17.10.2015

Ursula Poznanski und Arno Strobel

Wer ist hier verrückt?!

Ursula Poznanski und Arno Strobel (Bild: hr/Miriam Semrau)
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Ursula Poznanski und Arno Strobel
Bei einem Wein auf der Buchmesse haben sich die beiden Autoren kennen gelernt - und beschlossen ein gemeinsames Buchprojekt zu starten. Das Besondere: Der Krimi ist aus den verschiedenen Perspektive der Protagonisten geschrieben.
 
Sie haben beide schon einige Thriller veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass Sie jetzt gemeinsam einen geschrieben haben?

Arno Strobel: Das war tatsächlich Zufall. Auf der Frankfurter Buchmesse vor zwei Jahren haben wir uns kennen gelernt und uns bei einem Gläschen Wein über das Schreiben an sich ausgetauscht. Keiner von uns konnte sich vorstellen, mit jemand anderen ein Buch zu schreiben. Und dann fingen wir an zu konkretisieren, wie die Zusammenarbeit sein müsste, damit es funktionieren könnte. Wie müsste der Plot aussehen? Wie müsste die Arbeitsweise sein? Damit es Sinn und Spaß macht, müsse die Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven geschrieben werden. Und so hat sich das immer weiter verfeinert und am Ende des Abends sagte Ursula, sie schreibt jetzt einfach mal ein Kapitel aus Jux und Dollerei und ich solle sehen, was ich daraus mache.

Ich hab das dann gelesen und zum Einstieg die gleiche Situation aus meiner Sicht nochmal beschrieben und das hat schon mal einen Mörderspaß gemacht. Dann hat Ursula noch ein Kapitel drangehängt und ich wieder eins und plötzlich hatten wir um die zehn Kapitel. Und dann haben wir festgestellt, dass es ganz anders ist als wir gedacht haben. Es macht viel mehr Spaß und ist viel spannender und wir hatten ja auch schon ein Stück einer Story, die sich supergut gelesen hat – aus unserer Sicht.
 
Und Sie kritteln dann auch nicht am Stil des anderen herum?

Ursula Poznanski: Nein, das tut wir nicht. Wir redigieren gemeinsam, aber erst ganz am Ende. Und es kam nie vor, dass wir einander gesagt haben, wir hätten Mist geschrieben. Ich glaube, es ist eine wichtige Voraussetzung, dass beide kritikfähig sind. Es kam ein paar Mal vor, dass wir einander sagten, etwas wäre anders besser, aber am Schluss waren wir uns immer einig und keiner von uns war sauer. Das gehört zu den tollen Erfahrungen, die wir bei dieser Zusammenarbeit erlebt haben und die für uns eine Überraschung war.

Für mich war überraschend, dass ich keine Brüche beim Lesen wahrgenommen habe,wenn die Perspektive wechselt.

Arno Strobel: Ich glaube, wir sind beide erfahren genug, uns darauf einzustellen. Wenn man das Kapitel des anderen liest, ist man diesem Schreibrhythmus drin und greift den automatisch auf.

Ursula Poznanski: Ich finde, man merkt, dass wir uns unterschiedlich ausdrücken. Aber Erik und Joanna sind ja auch zwei unterschiedliche Menschen. Was ich aber wichtig finde ist, dass man nicht raus katapultiert wird aus der einen Perspektive und sich dann erst wieder in die andere reinfinden muss, sondern dass die Übergänge fließend sind.
 
Wer von Ihnen ist auf die Idee gekommen, Erik von einem Moment auf den anderen komplett aus Joannas Leben raus zu löschen?

Arno Strobel und Ursula Poznanski: Das wissen wir nicht. Ich glaub, das warst Du, aber ich weiß es nicht mehr. Ich auch nicht.

Arno Strobel: Wir waren uns schnell einig, dass wir eine Situation erzeugen wollten, die total verblüffend ist.

Ursula Poznanski: Wir wollten eine unauflösbare Situation erzeugen. Wir haben ja nach dem Witz gesucht, warum man zu zweit schreiben sollte. Zum einen hat es uns gut gefallen, dass er die Perspektive eines Mannes schreibt und ich die einer Frau. Und zum anderen hat uns gefallen, dass wir dann zwei verlässliche Ich-Erzähler haben, in deren Kopf ich jeweils reingucken kann. Und die beiden erzählen mir völlig unterschiedliche Dinge.

Ja, und als Leser weiß ich nicht, wer von beiden jetzt verrückt geworden ist.

Ursula Poznanski: Genau. Und ich folge denen durch die ganze Geschichte und kann in beide reingucken. Natürlich denken die beiden voneinander, der andere will sie reinlegen. Aber als Leser weiß ich ja, das ist nicht so. Also, wie löse ich die Geschichte auf? Am Anfang dachten wir, die löst sich eben nicht auf und das ist ja auch egal, weil wir nur eine lustige Idee hatten und jeder nur ein paar Kapitel mal schreiben wollte. Aber nachdem das immer länger ging, haben wir nach einer Auflösung gesucht.

