Michail Chodorkowski und Natalija Geworkjan "Mein Weg: Ein politisches Bekenntnis"
Übersetzt von Steffen Beilich
640 Seiten, 22,99
Deutsche Verlags-Anstalt
erschient am 22. Oktober 2012
ISBN-10: 3421045100
ISBN-13: 978-3421045102
Frage: Sie befinden sich bereits seit neun Jahren in Haft, seit Sommer 2011 in der Justizvollzugsanstalt Segescha, Karelien. Unter welchen Bedingungen leben Sie dort?
Michail Borisowitsch Chodorkowski: Das Gefängnis ist in mehrere Abteilungen unterteilt, jede Abteilung besteht aus einer separaten Baracke mit einem kleinen Innenhof. Jeder Hof ist mit einer hohen Mauer und Stacheldraht umzäunt. In einer Baracke leben 150 bis 200 Häftlinge. Wir leben hier mit 20 bis 50 Leuten in einem Zimmer. Jede Abteilung besitzt einen Fernseher mit nur einem Programm, mehrere Kühlschränke und eine Mikrowelle. Alle Abteilungen essen in der gemeinsamen Kantine und arbeiten in mehreren Werkstätten.
Außerdem gibt es eine "Straf-Isolierabteilung" - ein düsteres Gebäude mit kleinen Zellen. In dem jetzigen Gefängnis habe ich dieses Gebäude noch nicht "aufsuchen" müssen. Aber als ich in Krasnokamensk untergebracht war, ist es schon ´mal vorgekommen.
Der Tagesablauf ist bis auf die Minute durchgeplant. (...). Jede Abweichung bringt dich in die "Straf-Isolierabteilung". Das ist ein finsterer Ort mit mehreren, winzigen Kammern. Deshalb kann jede Ablenkung, jedes Abschweifen gefährlich sein.
Für Kranke gibt es eine medizinische Station. Da sitzt eine einfache Krankenschwester und gibt die verschriebenen Medikamente raus. Kranke mit ernsthaften Problemen werden in ein 100 Kilometer entferntes Gefängniskrankenhaus gebracht. Die Reise ist sehr unangenehm, daher leben viele mit ihren Schmerzen und Krankheiten und bleiben im Gefängnis.
Der Umgangston zwischen den Sträflingen ist manchmal hart, ernsthafte Konflikte (mit Verletzungen) gibt es jedoch äußerst selten. Jedenfalls seit dem Wegfall der "Sektion für Disziplin und Ordnung" vor über einem Jahr. Das waren auserwählte Häftlinge, die die restlichen Haftinsassen zur Ordnung rufen durften. Natürlich ist etwas davon noch übrig geblieben, das wird aber sehr gut vertuscht.
Die JVA-Beamten versuchen, sich an das Gesetz zu halten. Und grundsätzlich erlebe ich einen ziemlich höflichen Umgang. Das war nicht immer so. Veränderungen fallen den Beamten schwer und es kommt noch gelegentlich zu Exzessen, die jedoch nicht an die Öffentlichkeit dringen. Man muss bedenken, dass alle Fäden von der JVA-Leitung gezogen werden. Eine unabhängige Kontrolle oder Versuche, etwas zu beweisen, sind praktisch sinnlos. Neulinge werden in die Regeln schnell eingeweiht. Diejenigen, die es nicht begreifen, "landen" in der Isolierzelle.
P.S.: 20 bis 30 Prozent der Häftlinge haben Arbeit. Ich persönlich stelle zurzeit Akten-Ordner her. Eine Maschine würde es schneller und besser erledigen, in diesem Fall müssten sie sich aber eine andere Tätigkeit ausdenken. Und so sind die Hände beschäftigt, der Kopf ist frei.
Frage: Ein ehemaliger Häftling, der vor kurzem aus dem Gefängnis Segescha entlassen worden ist, beschreibt in einem Interview die starken seelischen Belastungen durch die Haft. Können Sie das bestätigen?
Michail Borisowitsch Chodorkowski: Die vergangenen sechs Jahre war ich mit Schwerverbrechern in Gefängnissen in Moskau und Tschita untergebracht. Eineinhalb Jahre saß ich im Gefängnis an der chinesischen Grenze, rund 6.500 km von Zuhause entfernt. Eines Nachts hat man versucht, mich aufzuschlitzen, um der Gefängnisleitung einen Gefallen zu tun. Hier, 1.550 Kilometer von Zuhause weg, bin ich von Drogenabhängigen und Vergewaltigern umgeben, die Zweidrittel der "Gefängnisbevölkerung" darstellen. Das ist gewiss kein "Erholungsheim". Ich sehe aber keine Gefahr für mich. Ich bin über meine Angst bereits hinweg. Das Einzige, worum ich mir Sorgen mache, ist meine Familie - Kinder, die ohne ihren Vater aufwachsen, alternde Eltern und meine Frau, die auch nicht von Jahr zu Jahr gesünder wird.
