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30.08.2012

Social Media in der Schule

"Facebook ist nichts für den Unterricht"

Jugendlicher benutzt iPad (Bild:  picture-alliance/dpa)
Pleimfeldner befürwortet den Einsatz von Medien im Unterricht.
iPads oder E-Books sollten in den Unterricht integriert werden, findet hr-Bildungsexperte Markus Pleimfeldner. Digitale Demenz befürchtet er nicht - und sogar "zwitschern" ist erlaubt. Nur bei Facebook hat der Mathelehrer Bedenken.
 
Herr Pleimfeldner, an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Fulda gibt es künftig eine iPad-Klasse. Das heißt, Schüler der achten Klasse nutzen iPads im Unterricht. Sie sind selbst Lehrer für Mathe und Musik, was halten Sie davon?

Generell ist das eine gute Idee, weil damit die Lebenswelt der Jugendlichen aufgegriffen wird. Smartphones und iPads im Privaten zu nutzen ist ja schon längst Alltag, deshalb sind die Schüler motiviert die Geräte einzusetzen. Die Frage ist jedoch: Gibt es ein Konzept für den Unterricht mit iPads? Nur um zu googeln wäre der Einsatz von Computer-Tablets nicht sinnvoll.

Wie könnten iPads denn sinnvoll genutzt werden?

iPads haben ja zahlreiche Funktionen. Schüler können damit zum Beispiel Wortbeiträge oder Musikstücke aufnehmen und Podcasts erstellen. Mit dem Programm ‚Garage Band‘ könnte der Podcast geschnitten, über ‚SoundCloud‘ hochgeladen und dann auf Online-Plattformen integriert werden. iPads bieten auch eine schnelle, einfache Bildbearbeitung an. Wenn der Arbeitsauftrag lautet, ein Experiment in Biologie zu dokumentieren, könnten Schüler Fotos aufnehmen und in ihre Online-Protokolle einfügen. Ein anderes Beispiel ist, dass die Schüler das iPad als mobiles Lexikon benutzen oder einen eigenen Blog gestalten.
 

Das Tablet als Ersatz fürs Schulbuch?

hr-Bildungsexperte Markus Pleimfeldner (Bild: privat)
Markus Pleimfeldner ist Koordinator des Arbeitskreises Rundfunk und Schule.
Ja. Warum müssen wir Berge an Schulbüchern vorhalten? Als die verkürzte Gymnasialzeit G8 eingeführt wurde, mussten die Schulen sehr viele neue Bücher kaufen. Die könnte man doch einfach digitalisieren. Natürlich bedeutet das für die Schulbuch-Verlage einen Einbruch, andererseits kann man sehr schnell reagieren und Inhalte verändern, anpassen an die Realität. Bisher muss man abwarten bis ein neuer Satz Bücher angeschafft werden kann, so lange lehrt man dann mit Material, das unter Umständen veraltet ist.

Verlernen die Kinder nicht das Schreiben mit der Hand, wenn Sie nur noch am Rechner sitzen?

Nein. Nicht nur wenn jemand eine echte ‚Sauklaue‘ hat und es darum geht, Ordnung ins Heft zu bekommen ist das Schreiben oder Zeichnen mit der Hand wichtig. Für den ganzen Bereich der Grundschuldidaktik ist das Schreiben und Zeichnen mit der Hand natürlich Grundvoraussetzung. Es gibt aber auch Bereiche, in denen es sinnvoll ist, wenn die Schüler Buchstaben nacheinander eintippen und nochmal genau überlegen, wie ein Wort geschrieben wird. Es gibt auch Anwendungen, da möchte ich als Mathe-Lehrer einfach, dass die Schüler zum Beispiel Parameter verändern sollen. Das geht mit einem Computer dann viel schneller. Für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche kann man ebenfalls spezielle Angebote machen.
 

Wie sieht‘s mit sozialen Diensten wie Twitter oder Facebook im Unterricht aus?

Es gibt Lehrer, die Twitter im Deutschunterricht nutzen. Da heißt es dann: ‚Jetzt twittern alle mal zu dieser Romanvorlage oder geben eine kleine Inhaltsangabe heraus‘ Über Twitter lassen sich Informationen sehr schnell sammeln. Die Schüler können sich auch Abonnements einrichten zu bestimmten Diensten, etwa von der "Tagesschau" oder der "Zeit".

