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28.06.2012

Selbstversuch

Im Fallbeil der Kunstkritik

Eine echte Küchle: "The day Baselitz signed me" (Bild: Tanja Küchler)
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Eine echte Küchle: "The day Baselitz signed me"
Jeder Mensch ein Künstler? hr-Reporterin Tanja Küchle macht den Test. Sie zeigt ihr Werk Lori Waxman, die auf der documenta live Kritiken verfasst. Heißt es Daumen rauf oder Daumen runter?
 
Audio: Ist das Kunst oder kann das weg? 4:18 Min
(© hr, 27.06.2012)
Von hr-Reporterin Tanja Küchle

"Als erstes bräuchte ich ein ausgefülltes Formular von Ihnen. Wichtig ist Name, Email-Adresse – und ob Sie einverstanden sind, dass man das an die lokale Zeitung weitergibt", sagte die documenta-Mitarbeiterin zu mir. Na toll, meine Kritik wird also auch noch in der Zeitung veröffentlicht. Egal, ob gut oder schlecht.
 

Radio

 (Bild:  hr-online)

Donnerstags, 7:45 Uhr

Tanja Küchle

In der Reihe "Kunst mit Küchle" rückt hr-Reporterin Tanja Küchle den documenta-Werken auf den Leib. Sie hört und sieht, testet und begeht die Kunst.
Etwas unwillig nehme ich das Klemmbrett mit dem Anmeldeformular und setze mich in eine Ecke des hellen, kleinen Büros in dem freistehender documenta-Pavillon mit Glasfront in der Karlsaue. An den Wänden hängen schon einige Kritiken aus, die Lori Waxman vorgenommen hat – daneben kleine Fotos der Kunstwerke: Aquarelle sind dabei, Fotografien, Skulpturen, Performances. Je länger ich da sitze, desto peinlicher wird mir die ganze Situation. Soll ich mein Kunstwerk wirklich da jetzt vorzeigen?

Es gibt mehr Künstler als Kritiker

Offiziell kann jeder hier seine künstlerische Arbeit - vom gemalten Bild bis zur Live-Performance vom Profi kritisieren lassen. Denn Lori Waxman kritisiert seit Jahren Kunst für diverse Zeitungen und Fachmagazine. Die Idee hinter ihrer Aktion: es gibt so viele Künstler, deren Kunst überhaupt nicht beachtet wird, weil es so wenige Kritiker gibt. Das ist also die Gelegenheit. Und der Andrang ist tatsächlich groß. Solange die Kritikerin noch mit einem anderen Werk beschäftigt ist, fülle ich weiter gewissenhaft den Fragebogen aus. Titel, Datum, Materialien, Größe der Arbeit.

Mehr über Lori Waxmann in der Karlsaue

So wie viele, fotografiere ich in meiner Freizeit. Naja, vielleicht knipse ich ja auch nur. Lori Waxman wird mir das gleich sagen. Jedenfalls bin ich keine Künstlerin – höchstens eine verkappte. Offiziell bin ich hier, weil ich wissen will, wie es sich anfühlt, kritisiert zu werden. Kritisiert für etwas, das man selbst geschaffen hat. Es ist wahrscheinlich so etwas wie die "Urangst" der Künstler.

Baselitz auf Unterarm

Ich habe ein DIN-A3-großes Foto dabei. Es zeigt mich in einem schwarzen T-Shirt, im Badezimmerspiegel, wie ich mich selbst fotografiere. Auf meinem Unterarm prangt die Unterschrift eines großen deutschen Künstlers: Georg Baselitz. "The day Baselitz signed me", habe ich das Werk genannt. Kritikerin Lori Waxman fragt mich, wie seine Unterschrift auf meinen Arm kam. "Ich habe Baselitz auf einer Ausstellung in Bad Homburg getroffen", sage ich.

Die anderen Ausstellungsbesucher hatten sich Kataloge und Poster unterschreiben lassen. Sobald die signiert sind, bringen sie, bei Online-Auktionshäusern versteigert, bis zu mehreren hundert Euro. Ich hatte ihn also auf meinen Arm unterschreiben lassen – und später gewaschen.

Lori Waxman hört mir aufmerksam zu, macht sich Notizen, googelt "Baselitz" – nur, um sicher zu gehen – und wirft immer wieder einen prüfenden Blick auf meine Fotografie – die ich bemüht vor dem Sich-wieder-Einrollen abhalte. Innerlich zittere ich, hoffe insgeheim doch auf den Ritterschlag – zur Fotografin mit gutem Auge und hintergründigem Humor.

Kunstkritik als Performance

Lori Waxman beginnt, die Kritik in ihren Computer zu tippen. Ich fühle mich wie in der Schule. Sie schreibt einen Absatz, zögert, löscht wieder, tauscht Worte aus, schlägt Bedeutungen bei Wikipedia nach. Übertragen auf eine Leinwand, kann jeder ihren Bildschirm sehen – und nachvollziehen wie ein Text, wie eine Haltung zu einem Kunstwerk entsteht.

Lori Waxmann macht hier den Schreibprozess, den auch sie normaler Weise am liebsten geheim hält, öffentlich. Die Kunstkritik wird zur Performance – und gilt als eigenes documenta-Kunstwerk. Der Titel: "Sixty Words per Minute – Sechzig Wörter pro Minute". Ich zähle nicht mit – und warte gespannt. Und dann ist es soweit. Der Drucker rattert, ich habe die Kritik in meinen Händen – und lese:

"Woher wissen wir, wie viel etwas wert ist? Sogar ein Geldschein ändert seinen Wert, wenn er von einer Berühmtheit signiert wurde. Tanja Küchle lotet die Grenzen dieses Sachverhalts mit einer Fotografie aus, die den Titel 'The day Baselitz signed me' trägt. Ist diese Fotografie nun mehr wert, als jede andere, die sie machen wird? Bei Kunst ist der Wert immer unglaublich schwer zu bestimmen – und niemand sollte als letztes Wort eine Geldsumme nennen."

Mh, bin ich damit zufrieden? Ich weiß es nicht. Bevor ich gehe, muss ich bei Lori Waxman doch noch nachfragen: fand sie mein Foto jetzt gut oder schlecht? Aber die Kritikerin lässt sich nicht auf das einfache Urteil festlegen. "Ich fand es interessant", sagt sie. Aber Daumen rauf oder runter, so einfach sei das nicht. "Das wäre langweilig", sagt sie.

Lori Waxmann schreibt noch bis Mitte September Kritiken auf der documenta in Kassel. Wer teilnehmen will, muss sich allerdings anmelden.
 
Redaktion: aba / ksch
Bild: © Tanja Küchler
Letzte Aktualisierung: 5.07.2012, 12:45 Uhr
 
 
 

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