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Gemüse (Bild:  colourbox.de)

Orthorexie

Wenn gesunde Ernährung zwanghaft wird

Manche Menschen achten zu sehr auf gesunde Lebensmittel. In einzelnen Fällen führt die Beschäftigung mit gesunder Ernährung zur Obsession: Nahrung ist nicht länger Lebensmittel, sondern Lebensmittelpunkt.
 

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23.01.2013, 21:00 Uhr
Beobachtet und beschrieben wurde die Sucht nach gesunden Lebensmitteln erstmals 1997 durch den amerikanischen Arzt Steven Bratman. Und er beobachtete sie nicht etwa nur bei einigen seiner Patienten, sondern auch bei sich selbst. Bratman, ein Alternativmediziner, arbeitete vor seiner Medizinkarriere als Koch in einer Öko-Kommune. Er beriet viele seiner Patienten in Ernährungsfragen und lebte selbst ebenfalls entsprechend seiner Ratschläge. Nach eigener Aussage glaubte er damals, dass die gesundheitliche Wirkung von Ernährung allgemeingültig und das Einhalten einer strengen, an Lebensmittelqualität ausgerichteten Diät uneingeschränkt gesundheitsförderlich und nebenwirkungsfrei sei.

Im Laufe der Zeit stellte er jedoch fest, dass seine Anforderungen an die eigene Ernährung immer extremer wurden. Gemüse zum Beispiel durfte nicht vor mehr als 15 Minuten im eigenen Garten geerntet sein; am liebsten aß er allein, um die nötige innere Ruhe für eine optimale Verdauung zu haben. Abweichungen von seinen Essregeln – zum Beispiel durch Einladungen zum Essen, denen er aus Höflichkeitsgründen nicht ausweichen konnte - empfand er als sündhaft und bestrafte sich durch selbst verordnetes Fasten. Der Gedanke an Essen, genauer: gesundes Essen, überlagerte alle anderen.
 
Einfach für alle. Der Rundfunkbeitrag.
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Was ist Orthorexie?

Nur gesunde Lebensmittel einkaufen ist eine große Aufgabe. Diese Fixierung auf - vermeintlich - gesunde Ernährung nannte Bratman "Orthorexia nervosa", vom Griechischen orthos "richtig" und orexis "Appetit". Der Begriff lehnt sich nicht zufällig an den für Magersucht, "Anorexia nervosa" an. In beiden Fällen befassen sich die Betroffenen ausgiebig mit ihrer Ernährung, bei der Anorexie mit der Menge beziehungsweise dem Kaloriengehalt, bei der Orthorexie mit der Qualität der Lebensmittel.

Doch Achtung: Nicht jeder, der sich bewusst ernährt, läuft damit automatisch Gefahr zum Orthorektiker zu werden. Dr. Bernhard Osen, Chefarzt für psychosomatische Medizin an der Schön-Klinik Bad Bramstedt, definiert die krankhafte Ausprägung so: "Orthorexie ist ein unflexibles, ein zwanghaftes Essverhalten, das sich vor allem an gesunden Lebensmitteln orientiert. Die Betroffenen versuchen in übertriebener Art und Weise vermeintlich ungesunde oder schädliche Lebensmittel zu vermeiden. Und dabei kann diese Idee, gesund essen zu müssen, ein so hohes Ausmaß annehmen, dass andere wichtige Lebensbereiche, wie etwa soziale Kontakte, vernachlässigt werden."
 

Gründe und Ursachen

Eine Essensumstellung aufgrund einer Hautkrankheit: ein möglicher Auslöser für Orthorexie? Das auslösende Moment für die intensive Beschäftigung mit der eigenen Ernährung ist nicht einheitlich. Es gibt Fälle, in denen eine bestehende Unverträglichkeit oder eine Allergie gegen bestimmte Nahrungsbestandteile dazu führte, ebenso wie solche, bei denen etwa die Aufdeckung eines Lebensmittelskandals oder Berichte über tierquälerische Massentierhaltung der Startpunkt waren. Auch welche Lebensmittel und Zubereitungsmethoden noch als akzeptabel angesehen werden, kann sehr unterschiedlich beurteilt werden. Man könnte sagen: Orthorexie ist ein Weltbild mit vielen Konfessionen. Gemeinsam ist allen Orthorektikern allerdings die unbedingte Konsequenz, mit der sie ihren neuen Ernährungsstil pflegen, und ihr Selbstbild:

"Die Betroffenen haben ein Gefühl von Reinheit", sagt Bernhard Osen, "aber auch ein Gefühl von Selbstkontrolle. Das gibt Sicherheit und das steigert auch das Selbstwertgefühl." Besonders anfällig für das Umkippen ins Obsessive sind daher oft Menschen, die ansonsten zu Unsicherheit und Selbstzweifeln neigen.
 
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Redaktion: anfi
Letzte Aktualisierung: 13.06.2014, 12:44 Uhr
 

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