Frau in Hunde-Latex-Anzug kriecht auf dem Boden. (Bild: Florian Müller / Edition Lammerhuber)
Pet-Player: Für viele Menschen, die in Rollenspielen Tiere verkörpern, steht die Sexualität dabei gar nicht so sehr im Vordergrund.
17.10.2015

Fetisch in Deutschland

Sklave, Hund und eingeschweißte Made

Florian Müller hat sich ein heikles Thema ausgesucht: Er hat Fetischisten fotografiert. Nichts Neues? Doch, denn es sind keine gestellten Szenen, die er zeigt. Ihm sind beeindruckende, würdevolle Bilder gelungen.
 
Von Nicole Rodriguez, hr

"Sessions - Fetisch in Deutschland" ist Florian Müllers erster Bildband, entstanden als Abschlussarbeit für sein Fotografiestudium an der Hochschule Hannover. 33 Jahre ist Müller alt und ist für sein Debüt bereits mit dem Prix de la Photographie Paris und vom Art Directors Club Deutschland ausgezeichnet worden.


Frage: Florian Müller, wie kamen Sie dazu, sich in die Welt der Fetischisten zu begeben?

Florian Müller: Ich habe schon während meines Studiums angefangen, mit diesem Thema zu arbeiten. Da hatte ich eine Arbeitsreportage gemacht hinter den Kulissen eines Domina-Studios. Das fand ich sehr spannend und habe gemerkt, wie umfangreich, wie facettenreich, wie vielfältig die Lüste der Menschen sind, die sich dort ihre Wünsche erfüllen lassen.
 

Spielarten des Fetischismus 

 
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Frage: Ist das ein persönliches oder ein professionelles Interesse? Sind Sie von dieser Art des sexuellen Lebens selbst fasziniert?

Florian Müller: Die Sexualität in dem Sinne, wie sie dort ausgelebt wird, interessiert mich überhaupt nicht, aber ich finde das genauso spannend, wie ich andere Subkulturen spannend finde, weil das sehr weit weg ist von dem, was ich für mich und mein Leben als wichtig empfinde. Es begeistert mich, wenn sich Menschen Freiräume schaffen, Nischen finden, in denen sie sich ausleben können. Der letzte Anstoß zum Projekt war unter anderem ein Workshop bei der Bundeswehr zum Verhalten in Krisen- und Konfliktsituationen.
 

Information

 (Bild: Edition Lammerhuber)

sessions. Fetisch in Deutschland

Fotografien: Florian Müller
Vorwort: Nora Gantenbrink
160 Seiten, 68 Fotos, € 75,00
Deutsch, Englisch
ISBN 978-3-901753-95-4
September 2015

mehr zum Projekt bei fmfotografie.com
Frage: Wollten Sie Kriegsreporter werden?

Florian Müller: Nein, ich fand das spannend. Da war ich zum ersten Mal Teil eines Rollenspiels. Und ich habe gemerkt, wie der Mensch funktioniert in einem Rollenspiel, wie fesselnd das sein kann, obwohl man weiß, dass man da jederzeit wieder abbrechen kann. Diese Erkenntnis war ganz wichtig, um mich dem Thema so zu nähern, dass ich Dinge verstehen konnte - wenn auch mit Grenzen, weil ich Fetisch nicht bis zuletzt nachempfinden kann. Es ist nicht meins.

Frage: War es schwierig, Kontakt herzustellen?

Florian Müller: Es war schwierig, weil ich keinen direkten Anknüpfungspunkt hatte. Ich habe fast alle meine Kontakte über das Internet gemacht, über Foren, wo sich diese Leute austauschen. Und ich musste sie jedes Mal von Neuem überzeugen. Die Rückmeldungsquote auf meine Mails war verschwindend gering. Ich habe auch viele Leute getroffen, die ich dann doch nicht fotografiert habe, weil es menschlich nicht gepasst hat oder weil sie sich etwas anderes darunter vorgestellt haben. Viele wollten inszenierte Bilder, was ich nicht wollte. Ich wollte einfach da sein, wenn sie sich ausleben. Das war sehr zeitaufwändig, manchmal auch nervig.
 
