Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, überreicht Navid Kermani  in der Paulskirche die Urkunde des Friedenspreises. (Bild:  picture-alliance/dpa)
Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, überreicht Navid Kermani in der Paulskirche die Urkunde des Friedenspreises.
18.10.2015

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Kermani fordert entschlosseneres Vorgehen in Syrien

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani ist in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. In einer emotionalen Dankesrede appelliert er an die internationale Gemeinschaft, den Krieg in Syrien und im Irak zu beenden.
 
Um den Krieg in Syrien und im Irak zu beenden seien weit entschlossenere diplomatische und möglicherweise auch militärische Schritte notwendig, sagte der 47-jährige Orientalist bei der feierlichen Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche vor fast 1.000 Besuchern.
 

Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015 

 
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"Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt – und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen."
 

"Wir stehen erst auf, wenn eine der Bomben uns trifft."

Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt würden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele wichtige Kulturdenkmäler der Menschheit von Barbaren in die Luft gesprengt. Doch in Europa versammelten wir uns erst jetzt. "Wir stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen."

"Erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen", sagte Kermani, der als Sohn iranischer Einwanderer in Siegen geboren ist und heute in Köln lebt. "Wahrscheinlich werden wir Fehler machen, was immer wir jetzt noch tun. Aber den größten Fehler begehen wir, wenn wir weiterhin nichts oder so wenig gegen den Massenmord vor unserer europäischen Haustür tun, den des 'Islamischen Staates' und den des Assad-Regimes."
 

"Hoffnung bis zum letzten Atemzug"

Doch es gibt Hoffnung. "Es gibt bis zum letzten Atemzug Hoffnung." Der Einsatz für die Flüchtlinge in Europa sei beglückend, aber zu unpolitisch. Er werde auf seinen Reisen häufig auf Europa als Modell angesprochen, ja Europa tauge sogar als Utopie. Schließlich habe sich Europa nach den beiden Weltkriegen neu geschaffen.
 
"Wir führen keine breite gesellschaftliche Debatte über die Ursachen des Terrors und der Fluchtbewegung und inwiefern unsere eigene Politik vielleicht sogar die Katastrophe befördert, die sich vor unseren Grenzen abspielt. Wir fragen nicht, warum unser engster Partner im Nahen Osten ausgerechnet Saudi-Arabien ist." Nichts sei Europa eingefallen, um den Mord zu verhindern, den das syrische Regime seit vier Jahren am eigenen Volk verübt, so Kermani. Je länger wir warten, umso weniger Möglichkeiten blieben uns. Möglicherweise sei es auch schon zu spät.
 

Gemeinsames Gebet zum Ende der Preisverleihung

Roter Faden von Kermanis emotionaler Preisträger-Rede war die Geschichte von Pater Jacques, einem syrischen Christen, der bis zu seiner Entführung am 21. Mai 2015 in der Einsamkeit eines syrischen Klosters lebte und eine rund 200-köpfige Gemeinde betreute. Der Pater liebe den Islam und habe ihn stets gerechtfertigt. Christen und Muslime lebten rund um das Kloster in großer Harmonie, praktizierten eine Art "endzeitlicher Versöhnung". Doch der 'Islamische Staat' zerstörte das Idyll. Monatelang fehlte jedes Lebenszeichen von Pater Jacques sowie Pater Paulo und der gesamten christlichen Gemeinde.

"Pater Jacques ist frei", sagte Kermani mit tränenerstickter Stimme am Ende seiner Rede. Muslimische Bewohner hätten sich verkleidet und ihn mit Hilfe von Beduinen aus dem Bereich des IS geschafft. Erst am Dienstag habe er von der Rettung erfahren. "Muslime haben ihr Leben für einen christlichen Priester riskiert. Das zeigt, dass Liebe über die Religionen hinaus funktioniert." Kermani bat die Besucher in der Paulskirche um etwas Ungewöhnliches. "Ich möchte Sie bitten, gleich nicht zu applaudieren. Stehen Sie auf und beten Sie für Pater Paulo und die 200 entführten Christen." Mit diesen Bild, der betenden Menschen, wolle er den brutalen Videos der Terroristen ein Bild unserer Brüderlichkeit entgegenhalten.
 

"Der Roman, an dem ich schreibe"

Laudator Norbert Miller (Bild: hr)
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Laudator Norbert Miller
In seiner Laudatio hatte der Literaturwissenschaftler Norbert Miller die Literatur Kermanis in den Mittelpunkt gestellt und den Bogen vom Romanschreiber über den Orientalisten, den Reporter und den Bildbetrachter bis hin zum Berichterstatter gespannt. "Dieses Festhalten am Schreibvorgang als Lebensprogramm des Schriftstellers Kermani, der Endlichkeit entgegengehalten, begreift in sich auch alle künftigen Äußerungen. Sie alle sind, bis auf diesen heutigen Tag, Teil eines roman à faire." Charakteristisch sei einer seiner Buchtitel: "Jean Paul, Hölderlin und der Roman, an dem ich schreibe". "Der Roman, an dem ich schreibe" - dieser Satz sei so etwas wie ein Motto für das Schaffen Kermanis.

Kermani komme, wann immer er über die Katastrophen der Welt grübele, auf die Überlegungen seines Großvaters, eines Bankiers in Isfahan, zurück. Dessen Aufzeichnungen hätten die Wahrnehmungen des Schriftstellers geprägt. Sein Großvater habe auswegslose Situationen mit Gnade meistern wollen. Diese Haltung sei auf den Enkel übergegangen. Der Roman, so zitiert Miller Kermani, sei immer ein Totenbuch, weil er den Verstorbenen gedenke, da wir sie bräuchten, dass etwas mit uns sterbe, wenn wir sie nicht anriefen. Das Totenbuch ende erst mit dem eigenen Tod.
 

Ein Reisender zwischen Kulturen und Weltreligionen

Heinrich Riethmüller (Bild: hr)
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Heinrich Riethmüller
Als Reisenden zwischen den Kulturen und Weltreligionen würdigte Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, den Preisträger. "Navid Kermani ist ein Kosmopolit, der glaubwürdig und engagiert für Toleranz, Offenheit und Freiheit wirbt." Eine schreckliche Nachricht jage die andere, Bilder von Flüchtlingen und Katastrophen würden uns täglich in die Wohnzimmer geliefert. "Angesichts einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, brauchten wir solche Menschen wie Navid Kermani, Menschen die Vorbilder sind."
 
Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hatte die feierliche Zeremonie eröffnet. Deutschland könne Integration, und Frankfurt sicherlich ganz besonders, anders als in anderen deutschen Städten, so Feldmann. Heute sei es die Aufgabe, Menschen aus einer anderen Kultur mit den Deutschen zusammenzubringen.
 

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Große Dichter und Denker wie Hermann Hesse, Max Frisch, Jürgen Habermas, Václav Havel, Astrid Lindgren, Orhan Pamuk, aber auch Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer und Yehudi Menuhin konnten den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bereits entgegennehmen. Der Friedenspreisträgerin des Jahres 2013, Swetlana Alexijewitsch, wurde soeben der Literaturnobelpreis zuerkannt. Der Friedenspreis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.
 

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Redaktion: cawo / nrc
Letzte Aktualisierung: 20.10.2015, 16:15 Uhr
 
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