Die Eltern von Viertklässlern stehen vor der Wahl schicken sie ihr Kind an eine Schule mit G8 oder doch lieber G9? Auch die Gymnasien selbst müssen sich entscheiden. Nicht allen fällt die neue Wahlfreiheit leicht.
Bei Familie Rauch aus Hadamar tagt seit Wochen der Familienrat. Spätestens bis März muss die Entscheidung fallen, an welchem Gymnasium die neun Jahre alte Tochter Friederike angemeldet wird. "Ich dachte immer, für Eltern wäre es die schwierigste Entscheidung, ob sie ihre Kinder impfen lassen aber das hier ist noch viel schlimmer", meint Mutter Sabine Rauch und lacht. Doch das Thema ist der Familie durchaus ernst.
Ihr Mann und sie seien hin- und hergerissen. "Ich möchte eigentlich, dass mein Kind G9 macht, weil es sowieso viel jünger ist als die anderen." Das würde für die kooperative Gesamtschule in Hadamar sprechen, die zudem noch fußläufig erreichbar wäre. Doch die bessere Schule gibt es nach Ansicht von Mutter Rauch im zwölf Kilometer entfernten Limburg ein altsprachliches Gymnasium, das aber zumindest vorerst bei G8 bleibt. Zudem müsste Friederike dafür künftig auf den Bus umsteigen. "Das ist die Not, die wir derzeit haben."
Die sogenannte Wahlfreiheit, die die schwarz-gelbe Landesregierung im Dezember mit den Stimmen der Grünen beschlossen hatte und den Schülern ab dem kommenden Schuljahr erstmals die Auswahl zwischen G8 und G9 überlässt, stellt die Eltern nun vor knifflige Entscheidungen. Ablehnend steht Rauch der neuen Freiheit nicht gegenüber: "Ich bin froh, über jede Möglichkeit zu wählen, aber das macht es ungeheuer schwierig. Es wäre einfacher, wenn wir keine Wahl hätten."
So wie den Rauchs geht es derzeit sehr vielen Eltern von Viertklässlern in Hessen. Am Freitag gibt es mit den Halbjahreszeugnissen den letzten Zwischenstand; bis zum März muss eine Entscheidung getroffen werden. Ideologische Gründe stehen dabei nicht unbedingt im Vordergrund: "Bei vielen sind es am Ende rein pragmatische Gründe", meint auch Rauch. Neben dem Schulweg ist etwa die Ausstattung der Schule oder das Personal entscheidend. Auch die Frage, was die Schulkameraden machen, kann natürlich ausschlaggebend sein.
Aber nicht nur die Eltern, auch die Gymnasien in Hessen stehen unter Druck. Sie müssen sich entscheiden, ob sie den vor acht Jahren eingeführten Weg von G8 weitergehen oder wieder zur sechsjährigen Mittelstufe zurückkehren wollen. Einige Schulen haben sich bereits festgelegt.
Viele Gymnasien verschieben die Entscheidung aber vorerst und wollen zumindest im kommenden Schuljahr noch bei G8 bleiben. Dazu gehört auch das Riedberg-Gymnasium in Frankfurt. Schulleiter Helmut Kühnberger will sich nicht drängen lassen: "Wir treffen eine wohlüberlegte Entscheidung und wollen nichts übers Knie brechen. Für mich sind die Kinder am wichtigsten." Derzeit beschäftige sich eine Arbeitsgruppe an seiner Schule, was überhaupt machbar sei, analysiere etwa die Schulpläne oder befrage die Eltern zu ihrer Meinung.
Wahl könnte Lage wieder ändern
Sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass im Herbst ein neuer Landtag gewählt wird die SPD hat bereits angekündigt, bei einem Wahlsieg die Wahlfreiheit wieder abzuschaffen und vollends zu G9 zurückzukehren. Echte Wahlfreiheit kann es nach Ansicht von Schulleiter Kühnberger ohnehin nicht geben. Zu viele Faktoren wie die Lage der Schule oder die Ausstattung spielten dabei eine Rolle. Ohnehin würde mit der Wahlfreiheit die Frage der Entscheidung nur von der Politik auf die Schulen übertragen. Eine Tendenz, wie sich seine Schule entscheide, will Kühnberger noch nicht abgeben, räumt aber ein: "Der allgemeine gesellschaftliche Trend geht in Richtung G9."
Aber nicht alle Schulen sind vor die Wahl gestellt einige haben sich auch für ein Mischmodell entschieden, das in einem Schulversuch beide Möglichkeiten auf dem Weg zum Abitur parallel anbietet. Dort müssen sich die Eltern erst nach der 6. Klasse entscheiden. Dazu gehört etwa die Herderschule in Gießen. Mehr Planungssicherheit hat Schulleiter Dieter Gath dadurch aber nicht: "Ich bin mir nicht sicher, ob wir zwei G8-Klassen zusammen bekommen." Gath hat an seiner Schule eine eindeutige Entwicklung ausgemacht: "Man spürt, dass die Eltern inzwischen doch sehr stark zu G9 tendieren."
Zumindest bei Familie Rauch ist die Entscheidung aber offenbar in die andere Richtung gefallen Friederike zieht es wohl aufs G8-Gymnasium nach Limburg. Den Ausschlag gab in diesem Fall der Latein-Unterricht, der dort bereits ab der 5. Klasse angeboten wird. Wie Frau Rauch erklärt, hat die Entscheidung am Ende die Tochter ganz alleine getroffen, das sei ja auch nur konsequent "denn sie muss es ja auch ausbaden".
Ihr Beitrag
G8 oder G9 - Wie würden Sie sich entscheiden?
Tassinois am 01.02.2013 10:30
Hier in Frankreich sind 8 Schuljahre komprimiert Pflicht und am Ende kommen Leute mit viel Wissen aus dem Schule, denen vor allen Dingen mangels Fr... [+]
Alexander am 31.01.2013 22:51
Ich als Schulabgänger im Jahr 1999 habe eine schöne Schulzeit mit genug Freizeit, Engagement in Vereinen genossen. Sehe ich heute Dokumen... [+]
Raholin am 31.01.2013 22:07
Stichpunkt Wahlfreiheit:
Es scheint so zu sein, dass in Hessen eine "Freiheit zu Wählen" bestünde. Wohlweißlich wi... [+]
Friederike Schäfer am 31.01.2013 19:48
Friederike Schäfer, berufstätige Mutter drei schulpflichtiger Kinder
In keinem Land ist der soziale Status der Eltern für den... [+]