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7.06.2012

Öko-documenta

Natur schafft Kunst, Kunst schafft Natur

Nichtstun - das documenta-Werk von Song Dong in der Karlsaue. (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Nichtstun - das documenta-Werk von Song Dong in der Karlsaue.
Da fliegen Schmetterlinge, sprießen Apfelbäumchen und wachsen Minigebirge - die documenta zeigt sich als "Ökumenta". Aus Natur wird Kunst - manchen Besucher irritiert das.
 
Audio: Kasseler "Ökumenta" 3:36 Min
(© hr, 07.06.2012)
von Tanja Küchle, hr2

Spätestens im Herbst 2010 war klar, wohin die Reise der 13. documenta gehen würde: Damals griff Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev persönlich zum Spaten, um in der Karlsaue einen Apfelbaum in den Boden zu setzen – eines der ersten Werke der d13, mit dem übrigens auch einmal documenta-eigener Bio-Apfelsaft produziert werden soll. Die diesjährige Kunstschau pflegt ein besonderes Verhältnis zur Natur. Viele Künstler beziehen sich auf Naturthemen oder nutzen organisches Material – sie erschaffen Hügel, Bäume, Biotope.
 

Grüne Oase auf dem Friedrichsplatz

Information

 (Bild:  hr)

hr2-Reporterin Tanja Küchle berichtet von der documenta aus Kassel.

Wer Kristina Buch bei der Arbeit zuschaut, merkt schnell, dass die Frau vom Fach ist – Buch ist studierte Biologin und Künstlerin. Zwar sieht sie sich selbst nicht als "Öko", doch das Werk der zierlichen jungen Frau mit Kurzhaarschnitt passt hervorragend zu dieser Tendenz der 13. Weltkunstausstellung.

Buchs documenta-Werk ist eine grüne Oase auf dem Friedrichsplatz vor dem Kasseler Staatstheater – eine Oase für Schmetterlinge inmitten von Beton. Es ist ein großes viereckiges Kübelbeet mit einer Größe von zehn Mal zehn Metern, ein Podest für Wildwuchs von hundertachtzig Arten wie Margeriten, blau leuchtende Kornblumen, Brennnesseln und lila Disteln. Eine junge Birke und ein paar Büsche ragen dazwischen empor, eine Vielfalt, wie es sie in der Natur nirgends auf so engem Raum gäbe.
 

Gegenentwurf zur Monokultur

Kristina Buchs Schmetterlingsgehege ist der Gegenentwurf zur hierzulande üblichen Monokultur und einer Landwirtschaft, die mit Pestiziden viele Schmetterlingsarten an Leib und Flügel bedroht. Während der documenta versucht Buch, diese Vielfalt der Natur "auf einem ganz kleinen Raum für einen ganz kleinen Moment wieder erscheinen zu lassen".

Vom Tagpfauenauge über den Großen Fuchs bis zum Gelbling – insgesamt vierzig verschiedene Falterarten hat die Künstlerin und Biologin zu Hause gezüchtet und schon einige der geschlüpften Exemplare hier ausgesetzt. Tausende werden es sein bis zum Ende der documenta. Allerdings muss man schon etwas Geduld mitbringen, um die Flattermänner auch tatsächlich zu entdecken. Einige Falter seien bereits weitergeflogen, erklärt Bach. "Teilweise sind aber auch Falter gekommen, die ich gar nicht ausgesetzt habe." Die Künstlerin hat das einkalkuliert. In ihrem Wind- und Wetter-empfindlichen, flüchtigen Werk spielt sie so mit den Erwartungen der Besucher.
 

Unkraut auf dem Müllhaufen

Ein anderer Künstler, der auf der documenta das Gras wachsen lässt, ist Song Dong, ein namhafter chinesischer Konzeptkünstler aus der Hauptstadt Beijing. Er hat einen vier Meter hohen Hügel in der Karlsaue aufschütten lassen, der von seiner Gestalt her einem Minigebirge ähnelt. Mittlerweile ist er ordentlich bewachsen mit Salat und Kohl und dem, was der Volksmund Unkraut nennt. Wer mag, darf ernten oder jäten. Aber Achtung: der Hügel besteht – von außen nicht sichtbar – im Wesentlichen aus Müll und Kompost.

Der Künstler Song Dong findet es großartig, dass im richtigen Kontext selbst wertloser Müll noch eine schöpferische Wirkung erzielen kann. Es scheint irgendwie auch ein Triumph der Natur über die sogenannte Zivilisation zu sein. "Ich liebe es, wie ich nichts mache. Das Nichtstun ist mein Focus."

Das Nichtstun als Ziel – weniger faul als vielmehr philosophisch meint Song Dong sein Motto: Auch, wenn wir etwas tun, muss das noch lange nichts bedeuten. Und nichts zu tun, kann sehr viel Bedeutung haben. Dem Bonsaiberg ist das egal. Nachdem alles gesät und gepflanzt ist, wächst das Werk quasi von selbst weiter.
 

Verärgerte Parkbesucher

Doch für manchen Parkbesucher ist Song Dongs nichts tuender Hügel ein Ärgernis. Er verdecke das prunkvolle, weiß-gelb getünchte Gebäude der Orangerie. Doch das ist Teil des Konzepts, erklärt Song Dong. Nach der chinesischen Gartenkunst sehe man beim Betreten des Gartens immer zuerst einen Berg. Und nur, wenn man darum herumgehe, entdecke man mehr. Es sei eine besondere, die chinesische Weise, um eine Landschaft zu entdecken.

Die 13. documenta ist eine Öko-documenta im besten Sinne. Sie rückt den Menschen oftmals aus dem Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und lässt uns staunen über die Kreativität von Künstlern, Wissenschaftlern – und die Kreativität der Natur.
 
Redaktion: kahu / aba
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 7.06.2012, 14:08 Uhr
 
 
 

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