Arno Strobel: Das weiß ich noch ganz genau, da kam irgendwann eine Mail von Ursula und ich hatte das Gefühl, die war ganz hektisch geschrieben und darin stand: "Ich hab eine Auflösung". Das war echt klasse.
 

Ursula Poznanski & Arno Strobel "Fremd"

400 Seiten, € 16,99
ISBN 978-3805250849
Wunderlich
Oktober 2015
Zwischen Erik und Joanna ist es ja immer emotional, egal ob sie einander attackieren oder ob sich Intimität zwischen ihnen einstellt. Ist das Schreiben dann auch so emotional?

Ursula Poznanski: Manchmal schon, ja, klar. Das hat an der Sache ja auch sehr viel Spaß gemacht, dass sofort Feedback da war. Sonst schreibt man ja ewig, ist irgendwann fertig und danach kriegt man irgendwann mal Feedback. Und wir beide haben uns die Kapitel ja jeweils zugeschickt und man schreibt tatsächlich anders und auf eine gewisse Art und Weise intensiver oder emotionaler, wenn man weiß, der andere wartet schon drauf. Und man kriegt dann auch gleich etwas zurück.

Arno Strobel: Nachdem klar war, dass wir das Buch zu Ende führen wollen, haben wir die Kapitel im drei- bis vier-Tage-Rhythmus geschrieben und das hat wirklich Spaß gemacht. Ich hab Ursula teilweise beim Schreiben bewusst gereizt mit kleinen Schlüsselworten und Situationen, bei denen ich mir gedacht hab, ich bin jetzt gespannt, was sie daraus macht und wie sie darauf reagiert. Damit war der gesamte Schreibprozess so spannend wie ein Buch zu lesen. Es gab da eine besonders lustige Geschichte: Ursula schickte mir ein Kapitel, das mit "Dann klingelte es an der Tür" endete und das war so nicht abgesprochen. Clifhanger finde ich ja gut, also hab ich ihr geschrieben und sie gefragt, wer denn jetzt vor dieser Tür stehen soll. Daraufhin schrieb sie einfach zurück, sie habe keine Ahnung, es sei ja auch mein Kapitel. So was macht richtig Laune.
 
Wer ist denn eigentlich auf den Titel gekommen?

Arno Strobel: Die beiden waren sich ja plötzlich fremd, da passt der Titel doch perfekt. Ich war mir allerdings sicher, dass der Titel schon weg ist, hab dann im Verzeichnis lieferbarer Bücher nachgeguckt und konnte kaum glauben, dass er noch frei war. Der Verlag hat den Titel dann auch übernommen und das ist einfach toll.

Ursula Poznanski: Das Schöne ist, dass dieser Titel in so vieler Hinsicht anwendbar ist. Das war Arnos Geniestreich, definitiv.

Arno Strobel: Das ist auch das Schöne an dieser Zusammenarbeit, dass von jeder Seite immer wieder tolle Impulse kamen und kommen. Wir sind ja schon dran, gemeinsam ein weiteres Buch zu schreiben. Das klappt bei uns beiden aus meiner Sicht auch deshalb, weil wir uns auf Augenhöhe bewegen. Wäre Ursula um ein Vielfaches erfolgreicher als ich oder umgekehrt, dann wäre es glaube ich schwierig. Wir sind dazu ähnlich in vielem, was wir tun. Und das alles zusammen genommen ist eine wunderbare Ausgangsposition.

Baut das nächste Buch auf "Fremd" auf?

Ursula Poznanski: Nein, überhaupt nicht. Das ist eine ganz neue Geschichte.

Arno Strobel: Aber es wird wieder aus zwei Perspektiven erzählt, wieder Frau und Mann.
 
In "Fremd" überlegen die Protagonisten ja immer wieder, die Polizei einzuschalten. Haben Sie mit einem Polizisten getestet, ob er so eine skurril klingende Geschichte überhaupt ernst nehmen würde?

Arno Stobel: Da haben wir noch nicht drüber nachgedacht, weil es für uns nicht in Frage kam.

Ursula Poznanski: Aus dem Plot heraus ist es ja auch schlüssig, dass sie es nicht tun. Sie geht nicht zur Polizei, weil sie nicht genau weiss, was sie denen erzählen soll und er geht nicht zur Polizei, weil er sie schützen will.

Arno Strobel: Aber das ist ein sehr interessanter Gedanke. Ich kenn den Leiter der Mordkommission in Aachen schon relativ lange, den werde ich echt mal fragen.

Wenn man die ersten Kapitel liest, könnte man meinen, das wird eine reine Paargeschichte, aber dann...

Arno Strobel: ...dann wird es eben doch kein Kammerspiel, sondern immer größer und größer und zieht weite Kreise. Die ersten beiden Kapitel sind ja eine Ausnahme in der Erzählweise des Thrillers, weil sie die gleiche Situation aus zwei Sichtweisen erzählen. Das ändert sich ja danach und wird linear.

Ursula Poznanski: Ich finde das aber als Stilmittel am Anfang gut, damit man gleich begreift, dass es zwei diametral entgegengesetzte Wahrnehmungen gibt.
 

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Redaktion: than / nrc
Bild: © hr/Miriam Semrau
Letzte Aktualisierung: 20.10.2015, 19:25 Uhr
 
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