2.08.2012

Tauchgang in seelische Abgründe

Juli Zeh "Nullzeit"

Frau mit braunen Haaren (Bild:  hr)
Julie Zeh
Eine Insel im Süden, ein Tauchlehrer, ein Pärchen im Urlaub: Was wie die Zutaten für einen leichten Roman klingt, ist die Vorlage für einen Alptraum. Juli Zeh beschreibt in ihrem Psychothriller "Nullzeit" eine unheilvolle Dreiecksbeziehung. Sex, Gewalt und Nervenkitzel - all inclusive.
Bewertung
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Sendungslogo
Sven, ein Jurist aus Berlin, Aussteiger und Tauchlehrer auf der Insel im Süden, hat beschlossen, sich „rauszuhalten“. Das ist sein Lebensmotto, dem „Club der Arschlöcher“ in Deutschland will er nicht mehr angehören. Er hat eine Freundin auf der Insel und den Traum, seinen 40. Geburtstag auf 100 Metern Tiefe mit einem gewagten Tauchgang zu feiern. Da kommen neue Gäste: Jola und Theo. Jola ist Schauspielerin, jung und schön, sie will sich von dem Tauchlehrer auf eine neue Rolle vorbereiten lassen.
 
Theo, ein alternder Schriftsteller mit Schreibhemmung, ist ihr Partner. Bevor Sven überhaupt Gelegenheit findet, sich Gedanken zu machen, hat er sich in Jola verliebt und wird hemmungslos von dem Paar benutzt. Ein unheilvolles Spiel um Macht, Urteilsfindung, Liebe und Lebensträume nimmt seinen Lauf.
 

Fremdes Element – fremde Gefühle

Information

 (Bild: Schöffling + Co.)

Juli Zeh "Nullzeit"

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Schöffling & Co.; Auflage: 1
ISBN-10: 389561436X
ISBN-13: 978-3895614361
€ 19,95
Zeh lässt Sven die Geschichte erzählen, und schneidet immer wieder Tagebucheinträge von Jola dazwischen. Dass die beiden offensichtlich zwei verschiedene Realitäten schildern, ist ein wirkungsvolles Mittel, um zu verwirren. Was ist wahr? Wer manipuliert wen? So verhaltensauffällig und abstoßend wie Jola und Theo sich schon am Anfang verhalten, ahnt der Leser: Das kann nicht gut ausgehen. So bringen sich die beiden permanent gegenseitig in Lebensgefahr, finden es etwa lustig, sich bei den Tauchgängen die Luft abzudrehen.

An Land quält Jola Theo mit ihrer Verachtung, Theo quält Jola mit Schlägen, Vergewaltigungen und Desinteresse. Sie zwingen Sven, Zeuge ihrer Spielchen auf Leben und Tod zu werden. „Raushalten“ fällt ihm immer schwerer. Und offenbar soll er das auch nicht. Vielmehr scheint es, als hätten die beiden von Anfang an ein Drehbuch und er darin eine tragende Rolle. Dass viele Szenen unter Wasser beim Tauchen spielen, bringt zusätzlich Spannung, Unbehagen und Faszination in die Geschichte. Fremdes Element – fremde Gefühle.
 

Der Leser als Bühne für ein böses Drama

Der Autorin gelingt es, die komplizierte Beziehung von Jola und Theo, zweier emotional extrem bedürftiger Menschen, zu zeigen. Sie schmiegen sich im Spannungsfeld zwischen Selbsthass, Anziehung, Abhängigkeit, Gewalt und Macht eng aneinander. Die dritte, zunächst unbeteiligte Person, Sven, machen sie zu ihrer Bühne, auf der sie ihren grausamen Reigen aufführen. Svens Fassungslosigkeit und Überforderung ob der psychischen und physischen Gewalt ist die Fassungslosigkeit des Lesers, der so selbst zur Bühne dieses Psychodramas wird.
 

Packend, spannend - aber nicht verstörend

Und tatsächlich steht in Juli Zehs „Nullzeit“ das Element „psycho“ deutlich mehr im Vordergrund und der Aspekt „Thriller“ fällt dahinter etwas zurück. „Nullzeit“ ist ein wirklich packender Roman – wenn er einem auch nicht den Atem raubt. Die erwartungsfrohe Angst, die am Anfang der Geschichte meisterhaft geweckt wird, wird im Laufe der Ereignisse zwar genährt. Doch das Finale lässt den Leser zwar aufgewühlt, aber nicht völlig verstört zurück. Nicht so, wie man es am Anfang erwartet oder befürchtet, oder vielleicht sogar erhofft hatte. Am Ende bleibt das schöne Gefühl, endlich mal wieder ein spannendes, interessantes, exzellent geschriebenes Buch mit fein ausgearbeiteten Charakteren gelesen zu haben, das viel zu schnell zu Ende war. Und Menschen mit einer Vorliebe für den Tauchsport kommen bei der Lektüre von „Nullzeit“ ganz besonders auf ihre Kosten.

Vorgestellt von Katrin Kimpel.
 
Redaktion: sofo / kim
Bild: © hr
Letzte Aktualisierung: 10.06.2013, 12:21 Uhr
 
 (Bild: hr)
 
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