Der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer.
hr-online: Welche Motivation haben die vielen Menschen, die in ihrer Freizeit an Wikipedia mitarbeiten?
Stegbauer: Wir unterscheiden zwischen Beteiligungsmotiven und der Frage, warum die Menschen dabei bleiben. Beides ist nach unserer Ansicht nicht identisch. Als Motiv, Änderungen in Artikeln vorzunehmen, kommt beispielsweise etwas in Betracht, was wir "generalisierte Reziprozität" nennen. Damit ist gemeint, dass, wenn jemand öfters die Enzyklopädie nutzt und weiß, dass andere diese in ihrer Freizeit erstellt haben, er eher bereit ist, ebenfalls einen Beitrag zu leisten. Er gibt damit nicht einer spezifischen Person, sondern allen etwas zurück.
Das zweite Motiv zur Beteiligung bezeichnen wir als "Orientierung an der Wikipedia-Ideologie". Man könnte diese auch als Hintergrundziele bezeichnen. So steht Wikipedia dafür, dass man versucht, das "Wissen der Welt" zu sammeln und zwar ursprünglich dadurch, dass jeder ein Stückchen seines Wissens abgibt. Wikipedia möchte das Wissen aus den Zwängen des Copyright befreien und ist der Ansicht, dass das Wissen der Menschheit allen gehören und für jeden zugänglich sein sollte. Hiermit wäre ein Stück Chancengleichheit hergestellt. Beide Motive reichen aber nicht als Erklärung aus, warum die Teilnehmer dabei bleiben.
hr-online: Die Teilnehmer erhalten für ihre Leistung weder Geld noch öffentliche Anerkennung. Ihre Teilnahme an Wikipedia ist also nicht mit Eigennutz zu erklären. Womit dann?
Stegbauer: Klassische Theorien, die sich mit der Erstellung öffentlicher Güter durch Freiwilligenarbeit beschäftigen, gehen davon aus, dass die Menschen sich nur dann beteiligen, wenn sie persönlich mehr bekommen, als sie an Zeit und Kraft investieren. Wir folgen dieser Erklärung nicht, wir können zeigen, dass Wikipedianer gegen ihre ursprüngliche Intention handeln, wenn sie in die soziale Gemeinschaft eingegliedert werden und ihnen Verantwortung übertragen wird.
Dabei werden die Ziele, die jemand verfolgt, und der Grad der Beteiligung durch die Position im Netzwerk der Wikipedianer bestimmt. Häufig werden solche Positionen von anderen zugewiesen, etwa wenn einem Teilnehmer von einem Administrator gesagt wird, er könne sich vorstellen, er würde sicher ebenfalls ein guter Administrator sein, und ob er nicht für diesen Posten kandidieren möchte. Es ist dann die übertragene Verantwortung und die von ihm vorhergesehenen Erwartungen der anderen, die einen frisch gebackenen Administrator anspornen. Man kann aber kaum einem Teilnehmer unterstellen, er habe bei Wikipedia mitgemacht, um Administrator zu werden.