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14.05.2012

Worldly Companions

"Zusammentreffen auf Augenhöhe"

Jakob Schillinger (Bild:  picture-alliance/dpa - Archiv)
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"Direktor der Schule für weltgewandte Begleiter": Jakob Schillinger.
Museumsführungen? Das war gestern. Die documenta 13 geht neue Wege und setzt auf "weltgewandte Begleiter". Dabei sind die Verantwortlichen sogar auf den Hund gekommen.
 

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 (Bild:  hr-online)

30. Mai, um 8:40 Uhr

Mehr über die "Wordly Companions" hören Sie in einem "Wissenswert" auf hr2-kultur.

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Sie gehören zu Museen und Ausstellungen dazu wie die Butter zum Brot: Führungen durch professionelle Experten, meist Kunsthistoriker oder Kunstpädagogen. Nicht so in Kassel: Die Macher der diesjährigen documenta haben sich bewusst gegen die traditionelle Kunstvermittlung entschieden und die klassischen Führer abgeschafft. Allein der Begriff Führer ist dort schon verpönt, denn er steht für "eine Vorstellung von Wissensvermittlung, die wir versuchen, nicht zu reproduzieren", erklärt Jakob Schillinger.

Der 32-Jährige ist Direktor der eigens gegründeten "Schule für weltgewandte Begleiterinnen und Begleiter". Damit ist Schillinger für die Ausbildung der sogenannten Worldly Companions zuständig, wie die documenta-Begleiter auf englisch genannt werden. Die Worldly Companions seien in der Mehrzahl keine Kunstexperten, betont Schillinger. Eine bestimmte Ausbildung sei nicht entscheidend, es gehe vielmehr darum, "ein Zusammentreffen auf Augenhöhe von vornherein anzulegen".
 

Vom Mechaniker bis zum Minister

Die aus 700 Bewerbern ausgesuchten rund 180 Begleiter, die in regelmäßigen Wochenendseminaren seit Januar geschult wurden und die die Besucher auf den sogenannten dTOURS durch die Ausstellungsbereiche führen sollen, stammen aus allen Generationen und haben die unterschiedlichsten Hintergründe. Vom Abiturienten über den Agrarwissenschaftler bis zum pensionierten Automechaniker sind alle Berufsgruppen vertreten. Sogar ein ehemaliger Bundesminister sei mit von der Partie, so Schillinger. "Es geht darum, dass die Worldly Companions ihre Perspektiven und ihr Referenzwissen einbringen." Nur einen speziellen Bezug zu Kassel müssten alle Begleiter mitbringen.

Diesen Bezug hat Doris Gutermuth ohne Zweifel: Die Psychoanalytikerin wurde nicht nur in Kassel, sondern quasi auf der documenta geboren. Ihre Mutter besuchte während ihrer Schwangerschaft die erste Kunstschau im Jahr 1955. Wenige Tage vor dem Ende der documenta 1 kam Gutermuth dann auf die Welt. Obwohl sie schon viele Ausstellungen gesehen hat, eröffnet ihr ihre Tätigkeit als Begleiterin ganz neue Einblicke: "Ich bin ganz beeindruckt von den Möglichkeiten, meine Stadt mit der Blickrichtung documenta 13 nochmal neu zu erkennen. Das kann man nicht mit Geld bezahlen." Auf die Ergebnisse ihrer Touren ist Gutermuth selbst gespannt: "Es ist auch ein Abenteuer."
 

Hunde gegen Anthropozentrismus

Der Begriff Worldly Companion ist eine augenzwinkernde Referenz an Donna Haraway. Die Naturwissenschaftlerin verwendete den Ausdruck, um das Zusammenspiel verschiedener Organismen zu beschreiben, die sie als Worldly Companions des Menschen verstand. Haraway lehnte die anthropozentristische Weltsicht ab – ähnlich wie auch die documenta-Macher, und deshalb sind Schillinger und sein Team auch auf den Hund gekommen.

Neben den menschlichen Companions gibt es auch fünf Hunde, die einige der dTOURS begleiten sollen. Dadurch könne ein Blick auf die Kunst entstehen, "der sich wirklich sehr von der üblichen Perspektive auf Kunst unterscheidet", so Schillinger. Das Angebot sei durchaus ernst gemeint, denn es gehe dabei vor allem um die Frage: "Wir erfährt ein anderes Lebewesen die gleiche Situation?" Wie genau diese Touren am Ende aussehen werden, weiß aber auch der Direktor noch nicht: "Wir haben das bewusst offen gelassen und sind gespannt, was passiert."
 

Fünf Basis-Touren

Die Hundetour gehört zu den speziellen Angeboten, die sich die documenta-Macher ausgedacht haben und die nur unregelmäßig stattfinden. Als Basisangebot dienen dagegen fünf Touren, die von den Besuchern täglich gebucht werden können. Jede dieser Basis-Touren dauert etwa zwei Stunden und hat einen anderen räumlichen und thematischen Schwerpunkt. Bei der Tour "Wenn man hereinkommt, sieht man gleich, dass es mit Samen gefüllt ist" geht es nach Schillingers Auskunft um die Probleme gentechnischer Manipulationen von Saatgut in der Agrarindustrie.

Die anderen Touren beschäftigten sich etwa mit dem Einfluss von Wissenschaft und Philosophie auf die Vorstellungen von Realität und Zeit oder um die Widersprüche in der Infrastruktur von Transport und Handel. Die Veranstaltungen können bereits ab sofort gebucht werden und kosten für Einzelbesucher elf Euro. Anfang Mai waren bereits 2.500 Führungen verkauft.
 
Redaktion: kahu / aba
Bild: © picture-alliance/dpa - Archiv
Letzte Aktualisierung: 12.06.2012, 19:40 Uhr
 
 
 

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