Mann hält Buch hch: Florian Müller präsentiert stolz sein Buch. (Bild: hr / Nicole Rodriguez)
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Florian Müller präsentiert stolz sein Buch.
Frage: Man muss ja doch ziemlich viel Vertrauen aufbauen, wenn die Szenen nicht gestellt sein sollen.

Florian Müller: Das ist ja auch ganz legitim. Wenn ich jemanden anschreibe, ob ich ihn beim Liebesspiel mit seinem Partner fotografieren kann, dann wollen die Leute schon wissen, warum. Zudem werden sie doch sehr stigmatisiert durch die Darstellung dieser Sexualität in den deutschen Medien. Das finde ich, ehrlich gesagt, ein bisschen traurig. Das macht für mich den Reiz aus, weil ich anders, sehr offen, gearbeitet habe. Ich habe mit allen Beteiligten immer offen darüber gesprochen, wie ich mich währenddessen fühle, was ich mit den Bildern vorhabe usw.

Frage: Sie konnten also darüber sprechen, wie es Ihnen erging, wenn Sie vielleicht doch fasziniert waren oder wenn Sie angeekelt waren?

Florian Müller: Ja, das war möglich, zum Beispiel bei dem Mann, der im Vakuumbett liegt. Da haben sich drei Leute getroffen, die sich nicht richtig kannten, es hatte etwas von einer sexuellen Zweckgemeinschaft. Für mich hatte die Art und Weise, wie die Sexualität abgelaufen ist, etwas absolut Unerotisches, nichts Sinnliches. Es wurden Handlungen abgefragt und bedient. Ich fand das sehr befremdlich, was da passiert. Der Mann hat sich rund 20 Minuten in das Vakuumbett gelegt. Ich habe ihn hinterher gefragt, wie das für ihn gewesen sei. Er hat mir erklärt, das sei für ihn wie eine ganz, ganz feste und innige Umarmung. Man spürt sich, man hat Ruhe mit sich, es gibt einem Sicherheit, man ist abgeschottet von der Außenwelt, man hört nicht viel. Ich finde, eine innige Umarmung ist etwas so elementar Menschliches. Jeder kann nachvollziehen, dass sich das gut anfühlt. Und in dem Moment ist Fetisch nur noch der Weg, wie jemand etwas ganz grundsätzlich Menschliches abfragt.
 
Mann schaut in Kamera: Florian Müller fühlt sich wohl auf der Buchmesse. (Bild: hr / Nicole Rodriguez)
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Florian Müller fühlt sich wohl auf der Buchmesse.
Frage: Es ist also etwas nicht direkt Sexuelles, eher etwas Sinnliches, Erotisches?

Florian Müller: Ja, aber es ist sowieso die Frage, wo fängt Sexualität an? Bei vielen ist es auch so, dass die Rollenspiele, die ich fotografiert habe, vordergründig überhaupt nicht sexuell sind, sondern dass es dabei um eine Machtpositionierung oder Hierarchisierung innerhalb einer Beziehung geht. Zum Beispiel die Hündin: Sie braucht offensichtlich diesen Halt und mag es, in eine andere Rolle zu schlüpfen, in der sie Kontrolle abgeben kann und sich ihrem Partner hingibt. Das ist eine Fähigkeit, die viele andere Leute gar nicht haben. Wenn sie dafür diesen Rahmen braucht, mag das vielleicht ein bisschen skurril sein oder befremdlich. Aber wenn es ihr die Erfüllung gibt, finde ich daran nichts mehr Verwerfliches. Und das finde ich dann ganz schön, muss ich sagen, dass diese Leute gemeinsam und einvernehmlich diese Art Menschlichkeit oder Ebene in ihrer Beziehung kultivieren und das miteinander ausleben können. Das ist eine lebensbejahende Geschichte. Es sind vielleicht nur die Wege, die anders sind.

