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28.07.2011

Studenten-Ansturm

"Wir geben Lehr-Qualität auf"

 (Bild:  picture-alliance/dpa - Archiv)
Massen-Vorlesungen und Seminare im Container: Die Lehre werde unter dem Rekordansturm von Erstsemestern leiden, warnt der Vorsitzende der Konferenz hessischer Fachhochschulen, Günther Grabatin, im Interview. Das Land müsse dringend handeln.
 

hr-online: Herr Professor Grabatin, Sie sind Vorsitzender der Konferenz hessischer Fachhochschulpräsidien und Präsident der Technischen Hochschule Mittelhessen. Kommt der Studentenberg?

Günther Grabatin: An der Technischen Hochschule Mittelhessen haben wir bei den zulassungsbeschränkten Studiengängen etwa 20 Prozent mehr Bewerber als im Vorjahr. Auf 1.500 Plätze kommen über 7.000 Bewerbungen. Die Abiturienten bewerben sich natürlich mehrfach an mehreren Hochschulen. Aber das lässt schon den Schluss zu, dass der Studentenberg kommt und wir ab dem Wintersemester mit deutlich steigenden Studierendenzahlen rechnen müssen.
 

Information

 (Bild: Hochschule)
Professor Günther Grabatin ist Präsident der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen und Vorsitzender der Konferenz Hessischer Fachhochschulpräsidien (KHF). Der KHF gehört neben den fünf staatlichen Fachhochschulen auch die Evangelische Hochschule Darmstadt an.
Reagieren Sie, indem Sie den Zugang zu Studiengängen beschränken?

Bei uns sind von 28 Bachelor-Studiengängen mittlerweile 17 zulassungsbeschränkt. Wir machen das nur, wenn es nicht anders geht. Aber das ist natürlich eine Maßnahme, um die Studierendenzahlen zu steuern. Bei den Studiengängen ohne Zulassungsbeschränkung liegen die Zahlen im September vor.


Wie sieht es an den anderen Fachhochschulen aus?

Meines Wissens ist das überall ähnlich. Die Zahl der Studierenden an den fünf hessischen Fachhochschulen ist in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent auf 50.000 gestiegen. Dieser allgemeine Trend wird nun durch die doppelten Abiturjahrgänge und die Abschaffung der Wehrpflicht verstärkt.
 

Wie rüsten sich die Fachhochschulen für den Studentenberg?

Wir haben gemeinsam mit dem Land Hessen, finanziert zur Hälfte vom Bund, den Hochschulpakt 2020. Dieser soll dazu dienen, den Studentenberg qualitätsvoll zu bedienen. Aus diesem Pakt fließen den hessischen Hochschulen in diesem Jahr insgesamt 49 Millionen Euro zu, der Technischen Hochschule Mittelhessen davon sechs Millionen. Die Finanzmittel werden zum Aufbau zusätzlicher Lehrkapazität sowie für zusätzliche Räume verwendet. Allerdings sind die Kosten, die wir für einen zusätzlichen Studienplatz aufwenden müssen, höher als die Mittel, die wir dafür bekommen. Je mehr Studenten wir aufnehmen, desto größer wird die Finanzierungslücke.
 

Was für weitere Maßnahmen wären notwendig?

Man könnte zum Beispiel – und das ist ein Reibungspunkt, den wir noch mit der Landesregierung haben – die Nachfolger von Professoren, die in ein, zwei oder drei Jahren in Ruhestand gehen, vorzeitig berufen. In dieser Zeit hätte man eine Doppelbesetzung und so eine doppelte Lehrkapazität in dem Fach. Ich kürze das einmal ab mit: überlappende Professuren. Nur setzt dies entsprechende Stellen voraus, die wir zurzeit nicht oder nicht in dem erforderlichen Umfang haben.

Die "überlappenden Professuren" wären eine Hilfe?

Wenn wir eine Betreuungsrelation von einem Professor für 60 Studenten unterstellen, könnten wir mit 30 überlappenden Professuren etwa 1.800 zusätzliche Studierende aufnehmen. Tatsächlich fehlen uns aber die Stellen dafür. Es ist ja so, dass zuletzt 500 nicht besetzte Beamtenstellen aus dem hessischen Hochschulsystem gestrichen wurden. An meiner Hochschule wurden 35 Stellen gestrichen. Das führt dazu, dass wir jetzt faktisch keine überlappenden Professuren besetzen können. Wir brauchen sie aber dringend - und stehen hier mit dem Finanz- und dem Wissenschaftsministerium in Gesprächen.
 

Können nicht Lehrbeauftragte helfen?

Natürlich suchen wir Lehrbeauftragte, wissenschaftliche Mitarbeiter und Lehrkräfte für besondere Aufgaben. Wir nutzen das gesamte Spektrum dessen, was möglich ist. Aber die Situation wird sich dennoch verschärfen. Der Markt für solche Lehrkräfte ist im Moment leergefegt. Wenn wir keine Professoren überlappend einstellen können, haben wir ein erhebliches Problem. Wir können dann die Studierenden nicht mit einer Betreuungsrelation, wie wir sie wollen, ausbilden. Das heißt letztendlich: Es ist eine Qualitätseinbuße in nicht unerheblichem Umfang zu befürchten.

Das Wintersemester steht vor der Tür. Kann die Politik jetzt noch schnell handeln?

Es wäre sicher schnelles Handeln nötig, damit wir die Stellen ausschreiben können. Aber der Aufbau von Lehrkapazität ist ein mehrmonatiger Prozess, wenn nicht gar ein Prozess, der ein ganzes Jahr in Anspruch nimmt.
 

Haben wenigstens alle Studierenden Platz?

Wir wollen mit den Finanzmitteln aus dem Hochschulpakt 2020 auch zusätzliche Flächen anmieten. Die Flächen, die über das Ausbauprogramm Heureka des Landes geschaffen werden sollen, kommen für den aktuellen Boom wahrscheinlich zu spät. Wir müssen uns zwischenzeitlich behelfen. Das reicht von Containern auf dem Parkdeck wie bei uns an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen bis zur Anmietung von Räumen in der Nähe der Hochschule. Ein weiteres Problem ist die Größe der Hörsäle: Wir sind auf einen seminaristischen Betrieb ausgelegt und haben typische Hörsaalgrößen von 30 bis vielleicht 60 Sitzplätzen. Heute gibt es Veranstaltungen mit 150 bis 200 Studierenden. Wir haben punktuell bereits größere Hörsäle eingerichtet, aber der Bedarf wird noch steigen.

Dabei waren doch kleine Gruppen das große Ziel?

Das ist ganz klar: Wir geben zu Lasten einer größeren Betreuungsrelation die Qualität der Kleingruppen und die qualitätsvolle Ausbildung, die in ihnen möglich ist, ein Stück weit auf.

Das Gespräch führte Frank van Bebber, hr-online


 
Redaktion: frbe
Bild: © picture-alliance/dpa - Archiv
Letzte Aktualisierung: 28.07.2011, 10:56 Uhr
 
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