsleiterin, und Malaussène wird von all den enttäuschten Möchtegern-Schriftstellern heimgesucht, deren Manuskripte Madame abgelehnt hat und die sich nun vor lauter Enttäuschung Malaussène und seine Büroeinrichtung vorknöpfen. Aber was bleibt Benjamin anderes übrig – er muss seine vielköpfige Familie ernähren.

Nun, er selber hat keine Kinder, aber seine Mutter war und ist amourösen Abenteuern nicht abgeneigt, was sich in der ständig wachsenden Geschwisterschar bemerkbar macht. Und da sie, statt sich mütterlicher Fürsorge zu ergeben, lieber mit ihren Liebhabern durch die Weltgeschichte zieht, ist Benjamin Ersatzvater für den Rest seiner Lieben.

Er wird unterstützt durch den franko-asiatischen Kriminalinspektor Van Thien, der die Ersatzmutter gibt und sich bei Verfolgungsjagden die kleinste der Malaussènes im Tragetuch auf den Rücken schnallt. Sie sehen, diese Familie ist etwas anders als andere Lebensgemeinschaften.
 

Buchcover

Daniel Pennac
Sündenbock im Bücherdschungel
Ein Malaussène-Roman

Deutsch von Eveline Passet
ISBN 3-462-03337-9
Euro 9,90
Kiepenheuer & Witsch


Nun vergibt Reine Zabo einen neuen Auftrag an Benjamin: Der Verlag, der normalerweise schöngeistige Literatur publiziert, hat ein Pferd im Stall, das alle anderen finanziert – den geheimnisvollen Autor J.L.B., dessen Trivialromane die Bestsellerlisten füllen. Doch J.L.B., in Wahrheit ein einflussreicher Mann, möchte inkognito bleiben, zu sehr würde der seriöse Herr, so heißt es, sich für seine erfolgreichen Publikationen schämen.

Doch das Lesevolk lechzt danach, den Autor kennen zu lernen. Also muss Benjamin ran. Er verkörpert fortan J.L.B., absolviert Lesereisen und erfüllt sämtliche Pflichten eines erfolgreichen Schriftstellers, bis er sein eigenes, an sämtlichen freien Flächen plakatiertes Konterfei nicht mehr ertragen kann.

Mehr sei nicht verraten. Es entwickelt sich eine turbulente Geschichte der Unwahrscheinlichkeiten, die auch dann nicht endet, als Benjamin während einer Lesung eine Kugel in den Kopf bekommt und fortan im Krankenhaus im Koma liegt. Pennacs Roman ist eine brillante Satire auf das so tod-ernste Genre, der nach allen branchenüblichen Seiten Hiebe verteilt. Wer schrägen Humor liebt, dem sei Herr Malaussène dringend ans Herz gelegt.

(Nicole Rodriguez Cardenas)
 
Redaktion: nrc
Stand: 27.05.2004
 

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