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5.07.2012

Im Maschinenraum der documenta

Riecht es hier nach Sex?

Sie stampfen und sie beten: die Motoren von Thomas Bayrle in der documenta-Halle (Bild:  picture-alliance/dpa)
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Sie stampfen und sie beten: die Motoren von Thomas Bayrle in der documenta-Halle
Zwischen ratternden Motoren und stampfenden Kolben: Wie sich hr-Reporterin Tanja Küchle auf der documenta im Maschinenpark von Thomas Bayrle einen Satz heiße Ohren holte.
 

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 (Bild:  hr-online)

donnerstags, 7:45 Uhr

Tanja Küchle

In der Reihe "Kunst mit Küchle" rückt hr-Reporterin Tanja Küchle den documenta-Werken auf den Leib. Sie hört und sieht, testet und begeht die Kunst.

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Von hr-Reporterin Tanja Küchle

Nur ein Brummen und Rauschen höre ich beim Betreten der documenta-Halle. Der Frankfurter Künstler und ehemalige Städelprofessor Thomas Bayrle hat hier einen eigenen, riesigen Raum für sich. Er hat einen Maschinenraum daraus gemacht.

Zwei gigantische Arbeiten hängen links und rechts an der Wand, ein Flugzeug und rechtwinklige Bruchstücke von Straßen, aus Karton. Dazwischen stehen acht Motoren auf Gestellen im Raum verteilt. Unentwegt schieben sie ihre Kolben auf und ab, unentwegt – als wüssten sie nicht, dass die Reise für sie nirgendwo mehr hingeht. Ihr Körper, die Karosse, fehlt ihnen. Sehen sie nicht hilflos aus, wie sie so, zur Hälfte aufgeschnitten, auf dem Rücken liegen? Jeder kann ihr Innerstes sehen.

Werde ich gerade rot?

Aber, nein, sie wirken gar nicht hilflos, sie bewegen sich ja ganz präzise. Mit Eleganz und Kraft schieben sie die Kolben auf und ab, oder: rein und raus? Es riecht nach Maschinenöl. Riecht es nach Sex? – Werde ich gerade rot? Auf jeden Fall wird mir heiß, an den Ohren. – Ob Bayrle das gewollt hat?

Ich will sehen, woher diese geöffneten Maschinenherzen kommen: Von einer "Ente", also einem Citroen CV, von einer Motoguzzi, von einem alten BMW. Und dann höre ich es, zwischen dem unablässigen Blubbern und Tackern hindurch: die Motoren beten. Die Worte strömen aus darunter angebrachten Lautsprechern. Ein kleiner Citroën-2CV-Motor vereinigt sich mit französischen Gebeten. Und dort sind zwei paar Scheibenwischer an die Wand montiert. Sie wiederholen unablässig das Mantra: "Bitt für uns, bitt für uns, bitt für uns" – und wedeln dabei hilflos mit den Armen.
 
Meditative Sauce - sich wiederholendes Amalgam

Will Bayrle sich lustig machen? Über hilflose Gläubige, die unablässig beten, aber nichts bewirken? Über blindes Gottvertrauen? Ich meine, das Gegenteil ist der Fall. Thomas Bayrle hat aus dem Maschinenraum eine Kathedrale gemacht. "Ora et labora" – bete und arbeite. Meditation und Repetition, Mensch und Maschine sind hier im Einklang. Das Fließband ist heilig – die absolute Effizienz.

Am Fließband, berichten Arbeiter immer wieder, könne man sich nur im Rhythmus der Maschinen bewegen. Und das sei nur in einer Art Trance zu überstehen. Aber was bedeutet das für mich? Oder für all jene, die aus der Kirche ausgetreten sind und niemals am Fließband standen? Ich glaube, Thomas Bayrle schert sich gar nicht um Symbole. Eine Art "meditative Sauce", sagt Bayrle, habe er schaffen wollen – ein "endlos sich wiederholendes Amalgam." Er sucht so etwas, wie einen realen Kern – etwas, das in der Verschmelzung von gläubigem Singsang und Motorenrauschen erfahrbar wird. Und aus dem Brummen und Rauschen vom Anfang wird allmählich hörbar: ein heller Ton.
 
Redaktion: aba
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 5.07.2012, 18:38 Uhr
 

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