7.10.2015

Kluge Reflexionen eines Handelnden

Stephan Urbach "Neustart. Aus dem Leben eines Netzaktivisten"

Stephan Urbach (Bild: Verlag)
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Stephan Urbach
Vom Nerd zum Aktivisten, der während des arabischen Frühlings die Opposition unterstützt, am Ende Politiker wird und doch die gesamte Zeit über seinen Selbstmord plant: Schonungslos berichtet Urbach über ein Leben, das zwischen Aktivismus und Verzweiflung pendelt.
Bewertung
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Schon früh erkennt der 1980 im hessischen Lauterbach geborene Stephan Urbach, dass er ein Außenseiter ist und vergräbt sich ganz klassisch mit Hilfe von Büchern und Rollenspielen – bis die Computer in Form eines C64 erschwinglich werden: Urbach wird rasch zum Nerd, der in der Technik eine völlig neue Art von Freiheit erlebt. Erst mit dem Internet aber findet er seine wahre Bestimmung, denn im Cyberspace ist es vollkommen gleichgültig, wie man aussieht, sich benimmt oder wem was gehört, allein das frei verfügbare und vom kapitalistischen System also nicht einzufangende Wissen zählt.
 

Das Internet und der Arabische Frühling

Information

 (Bild: Verlag)

Stephan Urbach "Neustart. Aus dem Leben eines Netzaktivisten"

256 Seiten, € 12,99
ISBN: 978-3426787298
Knaur
Oktober 2015
Rasch wird ihm klar, dass das Internet auch und vor allem neue Chancen demokratischer Prozesse bietet, weshalb er der Piratenpartei sowie der Netzaktivistengruppe Telecomix beitritt und in der Vernetzung mit Gleichgesinnten eine außerparlamentarische Opposition propagiert, die gegen das Unrecht in der Welt vorgeht: Nicht redend, sondern handelnd. – Durch die Arbeit für Telecomix höchst sensibilisiert verfolgt Urbach früh, wie sich im Verlauf des Jahres 2010 in einigen arabischen Ländern Widerstand zu regen beginnt: In Tunesien ansetzend, weiten sich die Tumulte auf Ägypten und weitere Staaten aus, bis Staatschef Mubarak schließlich das Handynetz lahmlegt und somit zum ersten Mal offenbart, wie wesentlich die neuen Techniken politische Prozesse beeinflussen und diktatorische Macht schwächen können.

Telecomix ermöglicht es den ägyptischen Widerständlern durch den Einsatz von Modems weiterhin vernetzt zu bleiben und Aktionen gemeinsam zu planen. Die Gruppe begibt sich damit in Gefahr, denn plötzlich erscheinen seltsame Männer, die ihnen raten, diese Aktionen zu unterlassen. Stephan Urbach selbst wird von einem jungen Syrier kontaktiert, woraus sich eine rege Kommunikation ergibt, die schlussendlich zu einer Freundschaft führt. Umso fassungsloser muss Urbach vor seinem Laptop mit ansehen, wie sein Freund von maskierten Männern erschossen wird – er bricht zusammen.
 

Kein Heldentod

Allein, angesichts der treibenden Ereignisse bleibt ihm keine Zeit, er muss agieren, muss helfen. Körperlich und seelisch eigentlich am Limit, so hockt Urbach jeden Tag verkrampft vor dem Rechner, sich allein von Zigaretten und Kaffee ernähernd und von den Medien zusehends als Held gefeiert – insgeheim jedoch so ausgebrannt, dass er heimlich den Selbstmord plant. Bis es irgendwann einfach nicht mehr geht und er sich für das Leben und gegen den Heldentod entscheiden muss.

Stephan Urbachs Buch ist eine durchweg lesenswerte und erhellende Darstellung eines Menschen, der die Welt verändern möchte und dem dies auch gelungen ist – natürlich nicht allein, aber Stephan Urbach zeigt, dass es lohnt, aktiv zu werden und sich gegen Unrecht zu wehren. Schonungslos mit sich stellt er aber auch den negativen Seiten eines derartigen Handelns heraus und beschreibt, wie das Helfersyndrom seine eigene Existenz bedroht – bis er schließlich einen labilen Frieden mit sich und der Welt schließen kann. Diese Entwicklung wird in der klugen, stets reflektierten Prosa Urbachs auf beeindruckende Weise nachvollziehbar.

Vorgestellt von Roman Halfmann
 
Redaktion: nrc
Bild: © Verlag
Letzte Aktualisierung: 26.10.2015, 11:49 Uhr
 
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