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5.10.2012

Missbrauchsskandal an Odenwaldschule

Hartes Ringen um Verständigung

Die Odenwaldschule in Heppenheim-Ober-Hambach (Bild:  picture-alliance/dpa)
Die Odenwaldschule in Heppenheim-Ober-Hambach
Der große Durchbruch blieb aus: Ein runder Tisch mit Missbrauchsopfern und Vertretern der Heppenheimer Odenwaldschule hat am Freitag kaum Annäherung gebracht. Immerhin versprach die Schule eine bessere Aufarbeitung des Skandals.
 
Audio: Gesprächsrunde zum Missbrauchsskandal 2:39 Min
(© Thomas Kurella, hr, 04.10.2012)
"Wir werden miteinander kommunizieren", sagte der grüne Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet, der das Treffen von Betroffenen, Schulvertretern und Politik leitete. Der runde Tisch an einem neutralen Ort im südhessischen Heppenheim sollte das angespannte Verhältnis zwischen Opfern und Schule lockern helfen. "Die Schule als Täterorganisation ist in Zugzwang, bisher kommt Aufklärung meist nur von Opfern", sagte Bocklet.

Schule stimmt unabhängiger Untersuchung zu

Doch die fünfstündige Veranstaltung brachte offenbar kaum Fortschritte. Es kam nur zu vereinzelten Verabredungen, ein Aufeinanderzugehen zu versuchen. Die Odenwaldschule stimmte einer unabhängigen Untersuchung der Missbrauchsfälle zwar zu, wollte sich aber auf keinen Zeitrahmen festlegen. Sie willigte auch ein, offenzulegen, wieso die Veröffentlichung des Missbrauchskandals mehr als zehn Jahre verzögert worden war. Zu diesen Vorgängen habe die Schulleitung eine umfangreiche Datensammlung begonnen.

Ansonsten wurden jedoch bekannte Vorwürfe und Zurückweisungen wiederholt. Die Fronten seien verhärtet wie eh und je, erklärten Opfer-Vertreter nach dem Treffen. Es seien nur "winzige Schritte" beschlossen worden. "Ich schäme mich für die Schule", sagte Michael Frenzel. Er war früher Vorsitzender des Vorstands, galt als engagierter Reformer, warf aber nach kurzer Zeit wieder hin.

Petition als Auslöser

Die Opfer werfen dem Internat vor, den Skandal herunterzuspielen und zu wenig für die Aufklärung zu tun. "Die Schule hat getan, als ob nichts gewesen wäre", hatte die ehemalige Schülerin Stefanie Michael vor dem Treffen gesagt. Sie forderte schon vor zwei Jahren stellvertretend für die weit mehr als hundert Missbrauchsopfer eine lückenlose Aufklärung.

Ihre Petition an den hessischen Landtag war der Auslöser für den jetzigen runden Tisch. Opfer-Vertreter beklagten dort, dass es noch immer keinen umfassenden Bericht zu den zwischen 1965 und 1998 stattgefundenen sexuellen Übergriffen durch Pädagogen gebe.
 

"Wir werden hingehalten"

Es sei nicht akzeptabel, sich hinter häufigem personellen Wechsel zu verstecken, hieß es. "Wir werden hingehalten von einem Treffen zum anderen", sagte Adrian Korfer, Vorsitzender des Opfer-Vereins "Glasbrechen".

Erste Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule waren Ende der 90er Jahre bekannt geworden, aber nicht weiter verfolgt worden. 2010 kam der Skandal wieder hoch. Offiziell werden mehr als 130 Missbrauchsopfer genannt. Opfervertreter gehen aber von einer deutlich höheren Zahl aus. Rund ein Dutzend Täter sollen bekannt sein. Die sexuellen Übergriffe gelten aber strafrechtlich als verjährt.
 

Schule bestreitet mangelnde Aufklärung

Die Odenwaldschule wies ihrerseits den Vorwurf mangelnder Aufklärung zurück. Sie versprach, mehr für die Aufarbeitung des Skandals tun zu wollen. Die Stiftung "Brücken bauen", die für die finanzielle Entschädigung verantwortlich ist, teilte mit, bis zum 24. September 2012 seien 274.000 Euro an Opfer ausgezahlt worden.

Auch mangelnde Offenheit wollte sich die kommissarische Schulleiterin Katrin Höhmann nicht vorwerfen lassen. "Wir haben offene Türen für jeden, der das Archiv der Odenwaldschule nutzen will", hatte sie vor dem Treffen gesagt. Die Schule habe sich auch völlig umstrukturiert, betonte sie. "Wir haben eine klare Vorstellung von Prävention und Intervention."
 
 
Die Akteure

Trägerverein Odenwaldschule
Die Odenwaldschule ist eine staatlich anerkannte Schule in privater Trägerschaft. Das Land Hessen bezuschusst zwar, Geldgeber sind aber vorwiegend die Eltern. Schüler können aber auch über Jugendämter, Stiftungen und Stipendien finanziert werden.

Opferverein "Glasbrechen"
Er wurde von ehemaligen Schülern gegründet, als der Missbrauchsskandal an die Öffentlichkeit kam. Er fordert die vollständige Aufklärung der Vorfälle an der Odenwaldschule und setzt sich für umfangreiche Hilfen für die Opfer ein. Der Opferverein gehört zu den größten Kritikern der Odenwaldschule.

Altschülervereinigung und Förderverein
Ihm geht es besonders darum, den Kontakt zwischen ehemaligen Schülern und Angehörigen der Schule und den heutigen Akteuren zu pflegen und zu verbessern. Gefördert werden wissenschaftliche, soziale oder kulturelle Projekte der Odenwaldschule.

Stiftung "Brücken bauen"
Der Stiftung geht es neben Unterstützung und finanzieller Anerkennung für die Opfer darum, die Aufarbeitung zu fördern und Konzepte für die Prävention von Missbrauch zu erarbeiten. Sie wurde von der Schulleitung und der Altschülervereinigung initiiert und versteht sich als Ansprechpartner für alle Betroffenen des Missbrauchsskandals.

Schulleitung der Odenwaldschule
Seit Beginn des Schuljahres 2011/2012 wird die Schule von einem Team aus kommissarischer Schulleiterin, Internatsleiter und Verwaltungsleiter geführt. Die Schule wehrt sich gegen Anschuldigungen, bei der Aufklärung der Missbräuche nicht konsequent genug zu sein.

Petition der OSO-Opfer
Darin fordert eine ehemalige Schülerin stellvertretend für Missbrauchsopfer Aufklärung. Viele Opfer sind sauer, dass es um den Missbrauchs-Skandal an der Odenwaldschule ruhiger geworden ist. Am Freitag musste sich das Internat dem Thema an einem gemeinsamen Tisch erneut stellen.
 
Redaktion: suma / anbu
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 6.10.2012, 12:10 Uhr
 
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