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Inge Brandenburg  (Bild:  picture-alliance/dpa)  (Bild: Kurt Bethke / hr)
Inge Brandenburg
7.05.2015

Das tragische Leben der Inge Brandenburg

Sie war Autodidaktin und entwickelte sich zur besten Jazzsängerin Europas. Als sie am 23. Februar 1999 in München starb, war sie verarmt und nahezu vergessen. Ihr Leben war eine tragische Geschichte, die sich "hauptsächlich in Moll abspielt, mit zu vielen Blue Notes".
 
Geboren wird Inge Brandenburg am 18. Februar 1929 in Leipzig. Der Vater nimmt die Zweijährige mit in seine Stammkneipe, wo er sie auf den Tisch stellt und singen lässt. So verdient sich Inge ihren ersten Applaus und dem Vater ein Freibier.

Traumatische Kindheit

Mit 10 Jahren muss Inge miterleben, wie ihr Vater von der Gestapo abgeholt und zusammengeschlagen wird. "Ich nehme an, er war Kommunist", sagt sie später in einem Interview. Er wird ins KZ Mauthausen verschleppt, wo er 1940 ums Leben kommt. "An einem elektrischen Stromschlag gestorben", heißt es lapidar in einem Brief, der der Urne mit der Asche des Vaters beiliegt. Ob er umgebracht wurde, bei einem Unfall oder einem Fluchtversuch zu Tode kam, wird nie geklärt.

Auch die Mutter gerät in die Fänge der nationalsozialistischen Willkür: Ihre Spur verliert sich zwei Monate vor Kriegsende auf einem Transport vom KZ Ravensbrück nach Dachau. Warum sie überhaupt im KZ landete, kann auch nur vermutet werden: Möglicherweise hatte sie bei ihrer Arbeit in einer Restaurantküche polnischen Kriegsgefangenen Essen zugesteckt.

Klavierspielen durften nur höhere Töchter

Inge wächst, getrennt von ihren fünf Geschwistern, in Kinderheimen auf. Schnell wird sie dort in der Kirche als Solosängerin eingesetzt. Gefördert wird ihr Talent aber nicht. Auf die Bitte des jungen Mädchens, Klavierunterricht nehmen zu dürfen, erwidert die Heimleiterin: "Du, lern mal einen anständigen Beruf. Klavierspielen – das ist was für höhere Töchter, dir ihr ganzes Leben nichts anderes zu tun brauchen."
 

Spitzname "Frankie's little sister"

Inge Brandenburg (Bild: Kurt Bethke / hr)
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Inge Brandenburg alias "Frankie's little sister"
Ihre Gesangskarriere beginnt 1949 mit einer Annonce in der Augsburger Tageszeitung: Das Tanzorchester des Bandleaders Eugen Weigele sucht "eine gutaussehende Sängerin mit tiefer Stimmlage und guten Englischkenntnissen." Mit "Sah ein Knab ein Röslein stehn", ohne Begleitung vorgesungen, ergattert Inge den Job.

Englisch kann sie noch nicht, aber in kurzer Zeit erarbeitet sie sich ein ansehnliches Repertoire von amerikanischen Songs, indem sie die Texte abhört, in Lautschrift aufschreibt und singen lernt, ohne zunächst ein Wort davon zu verstehen. Sieben Jahre zieht sie mit verschiedenen Tanzkapellen von Club zu Club, lernt Englisch und singt praktisch alles, was damals in Amerika populär ist: von Frank Sinatra über Dinah Washington bis hin zu Hillbilly-Schlagern und Musical-Melodien. Die GIs verpassen ihr den Spitznamen "Frankie's little sister".
 

Debüt beim 6. Deutschen Jazzfestival Frankfurt

Inge Brandenburg und das hr-Jazzensemble (Bild: Kurt Bethke / hr)
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Inge Brandenburg und das hr-Jazzensemble
Seit 1957 hate Inge Brandenburg ihren Wohnsitz in Frankfurt am Main, das damals als "Jazzhauptstadt der Republik" gilt. Bestärkt durch den bisherigen Erfolg traut sie sich im Frühjahr 1958 erstmals auf die Bühne des Frankfurter Jazzkellers.

