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Backsteingebäude, davor eine Mauer mit Graffiti (Bild:  picture-alliance/dpa)
Blick auf das ehemalige Kasseler Untersuchungsgefängnis Elwe.
11.05.2012

Hotel mal anders

Zur documenta in den Knast

Über 130 Jahre fielen in dem Kasseler "Elwe" schwere Türen hinter Häftlingen ins Schloss. Zur documenta werden viele Menschen freiwillig hier übernachten - der Knast wird zum Hotel.
 
Spätestens, wenn die Hotelgäste die gelb getünchten Flure entlang gehen, wird sich bei ihnen so etwas wie ein Knastgefühl einstellen. Tisch, Stuhl, Schrank - die Zelle selbst hat eine spartanische Ausstattung, alles auf zwei mal sechs Metern. Die Toilette unter den hohen, vergitterten Fenstern ist auch noch da, freistehend mitten im Raum.
 

Gefängnischarakter bleibt

"Das hat natürlich einen gewissen Grund", sagt Rechtsanwalt Christopher Posch, der das wegen der Hausnummer 11 im Volksmund "Elwe" genannte Gebäude noch aus seiner ursprünglichen Funktion kennt. "Kein Schließer hatte Lust, hierein zu kommen und eine Toilette auf den Kopf geschlagen zu bekommen. Deswegen sind die Dinger bombenfest."

Der rote Klinkerbau an der Fuldabrücke ist 1876 in der Kaiserzeit als Landgerichtsgefängnis errichtet worden. Über die Jahre hinweg wurde an dem Bau nicht viel verändert. Nur der nachträglich angebaute Wachturm und der moderne Stacheldraht auf den hohen Mauern verraten, dass hier noch bis 2009 Menschen inhaftiert waren.
 

Die Sache mit den Fluchtwegen

Die Idee, aus dem aufgegebenen Gefängnis ein Erlebnishotel zu machen, hat Rechtsanwalt Posch von Anfang an begeistert: "Das ist ein Gefängnis gewesen und wir geben uns auch keine Mühe, das zu verstecken. Das soll so bleiben. Wir hecheln hier keinen Hotelstandards hinterher", sagt er. Posch hat das Projekt zusammen mit dem Immobilienunternehmer Gotthard Fels entwickelt. Bis Ende 2012 haben sie den Gebäudekomplex gemietet, über einen Kauf wird noch verhandelt.

Ein Problem seien die Türen gewesen, sagt Fels. Die konnten nur von außen geöffnet werden. "Das haben wir jetzt umgebaut, sodass sie von innen und von außen zu schließen sind". Auch Fluchtwege waren im Gefängnis so nicht vorgesehen. Und auch Brandschutzbestimmungen mussten eingehalten werden. "Wir haben also bei Null angefangen", so Fels.
 

Milionenschwerer Kunstsammler neben Student

Einige Zellen haben inzwischen - passend zur documenta - eine künstlerische Note erhalten. Im vergangenen Sommer fand in der "Elwe" eine Tattoo-Messe statt. Einige der Künstler haben sich mit thematisch passenden Wandgemälden und Graffitis im Gefängnis verewigt. Wer im Knast-Hotel übernachten will, hat also die Wahl zwischen kahlen oder bunten Wänden, zwischen Einzel- und Doppelzelle.

Auch im Außenbereich hat was getan: Im Hof, wo früher die Gefangenen im Kreis liefen, um Frischluft zu tanken, säubert eine Kehrmaschine das Pflaster. Hier wartet ein Biergarten auf die Besucher. Auch ein Restaurant gibt es. Die Initiatoren wollen mit ihrem Hotel in erster Linien documenta-Besucher erreichen. Pünktlich zum Start der Weltkunstschau soll eröffnet werden.

"Wir erhoffen uns einen gesunden Mix. Dieses Hotel soll für alle da sein. Im Optimalfall liegt der milionenschwere Kunstsammler aus Japan Zelle an Zelle mit einem Studenten, der sich den Besuch der documenta vom Mund abgespart hat", sagt Posch. Ein Nacht in der Einzelzelle im "Elwe" kostet übrigens rund 40 Euro, eine Doppelzelle ist für 75 Euro zu haben.
 

Parkhaus statt Knast?

Wem eine Übernachtung im Gefängnis zu düster ist, findet vielleicht im Parkhaus ein passendes Domizil. Über den Parkdecks an der Kasseler Wilhelmsstraße - nur wenige hundert Meter von den documenta-Schauplätzen entfernt - sind individuelle Gästezimmer eingerichtet worden. Jeder der Räume ist anders - mal im Stil der 1960er Jahre eingerichtet, mal mit Objekten von Nachwuchsdesignern, mal mit schriller Fototapete.

Ideal für Nostalgiker ist außerdem das Hotel Reiss am Kulturbahnhof, das schon in den 1950er Jahren gesellschaftlicher Treffpunkt war. In dem von Paul Bode und Ernst Brundig entworfenen Gebäude wurden einst glanzvolle Filmbälle gefeiert. Das Traditionshaus ist kürzlich von Grund auf modernisiert worden.
 
Redaktion: nrc / aba
Letzte Aktualisierung: 17.06.2012, 12:00 Uhr
 

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