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12.11.2008

Unterrichtsboykott

Schülerproteste gegen Bildungspolitik

Mit Megaphon und Plakaten demonstrieren Schüler in der Frankfurter Innenstadt. (Bild:  picture-alliance/dpa)
Mit Megaphon und Plakaten demonstrieren Schüler in der Frankfurter Innenstadt.
In zahlreichen hessischen Städten sind am Mittwoch tausende Schüler aus Protest auf die Straße gegangen. Sie forderten kostenlose Bildung für alle und die Abschaffung der Schulzeitverkürzung G8.
 

Von insgesamt etwa 10.000 Teilnehmern sprach die Landesschülervertretung, die Polizei ging von gut 7.000 aus. Hauptforderungen waren die Abschaffung von G8 und des dreigliedrigen Schulsystems. Sie traten lautstark auch für kleinere Klassen und mehr Lehrer ein. Die Aktionen in Frankfurt, Kassel, Gießen, Bad Wildungen, Frankenberg, Bad Hersfeld und Oberursel waren Teil eines bundesweiten Schulstreiks.

Die Bildungsgewerkschaft GEW Hessen, SPD und Grüne unterstützten den Boykott. Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) kritisierte ihn dagegen, unterstrich zugleich aber seine Bereitschaft zum Dialog. Die Landeselternbeiratsvorsitzende Kerstin Geis lobte, "dass sich die Schüler für ihr Anliegen zu Wort melden".
 

Schüler-Protest gegen Bildungspolitik 3:32 Min
(© hr, 12.11.2008)

Zitat

"Wir wollen längeres gemeinsames Lernen bis zur 10. Klasse, individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers, Abschaffung von G8 und Leistungsdruck, kleinere Klassen, eine 110-prozentige Lehrerversorgung und mehr Geld für Bildung".

Katharina Horn, Landesschulsprecherin
In Kassel zogen mehr als 2.500 Schüler durch die Innenstadt. "Dabei wehren wir uns gegen das marode Bildungssystem und fordern unter anderem beschränkte Schülerzahlen pro Klasse und eine Lehrmittelfreiheit, die ihren Namen verdient", sagte Organisator David Rebelberger von der Elisabeth-Knipping-Schule.

Rund 1.500 Schüler aus Frankfurt, Offenbach und Darmstadt waren nach Polizeiangaben in drei Demonstrationszügen in Frankfurt unterwegs. "Chancengleichheit in der Bildung - Schule für alle", war auf Plakaten zu lesen. "Die Politiker sollen sich mehr für die Haupt- und Realschüler einsetzen und nicht nur auf die Elite gucken. Sie sollen mehr Gelder für die Bildung bereitstellen", forderte etwa die Frankfurter Gymnasiastin Meike Kreuter.

Kritik an Organisatoren

In Frankfurt gab es unter der Schülerschaft Streit. Die Organisationen, die die Protestaktion durchführten, vertreten nach Ansicht von Stadtschulsprecher Eric-Jan Krausch "nicht die nötige Mehrheit, um einen Streik auszurufen". "Wo kommt das schon vor, dass eine Minderheit die Mehrheit regiert?", heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Mitteilung. Initiator des Protests in Frankfurt ist das "Jugendbündnis Frankfurt/Offenbach", das von politisch linken und teils linksextremistischen Gruppen dominiert wird.

Zu den Initiatoren gehört neben der Jugendorganisation der Linkspartei unter anderem die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ). Sie verbreitet nach Erkenntnissen der hessischen Verfassungsschützer ein "sozialistisches Klassenbewusstsein" unter Jugendlichen und pflege enge Verbindungen zur Deutschen Kommunistischen Partei (DKP).

Protest gegen "Drecksbuden"

Etwa 2.500 Schüler machten in der Gießener Innenstadt mit Trillerpfeifen und Holzrasseln ihren Unmut über die Bildungspolitik deutlich. Auf Transparenten stand: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut" und "Unterricht in Riesen-Klassen können wir uns nicht gefallen lassen". Der stellvertretende Landesschulsprecher, Gerrit Gissel, sagte: "Wir möchten mit der Demo ein riesiges Zeichen setzen und zeigen, dass wir in den vergangenen Jahren nur enttäuscht worden sind und uns das nicht mehr länger gefallen lassen." Der 18-Jährige ergänzte: "Wir fordern echte Ganztagsschulen und mehr Geld für Bildung - die Schulen sind heute ausgestattet wie die letzten Drecksbuden."
 

Geteilte Reaktionen aus der Politik

"Mache beim Boykott nicht mit" 2:57 Min
(© hr, 12.11.2008)
Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) kritisierte den Schülerboykott, unterstrich zugleich aber seine Bereitschaft zum Dialog. "Das, was die Schüler bewegt, ihre Sorgen und Nöte nehme ich ernst", erklärte er am Mittwoch. Banzer nannte es hoch problematisch, den Protest während des Schulvormittags abzuhalten. Damit provoziere der Veranstalter, dass die Teilnehmer gegen die Schulpflicht verstoßen.

SPD und Grüne in Hessen solidarisierten sich mit den protestierenden Schülern. Die Zeit sei reif für eine bessere Bildungspolitik in Hessen, erklärte der SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Thorsten Schäfer-Gümbel, am Mittwoch in Wiesbaden. "Die Schülerinnen und Schüler haben ein Recht auf gute Bildung für alle." Ähnlich äußerte sich der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Mathias Wagner: Die Schüler hätten recht, "wenn sie gute Bildung und mehr Chancengerechtigkeit einfordern", sagte er einer Mitteilung zufolge. Die schulpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Dorothea Henzler, sieht ebenfalls Handlungsbedarf in der Bildungspolitik. Für guten Unterricht bräuchten die Schulen mehr Personal.
 

 
Redaktion: alb / beboe
Bild: © picture-alliance/dpa
 
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