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20 Jahre Tschernobyl

Kirche kritisiert Haltung zur Atomkraft

Blick auf den zerstörten Reaktor des Kernkraftwerks Tscherobyl in der Ukraine (1986)  (Bild:  dpa)
Blick auf den zerstörten Reaktor - am 26.04.1986 zerstörte eine Explosion Block Vier des Kernkraftwerks Tscherobyl in der Ukraine
Tschernobyl, eine „vergessene Katastrophe“? Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) will das verhindern. Mit einem Symposium hat sie am Samstag an die Reaktorkatastrophe vor 20 Jahren erinnert – und die heutige Haltung der Öffentlichkeit zur Atomenergie kritisiert.
 

Kernkraft gelte heute wieder als sauberer Energieträger, sagte der Beauftragte der EKHN für ökumenische Diakonie, Hans-Jürgen Steubing, im mittelhessischen Langgöns. Themen wie Klimawandel und knappe Ressourcen seien wieder in.

Bilder von Kindern mit Schilddrüsenkrebs, Erbkrankheiten und Behinderungen seien in der Öffentlichkeit kaum noch präsent. Atomkraft gelte wieder als „Sauber, sicher und zuverlässig“. „Es gibt immer weniger Interesse an dem Thema“, so Steubing. In Langgöns beschrieben Wissenschaftler die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe und Bürgerrechtler berichteten von ihren Erfahrungen aus der Tschernobyl-Region.
 

Physikerin: "Lüge und Verharmlosung"

Nach Ansicht der Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake werden die Folgen der Reaktorexplosion weltweit bagatellisiert. Wenn die Weltgesundheitsorganisation bisher nur eine erhöhte Zahl von Schilddrüsenkrebs-Erkrankten als Folge akzeptiere, sei dies eine „Lüge und Verharmlosung“, sagte die Wissenschaftlerin. Neben den 4000 krebskranken Kindern hingen genetische Schäden, vermehrte Behinderungen bei Kindern von Verstrahlten, Totgeburten und erhöhte Krebsraten in der Region klar mit der Katastrophe zusammen.
 

Mit bloßen Händen verstrahlten Schutt weggeräumt

Der ehrenamtliche Koordinator des Projektes „Leben nach Tschernobyl“, Reinhard Knauf, organisiert Hilfe wie Geräte und Ausstattung für ein Krankenhaus in Borsipol im betroffenen Gebiet in der heutigen Ukraine. Knauf war selbst inzwischen 16 Mal vor Ort. Besonders betroffen machten ihn dort die Treffen mit den so genannten „Liquidatoren“ - damals jungen Männern, die nach der Katastrophe zu Aufräumarbeiten gezwungen wurden. „Sie mussten teils mit bloßen Händen den hoch verstrahlten Schutt weg räumen“, berichtete der pensionierte Betriebsrat. Heute zeigten die Männer ihm meist als erstes ein Foto von ihrem behinderten Kind.

"...das wurde uns vor Tschernobyl auch gesagt"

Seit der Katastrophe holen Organisationen der EKHN laut Steubing jedes Jahr 350 Kinder aus dem belasteten Gebiet nach Hessen. Es handelt sich um eine Region der Größe von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zusammen. Für ein paar Wochen könnten sie dann sauberes Wasser trinken und unverstrahlte Lebensmittel essen. Trotz der Probleme im eigenen Land plane die Ukraine den Bau von 20 neuen Atomkraftwerken. Dies sei nur wegen des veränderten Images von Kernenergie möglich, kritisierte Steubing: „Uns wird gesagt, Atomenergie ist beherrschbar geworden, aber das wurde uns vor Tschernobyl auch gesagt.“
 
Redaktion: chde
Bild: © dpa
Stand: 01.04.2006
 
 

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