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19.07.2008

Frankfurter Studie

Wer sind die "Wikipedianer"?

Wissen für Alle: Wikipedia. (Bild:  colourbox.com)
Wissen für Alle: Wikipedia.
Warum opfern Menschen ihre Freizeit, um am Online-Lexikon Wikipedia mitzuschreiben? Dieser Frage ist ein Frankfurter Soziologe nachgegangen.
 

Noch vor wenigen Jahren musste, wer sich über ein unbekanntes Thema informieren wollte, das Lexikon aus dem Regal holen. Wenn er Glück hatte, fand er darin ein paar dürre Zeilen. Und manchmal noch nicht einmal das. Heute ist es anders: Den Suchbegriff in die Online-Enzyklopädie Wikipedia eingegeben, auf Enter gedrückt und schon steht eine Fülle an Informationen zur Verfügung, zusammengetragen von Internetnutzern aus aller Welt. Das Beste daran: Die Angaben sind meistens nicht weniger zuverlässig als im guten alten Lexikon.

Wie aber kommt es, dass sich weltweit so viele Menschen an Wikipedia beteiligen? Dass sie Zeit investieren und großen Aufwand betreiben, ohne dafür eine finanzielle Gegenleistung zu erhalten? Der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer fand die Frage so spannend, dass er sie zum Forschungsgegenstand gemacht hat. Seine Ergebnisse hat er in der vergangenen Woche veröffentlicht. Im Interview mit hr-online schildert Stegbauer, was sein Blick hinter die Kulissen von Wikipedia ergeben hat.
 

Der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer. (Bild: Privat)
Der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer.
hr-online: Welche Motivation haben die vielen Menschen, die in ihrer Freizeit an Wikipedia mitarbeiten?

Stegbauer: Wir unterscheiden zwischen Beteiligungsmotiven und der Frage, warum die Menschen dabei bleiben. Beides ist nach unserer Ansicht nicht identisch. Als Motiv, Änderungen in Artikeln vorzunehmen, kommt beispielsweise etwas in Betracht, was wir "generalisierte Reziprozität" nennen. Damit ist gemeint, dass, wenn jemand öfters die Enzyklopädie nutzt und weiß, dass andere diese in ihrer Freizeit erstellt haben, er eher bereit ist, ebenfalls einen Beitrag zu leisten. Er gibt damit nicht einer spezifischen Person, sondern allen etwas zurück.

Das zweite Motiv zur Beteiligung bezeichnen wir als "Orientierung an der Wikipedia-Ideologie". Man könnte diese auch als Hintergrundziele bezeichnen. So steht Wikipedia dafür, dass man versucht, das "Wissen der Welt" zu sammeln und zwar ursprünglich dadurch, dass jeder ein Stückchen seines Wissens abgibt. Wikipedia möchte das Wissen aus den Zwängen des Copyright befreien und ist der Ansicht, dass das Wissen der Menschheit allen gehören und für jeden zugänglich sein sollte. Hiermit wäre ein Stück Chancengleichheit hergestellt. Beide Motive reichen aber nicht als Erklärung aus, warum die Teilnehmer dabei bleiben.

hr-online: Die Teilnehmer erhalten für ihre Leistung weder Geld noch öffentliche Anerkennung. Ihre Teilnahme an Wikipedia ist also nicht mit Eigennutz zu erklären. Womit dann?

Stegbauer: Klassische Theorien, die sich mit der Erstellung öffentlicher Güter durch Freiwilligenarbeit beschäftigen, gehen davon aus, dass die Menschen sich nur dann beteiligen, wenn sie persönlich mehr bekommen, als sie an Zeit und Kraft investieren. Wir folgen dieser Erklärung nicht, wir können zeigen, dass Wikipedianer gegen ihre ursprüngliche Intention handeln, wenn sie in die soziale Gemeinschaft eingegliedert werden und ihnen Verantwortung übertragen wird.

Dabei werden die Ziele, die jemand verfolgt, und der Grad der Beteiligung durch die Position im Netzwerk der Wikipedianer bestimmt. Häufig werden solche Positionen von anderen zugewiesen, etwa wenn einem Teilnehmer von einem Administrator gesagt wird, er könne sich vorstellen, er würde sicher ebenfalls ein guter Administrator sein, und ob er nicht für diesen Posten kandidieren möchte. Es ist dann die übertragene Verantwortung und die von ihm vorhergesehenen Erwartungen der anderen, die einen frisch gebackenen Administrator anspornen. Man kann aber kaum einem Teilnehmer unterstellen, er habe bei Wikipedia mitgemacht, um Administrator zu werden.
 

