4.10.2015

Beklemmend gutes Debüt

Aljoscha Brell "Kress"

Ausschnitt Buchcover (Bild: Verlag)
Ausschnitt Buchcover
Als der Literaturwissenschaftsstudent Kress zufällig eine Frau kennenlernt, gerät sein sorgsam geordnetes Leben durcheinander. Aljoscha Brell erzählt in seinem tragikomischen Debüt von einer menschlichen Katastrophe – und überzeugt auf ganzer Linie.
Bewertung
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Kress studiert seit einigen Jahren in Berlin und bereitet sich auf eine akademische Karriere als Goethe-Forscher vor. Einer katastrophalen Kindheit mehr schlecht denn recht entwachsen, geht er eiligen Schrittes mit Scheuklappen durch die Welt und meidet jedweden Kontrollverlust. Bis sich eine junge Frau im Seminar neben ihn setzt und damit die sorgsam gehütete Ordnung durchbricht: Kress schnappt enerviert nach Luft.
 

Tickende Zeitbombe

Information

 (Bild: Verlag)

Aljoscha Brell "Kress"

336 Seiten, € 20,00
ISBN: 978-3550081095
Ullstein
September 2015
Es entspinnt sich aber dann doch ein eher denkwürdiges Gespräch, welches den Stein ganz gemächlich und umso unheilvoller ins Rollen bringt: Kress geht die Frau nun nicht mehr aus dem Kopf, weshalb er ihr vorsichtig nachzusteigen beginnt. Über einige bizarre Umwege gelingt es ihm tatsächlich, in den Freundeskreis der Angebeteten zu gelangen – man lädt ihn daraufhin zum gemeinsamen Zelten ein, ahnungslos, es mit einer tickenden Zeitbombe zu tun zu haben.

Denn nicht nur besagte Frau hat den überaus sensiblen Kress aus der Bahn geworfen, sondern auch sein Lieblingsdozent, der ihm just einige Tage zuvor plötzlich anempfiehlt, besser auf eine akademische Karriere zu verzichten, da es seinen Arbeiten deutlich an Originalität mangele. Dem völlig zerrütteten Literaturwissenschaftsstudenten gelingt es zwar noch irgendwie, das neu gekaufte Zelt aufzubauen, doch am Abend rastet er dann endgültig aus – mit überraschenden Folgen.
 

Echte Empathie

Wenig verheißungsvoll wie ein x-beliebiger Berlin-Roman im Stile Sven Regeners beginnend, kippt zum Glück sehr rasch die Stimmung dieses hochinteressanten Debüts und findet einen eigenen, originellen Ton, welcher vor allem durch eine elegant ausgeführte Balance aus komischen und tragischen Elementen besticht. So scheint Kress auf den ersten Blick eine dieser abstrus wirkenden Nerd-Figuren zu sein, ein kontrollsüchtiger Freak, über den man gut lachen kann und der wunderbar zum Gespött taugt, doch ist er so, weil er in seiner Kindheit zutiefst beschädigt wurde.

Dies arbeitet der in Berlin als Web-Entwickler arbeitende Brell heraus, ohne moralinsauer mit dem erhobenem Zeigefinger zu fuchteln; stattdessen bleibt es bei geschickt gestreuten Andeutungen, die dem Protagonisten im Verlauf eine unerhörte Tiefe verleihen und beim Lesenden aufrechte Empathie erwecken: Man leidet tatsächlich mit diesem Freak mit, auch wenn der gegen Ende des Romans vollkommen die Kontrolle verliert und regelrecht gefährlich wird – eine gespenstische Erfahrung, die das Werk zu einem fabelhaften, ja bedeutsamen werden lässt. Da verzeiht man auch gerne manche Längen und einige wenige ungestalt wirkende Episoden.

Vorgestellt von Roman Halfmann
 
Redaktion: nrc
Bild: © Verlag
Letzte Aktualisierung: 26.10.2015, 12:00 Uhr
 
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