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10.06.2012

Interview mit Thomas Bayrle

"Alles hängt miteinander zusammen"

"Betende" Motoren in der documenta-Halle: die Arbeit von Thomas Bayrle. (Bild:  picture-alliance/dpa)
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"Betende" Motoren in der documenta-Halle: die Arbeit von Thomas Bayrle.
Besonders beeindruckt hat Bundespräsident Joachim Gauck auf der documenta das Kunstwerk von Thomas Bayerle. hr-online sprach mit dem Künstler über die Installation, seine Erwartungen an die Ausstellung und die Bedeutung der Frankfurter Städel-Schule.
 
"Das ist eine interessante Verbindung von Maschinen mit der geistlichen Dimension", hatte der Bundespräsident beim Anblick der Arbeit von Thomas Bayrle in der documenta-Halle am Samstag gesagt. Mit dieser Installation könne insbesondere jüngeren Besuchern die alte mönchische Maxime des "ora eta labora" (bete und arbeite) anschaulich nahegebracht werden, so der Bundespräsident.
 

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 (Bild:  hr)
Der ehemalige Städel-Professor Thomas Bayrle, Jahrgang 1937, ist einer der bekanntesten und wichtigsten Künstler Deutschlands. Seine Gemälde, Grafiken und Videos waren auf zahlreichen Ausstellungen weltweit zu sehen. Hauptthemen Bayrles sind Masse und Konsum; er gehörte zu den ersten deutschen Künstlern, die computergenerierte und animierte Kunst produzierten.
Bayrle zeigt im Keller der documenta-Halle ein acht Meter hohes und über 13 Meter breites Schwarz-Weiß-Bild eines Flugzeugs, das aus unzähligen kleinen Flugzeug-Bildern zusammengesetzt ist. Sieben auf Podeste montierte Automotoren "beten" und kommentieren so den Traum vom Fliegen. Eine Verbindung von alten Motoren mit Texten aus Kirchenräumen - "das habe ich noch nicht gesehen", sagte Gauck.

hr-online sprach mit Thomas Bayrle über seine Installation, über veraltetes Schwarz-Weiß-Denken und warum seine Arbeit so gut zu dieser documenta passt.

hr-online: Sie haben auf der documenta sehr viel Platz erhalten und fast den gesamten Keller der documenta-Halle zur Verfügung. Was bedeutet das für Sie?

Thomas Bayrle: Das ist etwas Außergewöhnliches, was mir so noch nicht passiert ist. Zwar hat Chus Martinez in Barcelona eine erste Retrospektive von mir gemacht, aber so eine Gelegenheit, meine Kunst zu präsentieren, hatte ich noch nicht und bin natürlich sehr froh darum.

Was erwarten Sie von dieser documenta?

Ich denke, diese documenta greift thematisch vieles auf, was ich in meiner ganzen Unterrichtszeit über die letzten 30, 40 Jahre mitgeschleppt habe. Sie ist sozusagen "aus Versehen" da angekommen, wo ich schon länger war. Die documenta muss sich ja auch ändern, genau wie sich alles ändert.

Es geht heute weniger um Herz und Nieren, sondern um ein Lymphknotensystem – um ein Bild aus der Medizin zu nehmen. Das heißt, alles ist unheimlich fein in der Toleranz, alles hängt miteinander zusammen und alles ist gefährdet – nicht nur der Bankenbereich, um es auf die Gesellschaft zu übertragen.

Das ist vielleicht auch der Grund, weswegen man mich gefragt hat. Ich passe da rein. Mir ist immer vorgeworfen worden, ich wäre so unentschieden und hätte keine klare Meinung. Die klare Meinung ist: Vor 30, 40 Jahren gingen wir brachial von "Ja – Nein" oder "Schwarz – Weiß" aus. Heute ist das mit dem Schwarz-Weiß-Denken schwieriger.

Ist das auch die Botschaft, die das Publikum aus der documenta-Halle mitnehmen soll?

Ja, es soll mitbekommen, dass viele Dinge auf der Kippe sind. Auch meine Arbeit ist auf der Kippe.
 
Das riesige Flugzeug-Bild von Bayrle dominiert den Keller der documenta-Halle (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Das riesige Flugzeug-Bild von Bayrle dominiert den Keller der documenta-Halle
Diesmal transportieren Sie ihre Botschaft nicht über Bilder, wie sonst so oft, sondern über Motoren. Warum das?

Ich traue mich diesmal etwas, das ich schon lange mit mir rumgetragen habe: Ich habe vor 45 Jahren ja schon einmal Maschinen gebaut. Das maschinenhafte hat mich immer interessiert. Es kommt aus meiner Zeit als Weber, als ich im Praktikum in Süddeutschland in der Fabrik gearbeitet habe. Und das greife ich jetzt wieder auf. Ich will verdeutlichen, dass ich die Gegensätze nicht teile, dass sich Meditation und Maschinenwelt ausschließen. Das ist ja schon durch die Techno-Szene widerlegt. Es liegt nah beieinander, es vermischt sich. Es berührt sich.

Mir geht es dabei auch nicht um Späßchen oder so. Es geht mir darum zu zeigen, dass die Maschinenrealität nicht gut oder schlecht, sondern eine historisch gewachsene Realität in Europa ist. Sie ist aus der Gotik entstanden. In der Gotik sind die Dome zum ersten Mal an verschiedenen Bauplätzen entstanden. Vorher gab es eine Bauhütte, die an einer Stelle war. In der Gotik fängt die Arbeitsteilung in verschiedene Funktionen und das Zueinanderführen von Fertigteilen an. Heute erfährt das in der Autoindustrie eine besonders deutliche Metapher – daher die Motoren.

Es sind einige Ihrer Städel-Schüler unter den documenta 13-Künstlern. Macht Sie das stolz?

Sicher, ich bin froh, dass meine ehemalige Schule in den letzten Jahren ein gutes Wörtchen in der internationalen Kunst mitzureden hatte. Vor allem freut mich, dass bei uns in dieser kleinen überschaubaren Stadt was Globales gedacht und gemacht wird. Ich verfolge auch interessiert, was die jungen Kollegen machen. Ich werde die documenta-Arbeiten – wenn es geht – ganz genau anschauen und mir mein Bild machen.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.
 
Redaktion: sofo / aba
Bilder: © picture-alliance/dpa (2)
Letzte Aktualisierung: 10.06.2012, 14:07 Uhr
 
 
 

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