Bangen in Rüsselsheim: Der Aufsichtsrat kürt am Dienstag in einer Sondersitzung voraussichtlich einen neuen kommissarischen Opel-Chef. Die Beschäftigten fürchten, dass der Sanierungskurs verschärft wird.
Der Rüsselsheimer Autobauer macht Tempo, um ein Führungsvakuum zu vermeiden. Fünf Tage nach dem überraschenden Rücktritt des glücklosen Vorstandchefs Karl-Friedrich Stracke soll am Dienstag schon sein Nachfolger präsentiert werden. Wie aus Aufsichtsratskreisen verlautete, soll auf einer außerordentlichen Sitzung des Gremiums ein kommissarischer Opel-Chef gewählt werden.
Sedran gilt als Favorit
Als heißester Kandidat gilt ein Opel-Neueinsteiger: Strategiechef Thomas Sedran, der erst vor drei Monaten seinen Job beim Rüsselsheimer Autobauer antrat. Als ehemaliger Unternehmensberater von AlixPartners kennt Sedran aber das Unternehmen gut. Er war maßgeblich am Restrukturierungskonzept von Opel beteiligt.
"Sedran wird von allen Seiten akzeptiert", meinte ein Insider gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Das Lager der Arbeitnehmer schätzt seine Entscheidungsfreude und seine Fachkenntnis. Er kenne das internationale Autogeschäft sehr gut und begreife schnell. Und auch die Opel-Händler hätten bereits ihre Unterstützung für Sedran signalisiert.
Thom als Außenseiter im Rennen
Nur Außenseiterchancen hat offenbar der Produktionsvorstand Peter Thom. Der Brite dürfte für die Arbeitnehmerseite nicht tragbar sein. Als er Anfang des Jahres mit Sparplänen von Werk zu Werk reiste, soll er die Standorte gegeneinander ausgespielt haben, werfen ihm die Gewerkschaften vor.
Unklar ist, ob der Mutterkonzern General Motors (GM) einen eigenen Kandidaten aus Detroit nach Rüsselsheim schickt. Beobachter erwarten, dass GM einen Nachfolger einsetzen wird, der härter durchgreift als Stracke.
GM-Manager Girsky hat das Sagen
Die eigentlichen Fäden in der Hand halten dürfte freilich weiter Stephen Girsky ("Mister Fix-it"). Der Amerikaner führt den Aufsichtsrat von Opel und leitet interimsweise das Geschäft von GM in Europa. Kurz nach dem Rückzug von Stracke erhöhte Girsky den Druck auf die Beschäftigten. In einer internen Mail kündigte er an, er werde die Konzernstrategie verschärfen und forderte von den Arbeitern zusätzliche Anstrengungen. Als Chef des Kontrollgremiums von Opel kann Girsky jedoch nicht gleichzeitig den Vorstandsvorsitz übernehmen.
Ob Sedran einen heimlichen Konzernlenker über sich duldet, ist fraglich. Zumal der Sanierungsexperte wohl nur als Zwischenlösung gilt. Schafft er es nicht, bis zum Jahresende Opel wieder auf die Erfolgsspur zu führen, dürften seine Tage gezählt sein. Dann könnte auch ein Top-Manager außerhalb des Konzerns als langfristige Lösung für die Opel-Spitze in Betracht kommen, glauben Experten.
Kompromiss mit Arbeitnehmern in Gefahr?
Wird die Sanierungsstrategie verschärft, könnte das Werk Bochum früher als befürchtet dicht machen. IG-Metall-Chef Berthold Huber warnte GM, die Vereinbarungen mit der Arbeitnehmerseite zu brechen. Der gefeuerte Opel-Chef Stracke hatte sich mit den Arbeitnehmern verständigt, bis 2016 auf Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.
Opel leidet an Überkapazitäten und der schlappen Nachfrage in Europa. Im ersten Halbjahr wurden rund neun Prozent weniger Opel-Modelle verkauft. Alleine im ersten Quartal schrieb GM im Europageschäft ein Defizit von 256 Millionen US-Dollar. Im zweiten Quartal drohen voraussichtlich ebenfalls rote Zahlen, glaubt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Seiner Meinung nach ist "die Marke Opel in Deutschland auf Skoda-Niveau".
18 Chefs in 64 Jahren
Seit 1948 hat Opel bereits 18 verschiedene Chefs gehabt. Gut die Hälfte von ihnen kam von der Konzernmutter aus Detroit. In den letzten dreieinhalb Jahren wurden mit Nick Reilly und Stracke zwei Chefs verschlissen.
Am längsten hielt sich Edward Zudunek. Der erste Opel-Chef zog von 1948 bis 1961 die Fäden. Unter den deutschen Top-Managern gelang es Hans Demant, sich fünf Jahre lang an der Spitze in Rüsselsheim zu behaupten - von 2004 bis 2009.