Im Mai des gleichen Jahres gibt sie ihr Debüt beim 6. Deutschen Jazzfestival Frankfurt und wird im Anschluss von der Presse als Entdeckung gefeiert. Es ist das Festival, auf dem auch das Jazzensemble des Hessischen Rundfunks erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Von da kommt diese Gruppe hochkarätiger Instrumentalisten um die Brüder Mangelsdorff und den Tenorsaxofonisten und Arrangeur Joki Freund regelmäßig zusammen, um Aufnahmen für den Sender einzuspielen.
 

Kurz vor dem Auftritt ausgebootet

Ab Januar 1959 geht Inge Brandenburg zum ersten Mal mit ihnen ins Studio. Im Juli 1960 will sie beim 1. Europäischen Jazzfestival in Juan-Les-Pins mit ihnen auftreten. Doch dazu kommt es nicht. Statt des hr-Jazzensembles reist nur das Albert Mangelsdorff Quintett nach Südfrankreich. In Marc Böttchers bewegendem Dokumentarfilm "Sing! Inge, sing!" erzählt die Protagonistin, wie der Posaunist dort kurz vor dem geplanten gemeinsamen Auftritt abgelehnt habe, sie zu begleiten.

Doch Inge findet Musiker, die sie spontan begleiten und wird zur besten europäischen Jazzsängerin gekürt, und das, obwohl sie mit Rita Reys und deren eingespieltem Trio starke Konkurrenz hat!
 

Ein Schlager dümmer als der andere

Inge Brandenburg (Bild: Kurt Bethke / hr)
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Zur Schlagermusik gezwungen worden
Kurz darauf zeigt auch die Plattenindustrie Interesse an ihr. Ein Vertrag mit der Teldec garantiert Inge Brandenburg Jazzaufnahmen, wenn sie im Gegenzug bereit ist, auch Schlager einzusingen. Natürlich wittert die Plattenfirma Teldec hier den größten Profit und produziert zunächst reihenweise deutsche Schlager, einer dümmer als der andere und keiner geeignet von einer lebenserfahrenen Frau mit dunkel funkelndem Timbre gesungen zu werden.

Zeitlebens war Inge Brandenburg eine streitbare Frau, die keine Auseinandersetzung scheute, weder mit Labelbossen noch mit Musikern. Sie konnte dabei auch noch recht ungehalten werden, was allein in der damaligen Zeit höchst ungewöhnlich war. Damit verscherzte sie sich so manche Sympathie.
 

Überwiegend Theater gespielt

Inge Brandenburg als Freiheitsstatue in einer Szene des des Anti-Kriegsstücks "Vietrock" am 18.4.1968 im Schauspielhaus in Nürnberg. (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Inge Brandenburg als Freiheitsstatue

Ab Mitte der 60er Jahre ging es mit ihrer Gesangs- und Plattenkarriere zu Ende. Zwar tritt sie weiter auf, beginnt aber auch als Schauspielerin zu arbeiten und gerät als Jazzsängerin nach und nach in Vergessenheit.
 
Inge Brandenburg (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Inge Brandenburg
1993 träumt sie in einem Interview mit dem Jazz Podium, "es müsste mal irgendein Gönner daherkommen, der ein wirklicher Brandenburg-Fan ist. Es ist mein großer Traum, noch einmal eine schöne Platte oder CD zu machen. Ich finde, es müsste ein gutes Dokument hinterlassen werden."
 

Am Ende verarmt und vergessen

Am 23. Februar 1999 – nur fünf Tage nach ihrem 70. Geburtstag – starb Inge Brandenburg im Krankenhaus München Schwabing. Da war sie verarmt und fast vergessen. Ihr Leben spielte sich immer in Moll ab - bis zum Ende.
 
 

Informationen von hr2-Autor Jürgen Schwab aus dem CD-Booklet von Bear Family Productions

 

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Redaktion: ksch / magr
Letzte Aktualisierung: 12.05.2015, 14:05 Uhr
 

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