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5.06.2012

Leiterin Christov-Bakargiev

"Sollten gute Wanderschuhe haben"

Unzertrennlich: Carolyn Christov-Bakargiev mit ihrem Hündchen Darsi. (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Unzertrennlich: Carolyn Christov-Bakargiev mit ihrem Hündchen Darsi.
Sie spielt mit vollem Einsatz: Bei der 13. documenta setzt Carolyn Christov-Bakargiev nicht auf Gewissheiten, sondern auf Verunsicherung. Von Nutzen könnte gutes Schuhwerk sein.
 

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Von Rudolf Schmitz, hr

Darsi, das weiße Malteserhündchen, ist beim Interview dabei. Vielleicht wartet es darauf, dass Frauchen, pardon: Carolyn Christov-Bakargiev, noch einmal über das Wahlrecht für Hunde spricht. Mit diesem Thema hat sie bei den journalistischen Zweibeinern für Kopfschütteln und höhnisches Knurren gesorgt.

Doch vielleicht ist die Frage nach dem Schuhwerk viel wichtiger: Denn diese documenta 13 verbreitet sich wie keine andere vorher in der Stadt und im Auepark. "Sie sollten gute Wanderschuhe haben, es gibt viel zu Laufen. Es gibt ungefähr 50 Ausstellungsorte", erklärt Christov-Bakargiev. Sie wolle ein Museum, das förmlich in der Stadt explodiere.
 

Schluss mit der Hierarchie

50 Ausstellungsorte, das heißt: Schluss mit jeder Vorstellung von Zentrum oder Hierarchie. Und damit hat Christov-Bakargiev die documenta 13 ausdrücklich in der gesamten Stadt Kassel verankert: eben nicht nur im Museum Fridericianum, sondern in Kinos, Hotels, Architekturen der fünfziger Jahre. Und vor allem: im Auepark, in dem es Außenobjekte gibt und mehr als 30 kleine Künstlerpavillons.

Nach Jahrzehnten der Abstinenz jetzt also wieder eine documenta, die nach draußen geht. Christov-Bakargiev hat sich intensiv mit Kassel, mit seiner Geschichte, mit den Anfängen der documenta unter Arnold Bode beschäftigt. Damals, im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre, hatte die Kunst exemplarische Bedeutung: Sie half, das Kriegstrauma zu überwinden und eine Zivilgesellschaft zu formen. "Das war ein sehr wörtlicher Fall von Kunstbeteiligung."
 

Zusammenbruch und Wiederaufbau

Die documenta-Leiterin, die hartnäckig ein Ausstellungskonzept verweigerte, fand hier einen ersten thematischen Schlüssel: "Collapse and Recovery" heißt er – Zusammenbruch und Wiederaufbau. Denn das gibt es inzwischen überall auf der kriegsgepeinigten Welt. Und das bedeutete für Christov-Bakargiev, in Länder zu reisen, wo blutiger Krieg und Trauma an der Tagesordnung waren und sind. "Zum Beispiel nach Kambodscha, nach Phnom Penh oder Kabul", nennt Christov-Bakargiev einige solcher Orte.

Kabul ist eine der Außenstationen der documenta, dort wird es Ausstellungen geben, allerdings nicht für Westbesucher: Es gibt keine Reisevisa. Eine der Irritationen, die Christov-Bakargiev so liebt: Der internationale Kunstjetset bleibt außen vor, die Ausstellung findet für und mit den Menschen vor Ort statt. Die documenta 13 will anders ein: ökofeministisch, eine Kampfansage an Kapitalismus, globale Finanzpolitik, logozentrisches Denken. Vielleicht nur neue Schlagwörter, aber eins ist klar: Diese Amerikanerin mit dem italienischen Temperament spielt mit vollem Einsatz.
 

"Spitze der Wissensproduzenten"

Es soll eine documenta werden, die nicht auf Gewissheiten setzt, sondern auf produktive Verunsicherung, auf Offenheit und Neugier. Das mag naiv klingen, aber könnte auch zum Erfolgsrezept werden. Denn sicher ist: Christov-Bakargiev hält die Künstler für die wichtigsten Wissensproduzenten unserer Zeit, glaubt sogar, dass unser aller Zukunft von ihnen abhängt. "Künstler sind an der Spitze der Wissensproduzenten, sie sind die Kreativen unserer Gesellschaft. Und vieles im 21. Jahrhundert wird davon abhängen, wie diese Wissensproduzenten sich darin einbringen, die Gesellschaft politisch zu gestalten."

Die Künstler also sollen die Gesellschaft herausfordern und formen. Wieder hat sich die documenta-Chefin weit vorgewagt: Auch weltanschaulich geht sie aufs Ganze. Vielleicht aber sagt sie sich auch: Am Ende zählt sowieso nicht die Theorie, sondern – die Ausstellung.
 
Redaktion: kahu / aba
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 5.06.2012, 18:13 Uhr
 
 
 

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