Frage: Ihre Bilder sind eigentlich nicht erotisch. Liegt das in den Augen der Betrachterin oder in den Augen des Fotografen?

Florian Müller: Erotik ist ja doch sehr individuell. Der eine findet Gerüche unfassbar erotisch, der andere nicht. Wenn wir jetzt über die Fotos sprechen, das Visuelle: Für mich hatten diese Situationen auch nichts Erotisches. Aber ich habe versucht zu verstehen und es so zu zeigen, wie ich es verstehe. Daraus haben sich für mich ein paar Sachen ergeben. Zum Beispiel bei den klinischen Spielchen habe ich festgestellt, ich komme überhaupt nicht in das Verständnis rein, weil das für mich etwas so Befremdliches hat. Ich mag Schmerzen nicht, Arztbesuche haben für mich nichts Angenehmes. Da habe ich angefangen, sehr komplexe Bilder zu fotografieren, die nicht so leicht zu entschlüsseln sind. Gestalterisch ergibt das eine gewisse Distanz, man versteht die Bilder nicht sofort, sie leben von ihrer Vielschichtigkeit. Man kann die Situation nicht richtig erfassen, man erahnt, da passiert etwas Sexuelles, aber ansonsten lasse ich den Betrachter ja auch im Unklaren. Und ich habe auch gemerkt, dass ich mich da ein bisschen rausziehe.

Frage: Weil es Ihnen zu viel geworden ist?

Florian Müller: Ja! Gerüche können zu viel sein, man kann zu viel sehen, man kann zu viel hören. Und ich muss ganz klar sagen: Bei solchen Sachen bin ich dann auch an die Grenzen meines Verständnisses gestoßen. Ich habe ja auch meinen eigenen Horizont und habe nicht für alles Verständnis. Und trotzdem war ich da und habe einen angemessenen Weg gefunden, das zu bebildern. Das ist aus meiner Sicht erst einmal total ehrlich.

Wenn man jetzt noch einmal über die Erotik bei diesen Fotos spricht: Menschen, die sich als Pferde verkleiden, für die geht das mit einem Kopfkino einher. Das ist bei allen ganz wichtig, hatte ich das Gefühl. Und wenn das der optische Reiz für diese Leute ist, dann ist das erotisch. Für mich ist es das nicht.

Frage: Ist das ein bisschen wie Karneval?

Florian Müller: Ja, das ist für mich eher ein bisschen karnevalesk. Oder bei den Latex-Fetischisten: Sie wollen einen ganz intensiven Bezug zu dem Glanz des Materials haben. Die sehen auch so ein Bild und wissen sofort, wie es riecht. Das ist eine Verknüpfung von sinnlichen Ebenen, und deshalb funktionieren die Bilder für jeden unterschiedlich. Doch mir war wichtig, keine Freakshow zu zeigen, sondern den Leuten so zu begegnen, wie ich ihnen dann auch begegnet bin. Wenn es auf der menschlichen Ebene gestimmt hat, bin ich mit ihnen klargekommen. Ich habe niemanden fotografiert, bei dem das gefehlt hat. Dann hätte ich das auch anders fotografiert.

Frage: Das fällt auch auf: Sie denunzieren die Menschen nicht. Das kann ja ganz schnell passieren. Haben Sie vielleicht deshalb noch Kontakt zu den Leuten?

Florian Müller: Ja, vereinzelt habe ich noch guten Kontakt. Ich habe aber auch gemerkt, dass es mir bei einigen zu viel wurde, weil es für sie eine Möglichkeit war, in einem "normalen" Rahmen ihrer Andersartigkeit auszudrücken. Letztendlich ist mein Buch eine Geschichte über deutsche Alltagskultur, weil Sexualität ist alltäglich. Und diese Sexualität ist auch alltäglich.

Vielen Dank, Florian Müller.
 

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Redaktion: nrc
Letzte Aktualisierung: 18.10.2015, 16:27 Uhr
 
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