15.05.2012

Wenn die Nacht am tiefsten

Janne Teller "Komm"

Janne Teller (Bild: 2004 Photographer Morten Holtum Nielsen)
Janne Teller
Von Janne Teller, der dänischen Autorin des kontrovers diskutierten Jugendromans "Nichts. Was im Leben wichtig ist", erscheint jetzt ein schmaler Roman für Erwachsene, ein "philosophisches Nachtstück". Darin geht es um die einfache Frage, ob man sein Leben grundlegend ändern kann.
Bewertung
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Die namenlose Hauptfigur in Janne Tellers Buch "Komm" ist ein erfolgreicher Verlagschef Anfang 50. Das Geschehen spielt sich in seinem Büro in einer langen Winternacht ab. Wobei 'Geschehen' das falsche Wort ist, denn an äußerer Handlung passiert so gut wie nichts. Der Verlagschef feilt an einer Rede zum Thema "Ethik in der Verlags- und Literaturbranche", die er am nächsten Tag auf einer Konferenz in Wien halten soll. Er verpasst ein Abendessen mit seiner Frau. Er grübelt über ein Manuskript nach.
 

Copyright auf das eigene Leben?

Information

 (Bild: Verlag)

Janne Teller "Komm"

Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
158 Seiten, 16,90 Euro
9783446237568
Hanser, Februar 2012
Bei dem Manuskript handelt es sich um das neue Buch eines internationalen Bestsellerautors. Ein packendes, spannendes Buch, ein Politthriller, der in einem afrikanischen Krisenstaat spielt. Das Skript soll zum Satz und danach in die Herstellung. Der ganze Verlag wartet auf das "OK" des Chefs.

Dann taucht plötzlich Petra Vinter in seinem Büro auf, ebenfalls eine Schriftstellerin des Verlags, allerdings eine mit bedeutend geringeren Verkaufszahlen, handelt es sich bei ihr doch um eine 'mathematische Lyrikerin'. Petra Vinter behauptet, der Bestsellerautor habe ihre eigene, tragische Geschichte während ihrer Zeit in Afrika in seinem neuen Roman verarbeitet. Entgegen ihrer Absprache. Der Verlag solle das Buch deshalb nicht veröffentlichen.
 

Rückblick auf das eigene Leben

Was tun?, fragt sich der Verleger. Während er über Petra Vinter und ihre Behauptung nachdenkt, arbeitet er weiter an seiner Rede. "Kunst ist nicht Wirklichkeit", schreibt er. "Der Künstler schöpft aus der Wirklichkeit, um eine fiktive Reflexion über die Wirklichkeit zu erschaffen." Es ist bereits früher Abend, die Rede wird und wird nicht fertig, er versetzt seine Frau, trinkt Cognac, draußen schneit es. Er denkt über Grundsätzliches nach, lässt wichtige Ereignisse und Personen seines Lebens Revue passieren. Er hat in den Verlag eingeheiratet, seine Frau, einst eine idealistische, hoffnungsvolle Nachwuchspolitikerin, ist mittlerweile eine kühle Strategin und als Integrationsministerin ganz oben angekommen. Ihre Ehe ist ein Zweckbündnis aus Intellekt und Macht. Beide betrügen sich seit langem gegenseitig, darüber wissend und stillschweigend. Der Verlagschef denkt an seine langjährige Geliebte Lulu, die er verlassen hat, als sie eine Entscheidung von ihm verlangte. Er denkt an alte Schulkameraden, die unter die Räder gekommen sind. Er ist nicht zufrieden. Und jetzt fordert diese Petra Vinter eine Entscheidung von ihm: "Du hast die Wahl."
 

Schnee fällt, Zeit verstreicht, Gedanken fließen

Das ist das ineinander verwobene Setting in Janne Tellers schmalem Roman. Die Autorin zitiert August Strindberg und Thomas Mann, sie selbst wechselt zwischen einfachen Sentenzen – "Die Welt ist, wie sie ist. Man muss sich arrangieren" – und einfachen Fragen – "Was ist Literatur überhaupt?" – hin und her. Selten unterbrochen durch poetische Ausbrüche wie diesen:

"Das Brüllen beginnt in seinem Bauch und dringt mit dröhnendem Ungestüm aus dem Mund in derselben Sekunde, in der die erste Träne zwischen das blankgescheuerte grüne Leder und die stumpfgescheuerte Kirschholzkante des Schreibtischs tropft."

Manch einer wird das alles zu gewollt und zu konstruiert finden, ein anderer wird von der ausgestellten Schwere der Gedanken vielleicht gepackt oder angeregt sein. Denn sind Bücher, in denen die Hauptfigur darüber nachdenkt, sein Leben grundlegend zu ändern, nicht auch immer eine Aufforderung an den Leser: Mach es ihm nach – Ändere Dein Leben?
 

Unterm Strich

"Komm" besitzt nicht die Wucht und die Tiefe von Janne Tellers Jugendroman "Nichts", in dem eine 8. Klasse durch einen vierzehnjährigen Nihilisten bis aufs Blut gereizt wird. Während in "Nichts" die Situation spiralförmig eskaliert, passiert in "Komm" an Handlung viel zu wenig. Um eine Spannung der Innerlichkeit zu erzeugen, reicht es nicht aus, große Fragen zu stellen und den Protagonisten eine verquaste Rede schreiben zu lassen. Janne Teller reißt auf schmalen Raum zu viele Themen an. Die an sich interessante Idee einer Lyrikerin, die ihre Lebensgeschichte von einem anderen Autor, einem Bestsellerautor, ausgebeutet sieht, hätte gereicht. Unterm Strich überzeugt Janne Tellers "philosophisches Nachtstück" leider nicht.

Vorgestellt von Mario Alexander Weber
 
Redaktion: nrc
Bild: © 2004 Photographer Morten Holtum Nielsen
Letzte Aktualisierung: 15.05.2012, 12:46 Uhr
 
 (Bild: hr)
 
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