Frage: Putin ist gerade 60 geworden. Theoretisch könnte er weitere 12 Jahre Präsident bleiben. Hoffen Sie, jemals auf freien Fuß zu kommen?
Michail Borisowitsch Chodorkowski: Wie jeder Mensch gebe ich die Hoffnung nicht auf - solange ich lebe. Doch ich werde niemals Vergehen zugeben, die ich nicht begangen habe. Außerdem werde ich meine Meinung über das herrschende autoritäre Regime nicht ändern. Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube, dass die Gerechtigkeit siegen wird und ich hier rauskomme.
Frage: Hatten Sie jemals das Gefühl, dass nicht Sie, sondern Putin hinter Gittern sein sollte?
Michail Borisowitsch Chodorkowski:
Sicherlich fällt es mir schwer, den Gedanken loszuwerden, dass Putin eigentlich das durchmachen sollte, was er mir und vielen anderen eingebrockt hat. Das ist aber ein unredlicher Wunsch, den ich bekämpfen möchte. Putin als Russlands Anführer der letzten 13 Jahre wird vor der Geschichte Rechenschaft abgeben müssen.
Frage: In Ihrem Buch erwähnen Sie oft das Jahr 2003 - warum haben Sie Russland damals nicht verlassen? Sie sind als kühner Stratege bekannt. Was hat sie bewogen, da zu bleiben?
Michail Borisowitsch Chodorkowski: Damals empfand ich es unter meiner Würde, das Land zu verlassen. Ich habe damals die emotionale Wucht, mit der Putin an unseren Konflikt herangegangen ist, unterschätzt. Ich habe nicht mit so viel Gleichgültigkeit gerechnet, mit der darauf reagiert wird, dass die Unabhängigkeit von Gerichten außer Kraft gesetzt wurde und das Gesetz mit zweierlei Maß ausgelegt wird. Wahrscheinlich bin ich von mir ausgegangen. Ich selbst bin weniger emotional bei meiner Arbeit und ziehe es vor, strategisch nach optimalen Lösungen zu suchen - "ohne Wut und Parteilichkeit". Damals habe ich die "Führung" etwas idealisiert. Ich gestehe diese Fehleinschätzung ein.
Frage: Sie behaupten, Russland befindet sich in einer allgemeinen Stagnation das Land lebe nur von Öl- und Gaseinnahmen. Muss Russland eine Revolution oder gar einen Bürgerkrieg befürchten? Oder wird der Kreml einen demokratischen Retter erleben?
Michail Borisowitsch Chodorkowski: Ohne Frage steckt Russland seit ca. 2004-2005 in der Stagnationsphase fest. Bis 2008 konnte dieser Prozess mit Öl- und Gaspreissteigerungen und Finanzinvestitionen aus dem Ausland verdeckt werden. Wegen der Krise 2008-2009 sind diese Wachstumsgeneratoren aber weggebrochen. Es ist nicht gelungen, das Land genügend zu modernisieren. Am Ende blieben lediglich Parolen und minimale Veränderungen übrig. Die allerdings bereits einer Revision unterzogen wurden. Der "Tandem-Tausch", der im September 2011 angekündigt wurde, hat den Glauben der Gesellschaft in die Möglichkeit der mehrstufigen politischen und sozialen Reformen untergraben. Zurzeit wächst das verdeckte Protestpotential. Die Bombe wird bestimmt kurz vor der Explosion stehen. Je später, desto stärker, da die Radikalität des Protests zunimmt. Die Rückkehr zu den ruhigen Reformen, sowie die Schaffung eines totalitären Modells sind meiner Meinung nach unwahrscheinlich. Die Stagnation neigt sich bereits zum Ende, die Unzufriedenheit mit der Macht steigt.
Die jetzige Aufgabe der Regierenden und der Opposition besteht darin, die richtige Form ihrer Beziehungen zu finden, um die Verluste des Landes zu minimieren und einen konstruktiven Ausweg aus der unvermeidlichen Krise des politischen Systems zu finden. Russland braucht keinen neuen demokratischen Retter. Russland braucht Föderalismus, Parlamentarismus, lokale Autonomie, unabhängige Gerichte und politische Konkurrenz. Das ist keine Höhere Mathematik. Sondern ein normales europäisches Modell, das wir akzeptieren müssen, da wir Russen auch Europäer sind.
Frage: Kann Ihr Buch oder das Interview Repressalien im Gefängnis auslösen?
Michail Borisowitsch Chodorkowski: Repressalien hängen in der jetzigen Situation von einer einzigen Person ab - Wladimir Putin. Ich kann seine Emotionen nur schlecht einschätzen.