Enthüllungsjournalist Günter Wallraff war undercover als Obdachloser unterwegs - auch in Frankfurt. Das Nachtasyl im Osten der Stadt nennt er "menschenunwürdig". Die Stadt kontert, es handele sich nur um eine Momentaufnahme.
In der Silvesternacht hatte Frankfurt einen prominenten Besucher, ohne das ihn jemand erkannte: Günter Wallraff, Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist, war in der Stadt. Aber der 66-Jährige tummelte sich nicht auf einer der Champagner-Partys, sondern ganz unten: im Obdachlosen-Asyl am Ostpark. Was er in Frankfurt und anderen deutschen Städten als Wohnsitzloser erlebte, schreibt Wallraff jetzt im "Zeit-Magazin". Seit Heiligabend war er zwei Monate auf Straßen und Plätzen unterwegs.
Im hr-fernsehen betonte Wallraff am Mittwochabend: "Es kann jeden treffen." Durch Arbeitsplatzverlust oder Scheidung stünden Menschen aus der Mitte der Gesellschaft plötzlich vor dem Nichts und fänden sich in der Obdachlosigkeit wieder. "Das Klischee, alle Obdachlosen seien Alkoholiker und drogenabhängig, ist falsch."
Auf der Schlafplatzsuche besuchte Wallraff auch das Frankfurter Nachtasyl. Das Containerdorf am Ostpark nennt er "eine der verrufeneren Unterkünfte in Deutschland". Eingezäunt und am Bahndamm stünden 40 bis 50 Container dicht an dicht. In kleinen Räumen mit Doppelstockbetten für vier Personen seien die Möbel festgeschraubt. "Ich komme mir vor wie in ein Schubfach gesteckt", schreibt Wallraff in seiner Reportage. Er habe mit anderen Obdachlosen in der Ferne das Feuerwerk betrachtet. "Uns ist nicht danach, dem anderen ein 'frohes neues Jahr' zu wünschen", schildert er eine Szene der Nacht.
Das Containerlager in Frankfurt sei die drittschlimmste Unterkunft, die er auf seiner Tour durch Deutschland erlebt habe, sagte Wallraff im hessenjournal des hr. "Man hat den Eindruck, hier werden Menschen aussortiert und möglichst weit aus der Stadt verbannt." Die Einrichtung sei schlicht "menschenunwürdig".
Wallraff-Beobachtung nur "Momentaufnahme"
Die Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) verteidigte die Hilfsangebote für Obdachlose. Die von Wallraff besonders kritisierte Obdachlosenunterkunft am Ostpark "müsse im gesamten Kontext des Hilfssystems gesehen werden". Wenn Wallraff lediglich diese Erstanlaufstätte angesteuert habe, dann sei das nur eine "Momentaufnahme", sagte sie.
Peter Hovermann, Geschäftsführer des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten, der die Unterkunft am Ostpark betreibt, sagte: "Natürlich
ist das eine Einfachstunterkunft, kein Mittelklassehotel". Solch niedrigschwelligen Angebote seien aber wichtig, um den Obdachlosen weitergehende Hilfen vermitteln zu können. An Werktagen seien dort zwei Sozialarbeiter.
Tarnung mit Klamotten aus der Altkleidersammlung
Wie bei früheren Recherchen hatte sich Wallraff verkleidet. Hose und Jacke besorgte er sich aus der Kleidersammlung. Dazu zog der Kölner Journalist noch einmal jene alten und klobigen Schuhe an, mit denen er schon in den achtziger Jahren als Arbeiter Ali bei Thyssen angeheuert hatte.
Ein Fazit von Wallraffs Undercover-Recherche: "Die Bürokratie macht einem das Leben auch dann noch schwer, wenn man am Rande der Gesellschaft angekommen ist." Wer wann in eine Notunterkunft dürfe, sei von Stadt zu Stadt verschieden und kaum durchschaubar. Wallraff hatte als Obachloser Hilfe ebenso erfahren wie Angst vor Gewalt und Sorge, in eiskalten Nächten zu erfrieren - seiner Reportage gab er den Titel "Unter Null".