Bei Facebook ist die Hemmschwelle wahrscheinlich größer.

Das stimmt. Für viele Lehrer ist es nicht das geläufige Medium und über Facebook in die Welt der Jugendlichen einzutauchen kann den Anschein wecken, man wolle sich anbiedern. Es gibt aber durchaus auch Lehrer, die nutzen Facebook für den Unterricht. Sie geben über das Portal Hausaufgaben auf oder informieren die Gruppe. Was nicht so glücklich ist. Man kann zum einen nicht alle Schüler verpflichten bei Facebook Mitglied zu werden, zum anderen gibt es ein erforderliches Mindestalter für das Portal. Manche Eltern sind auch dagegen, dass ihr Kind sich dort auf Wunsch der Schule anmeldet.
 

Den eigenen Lehrer als Facebook-Freund zu haben, ist auch so eine Sache.

Das kommt noch dazu, viele Schüler wollen das nicht. Eine Möglichkeit wäre, dass sie sich für die Schulgruppe dann extra einen Dummy-User anlegen. Für Lehrer gilt: Wenn ich zum Beispiel Bilder von Projekten der Schüler hochlade, muss ich genau aufpassen. Da geht es auch um Persönlichkeitsrechte, die gewahrt werden müssen.

Wie gut kennen sich Lehrer denn mit sozialen Medien aus, ist die ältere Generation dafür überhaupt offen?

Die Diskrepanz zwischen den Kollegen ist groß. Denn Fortbildungen für Lehrer im Bereich Medien sind freiwillig. Es gibt dazu zwar eine neue Erklärung der Kultusministerkonferenz, allerdings ist das nur eine Richtlinie, die genaue Umsetzung liegt auf der Seite der Länder. An der Frankfurter Goethe Uni wurde beispielsweise ein Medienkompetenzzertifikat für Lehrkräfte entwickelt. Da lernen Lehramtstudenten bereits früh, wie Neue Medien im Unterricht eingesetzt werden können.
 
Der Hirnforscher Manfred Spitzer behauptet in seinem neuen Buch ‚Digitale Demenz‘, die Menschen verblöden durch Computer. Übertrieben?

Die ganze Debatte ist schwarz-weiß und dazu noch falsch. Ich würde die Argumentation umdrehen: Da die Medien heute so eine wichtige Rolle spielen, müssen wir sie in den Unterricht bringen. Und nicht: Weil die Medien eine große Rolle spielen, schmeißen wir sie raus. Herr Spitzer übertreibt.

Seiner Meinung nach können die Oberschicht und die Gymnasiasten mit Medien umgehen, die Unterschicht ballert dagegen nur. Die digitale Kluft wird durch den Einsatz von Medien im Unterricht aber nicht größer. Im Gegenteil, sie wird eher kleiner. Denn so kann auch mal ein Grundschüler aus einer sozial schwachen Familie Musik auf einem iPad produzieren - was er zu Hause nie machen würde. Er sieht dadurch, dass man mit Medien interessantere Dinge tun kann, als Ballerspiele zu spielen.
 
Vielen Eltern gefällt es gar nicht, dass ihre Kinder so lange am Computer sitzen - und sehen sich durch Spitzers Buch bestätigt.

Ich würde sagen, die Mischung macht’s. Die Medienarbeit sollte in der Schule so eingesetzt werden, dass die Schüler ein Gespür dafür bekommen, was sinnvoll ist. Ich möchte anmerken, dass Computerspiele in Deutschland immer als negativ angesehen werden. Computerspiele heißen aber nicht immer: faul, dick, dumm und gewalttätig. In vielen anderen Ländern werden Computerspiele zum Lernen eingesetzt. Es gibt Studien zum "Game-based Learning" und die Effekte sind äußerst positiv.

Das Gespräch führte Susanne Mayer, hr-online
 
Redaktion: suma
Bilder: © privat (1), © picture-alliance/dpa (1)
Letzte Aktualisierung: 30.08.2012, 16:05 Uhr
 
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