Vandalenjäger im Einsatz


hr-online: Die Angaben in Wikipedia gelten mittlerweile als weitgehend zuverlässig. Wie gelingt es, Wikipedia vor Manipulationen und falschen Angaben zu schützen?

Stegbauer: Für die Wikipedianer ist es nicht ganz leicht, die Inhalte zu schützen. Oft haben Artikel einen "Besitzer", also jemanden, der besonders viel zu einem Artikel beigetragen oder einen Artikel alleine geschrieben hat. Diese fühlen sich dann für den Artikel verantwortlich und lassen sich benachrichtigen, wenn jemand dort eine Änderung vornimmt. Genauso wichtig ist aber eine Position, die sich wikipediaintern "Vandalenjäger" nennt.

Es kommt gar nicht selten vor, dass sich beispielsweise Schüler den "Spaß" erlauben, einen Teil eines Artikels zu überschreiben. Solche Änderungen werden in der Regel von Vandalenjägern, von denen fast immer welche im Einsatz sind, sehr schnell auf den alten Stand zurückgesetzt. Dabei kommt es manchmal zu regelrechten Wettbewerben zwischen den Vandalenjägern, wer am schnellsten den Vandalismus erkennt und den Artikel zurücksetzt.

hr-online: Das klassische Lexikon war für viele Menschen kaum bezahlbar. Um Wikipedia zu verwenden, reicht ein Internetzugang. Trägt Wikipedia somit auch dazu bei, dass mehr Menschen die Chance haben, sich fundiertes Wissen anzueignen?

Stegbauer: Sicherlich ist dieser Gedanke nicht von der Hand zu weisen: Man braucht nicht mehr den großen Brockhaus anzuschaffen, um schnell mal etwas nachzuschlagen. Zudem findet man in Wikipedia zu vielen Bereichen etwas, was ansonsten nur sehr schwer auffindbar wäre. Die Online-Enzyklopädie bietet darüber hinaus vielfältigere Inhalte und auch vieles, was wahrscheinlich gar nicht brockhauswürdig wäre.

Das, was so durchaus positiv zu sehen ist, kann man natürlich auch kritisch betrachten: Zwar haben heute mehr Menschen einen Computer mit Internetanschluss als früher einen großen Brockhaus hatten, es sind aber bei weitem noch nicht alle – es fehlen viele derjenigen, die älter sind, ein geringes Einkommen beziehen und einen niedrigen Bildungsabschluss haben. Wenn jeder auf Wikipedia zugreift, kennen alle denselben Ausschnitt, was ein Stück weit zur Uniformierung des Wissens beiträgt.
 

Wikipedia-Gemeinschaft fernab des WWW


hr-online: Sehen Sie Wikipedia ausschließlich positiv oder können sie auch negative Aspekte erkennen, etwa dass sich Teilnehmer nur noch im virtuellen Netzwerk bewegen?

Stegbauer: Die Teilnehmer an Wikipedia haben nicht nur Internetkontakte. Besonders die Hochengagierten treffen sich zu Stammtischen, Stadtbegehungen, Wandertagungen oder Grillfesten und dies obgleich die meiste Kommunikation über das Internet abgewickelt wird. Manche der Teilnehmer behaupten, dass Wikipedia süchtig mache. Sie meinen damit den Sog, den das Beziehungsnetz entfalten kann. Normalerweise würde man aber ein hohes Engagement für ein öffentliches Gut nicht negativ betrachten. Im Gegenteil, hier erbringen die Menschen freiwillig eine Leistung für die Gemeinschaft. Das ist etwas, was öffentlich immer gefordert wird.

Als ein Problem sehe ich aber, dass Wikipedia von etwas betroffen ist, was für alle anderen Projekte, Parteien und Organisationen ebenfalls gilt und dem man nur mit der Einführung von Begrenzungen begegnen kann: Es bildet sich über Unterschiede im Engagement, der mit der Zeit gewachsenen Erfahrung, der erworbenen Kompetenz und den Anforderungen einer immer größer werdenden Organisation, die darüber hinaus noch unter öffentlicher Beobachtung steht, eine Führungsschicht heraus, von der die Richtung bestimmt wird. Hier besteht die Gefahr, dass sie sich von der Basis der "einfachen Teilnehmer" und damit von einem Teil der ursprünglichen Idee entfernt. Viele, die ihr Engagement Wikipedia anbieten wollen, könnten davon enttäuscht werden.
 
Redaktion: rame / alb
Bilder: © colourbox.com (1), © Privat (1)
 
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