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30.04.2009

Schweinegrippe

Nährboden Massentierhaltung?

 (Bild:  picture-alliance/dpa)
Tausende Schweine auf engem Raum, gestresste Tiere mit geschwächtem Immunsystem - ideale Voraussetzungen für die Entstehung neuer Viren, sagen Tierschützer. Aber stammen die neuen Infektionen überhaupt vom Schwein?
 

"Generell begünstigen die Bedingungen in der industriellen Intensiv-Tierhaltung die Evolution von neuen, hoch krankheitsauslösenden Viren," sagt der Biologe Stefan Johnigk vom Tierschutzverein "PROVIEH". Zudem böten die gestressten, oft schon immungeschwächten Schweine aus intensiver, nicht artgerechter Haltung neuen Krankheitserregern gute Verbreitungsmöglichkeiten.

Eine von der EU finanzierte Studie habe schon im Jahr 1998 ergeben, dass "die Entstehung von Schweinegrippen eng mit der Bestandsgröße und -dichte in der kommerziellen Tierhaltung" zusammenhänge – dies berichtet die gemeinnützige Albert Schweitzer Stiftung für Tierschutz auf ihrer Homepage. Grund dafür sei, dass sich die Grippeviren vor allem über Tröpfcheninfektion verbreiten. Und je enger die Tiere nebeneinander stehen, desto höher sei das Ansteckungsrisiko und desto schneller könne sich das Virus in der ganzen Population ausbreiten.
 

Tierdichte als Risikofaktor

Auch Professor Till Rühmenapf vom Institut für Veterinär-Virologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen glaubt, dass die hohe Tierdichte in Mastanlagen ein Risikofaktor sein könnte. "Das grundsätzliche Problem ist, wenn Sie viele Tiere auf kleinem Raum dicht zusammenhalten, dann ist das natürlich eine wunderbare Brutstätte für Viren." Dennoch hält der Virologe es für falsch, der Massentierhaltung generell die Schuld am Ausbruch einer Krankheit zu geben.

Ursprung unklar

Ob die neue Variante des Grippevirus A/H1N1 ihren Ursprung tatsächlich in der industriellen Massentierhaltung hat, gilt noch als ungeklärt. "Angesichts der Bedingungen im Ursprungsland wird eine zweifelsfreie Klärung dieser Frage die Experten noch länger beschäftigen", glaubt Biologe Stefan Johnigk von "Provieh". Möglicherweise bestehe auch nur wenig Interesse an einer zügigen Aufklärung.

Virus nicht im Schwein nachgewiesen

Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit ist derzeit nicht einmal erwiesen, ob die jüngsten Fälle der sogenannten Schweinegrippe aus Mexiko tatsächlich vom Schwein auf den Menschen übertragen wurden. "Das Virus, das gerade grassiert, ist ein menschliches Virus, das von Mensch zu Mensch übertragen wird", sagt Jens Schell. Grundsätzlich gehen die Fachleute des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit davon aus, dass der Erreger sich irgendwann einmal im Schwein gebildet habe und auf den Menschen übergegangen sei. Aber wann dies passiert ist, darüber bestehen derzeit keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Bislang sei den Wissenschaftlern auch nicht bekannt, dass die neue Virus-Variante H1N1 überhaupt in einem Schwein nachgewiesen wurde.

Nachweis schwierig

Biologe Johnigk hält dies im Nachhinein auch für schwierig, denn die Tiere in industriellen Mastanlagen werden nur knapp 6 Monate alt und die Schweine, die das Virus möglicherweise ursprünglich übertragen haben könnten, leben schon längst nicht mehr. Dennoch besteht nach Ansicht des Biologen von "PROVIEH" grundsätzlich ein Risiko, dass neuartige Viren aus Massentierhaltungsanlagen über Abwasser, Gülle und Abluft ins Freie gelangen können. Oder dass sie sich auf den Transportwegen der Nutztierindustrie verbreiten. Dies sei nachgewiesenermaßen bei der Vogelgrippe der Fall gewesen, sagt Zoologie- Professor Sievert Lorenzen, Vorsitzender von "PROVIEH - Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung e.V." "Für die Vogelgrippe ist eindeutig nachgewiesen, dass sich in industrieller Intensiv-Tierhaltung aus niedrig-pathogenen Viren hochpathogene Viren entwickeln konnten."

950.000 Schweine im Jahr

Für den Vorsitzenden von „Provieh“, Professor Sievert Lorenzen, stellt sich auch die Lage in Mexiko recht eindeutig dar: „Bekannt ist, dass der Ort, in dem die Grippe ausbrach, an einer gigantischen Schweinemastanlage liegt. Die hygienischen Bedingungen in dem Tal sind hundsmiserabel“, sagt der Zoologie-Professor, der selbst jahrelang in Lateinamerika geforscht hat. Nach Angaben des Betreibers wurden im Jahr 2008 in der Anlage 950.000 Schweine gemästet.

Seine Informationen über die Zustände in dem mexikanischen Ort La Gloria nahe der Schweinemastanlage bezieht Lorenzen aus einer örtlichen Zeitung. Laut dieser Quelle beschweren sich die Einwohner schon seit einiger Zeit über Schweinekadaver unter freiem Himmel, Wolken von Fliegen und verseuchtes Grundwasser. Auch seien bereits im Dezember 2008 viele Menschen im Ort an Lungenentzündung und grippeähnlichen Symptomen erkrankt.

Wenig Interesse an Aufklärung?

Der bisherige Umgang mit dem Grippeausbruch in Mexiko spreche dafür, dass an einer zügigen Aufklärung nur wenig Interesse bestehe, so die Ansicht der Tierschützer von „Provieh“. „Die Angst vor langfristigen wirtschaftlichen Verlusten seitens der Betreiber und ihrer Kapitalgeber geht offenbar vor.“

Ob diese Vermutung letztendlich bewiesen werden kann, ist zu bezweifeln. Ebenso die Behauptung der Albert Schweitzer Stiftung für Tierschutz, dass Verbraucher durch die Nachfrage nach immer mehr billigem Fleisch zur Entstehung solcher Pandemien beitrügen. Eine polemische Formulierung, über die es sich im Kern vielleicht dennoch lohnen würde, einmal nachzudenken.
 
Redaktion: bivo / anbu
Bild: © picture-alliance/dpa
 
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