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15.07.2012

"Animistische und gnostische Träume"

Kirche kritisiert documenta

 (Bild:  picture-alliance/dpa)
Heftige Kritik am "entgrenzten" Konzept der documenta hat die evangelische Kirche geübt. Der kurhessische Bischof Martin Hein sprach in Hofgeismar von "religiösen Unter- und Obertönen" der Ausstellung und warf ihr mangelnde Toleranz vor.
 
Der Kunstbegriff der documenta sei seltsam entgrenzt, kritisierte die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Petra Bahr am Wochenende auf einem Symposium in Hofgeismar. Zwar kämen alle möglichen Bereiche von der Quantenphysik über die Philosophie bis hin zur Botanik in der Ausstellung vor, die Religionswissenschaft fehle jedoch. Stattdessen gebe es eine Wiederbelebung von animistischen und gnostischen Träumen, ohne dass die aufklärerische Kritik an diesen Phänomenen berücksichtigt werde.

documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev schreibe der Kunst eine religiöse Funktion zu, so Bahr weiter. Sie solle versöhnen und heilen sowie auf eine andere Welt hinweisen. "Das ist der ästhetische Versuch der Ersetzung der Religion durch die Künste", sagte sie.
 

Hein kritisiert religiöse Unter- und Obertöne

In dieselbe Kerbe schlug auch der kurhessische Bischof Martin Hein. Trotz der merklichen Distanz der künstlerischen Leiterin zu den Kirchen arbeitet die documenta nach "mit religiösen Unter- und Obertönen". So trage beispielsweise der Katalog den Titel "Buch der Bücher" und die Programmformel laute "Trauma und Heilung", kritisierte der Bischof.

Hein äußerte sich auch noch einmal zu dem Streit um eine kirchliche Begleitausstellung des Künstlers Stephan Balkenhol in der Kasseler Sankt Elisabethkirche - der Künstler hatte eine lebensgroße Figur mit ausgestreckten Armen auf dem Dach der Kirche installiert. Ob man angesichts der massiven Weigerung Christov-Bakargievs, eine solche Begleitausstellung zuzulassen, noch von Liebe zwischen Kunst und Kirche sprechen solle, hänge davon ab, was man unter Liebe verstehe, sagte Hein.

Unter Hinweis auf einen Bibeltext des Apostels Paulus über die Langmütigkeit der Liebe verwies Hein auf die große Toleranz, die bei Paulus durchschimmere. "Von der kann man auch seitens des
Kunstbetriebes einiges lernen."
 

"Das ist der eigentliche Skandal"

Kritik am künstlerischen Konzept der documenta-Chefin kam auch vom Karlsruher Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich. Dass die documenta keine grundlegenden Unterschiede mehr mache zwischen Menschen, Tieren und Dingen, verstünden die Besucher nicht, so Ullrich. Auf der documenta gebe es etwa 100 Arbeiten, die das Nichtmenschliche in den Vordergrund rückten. Viele Besucher seien aber so sehr von ihrer Liebe zur Kunst bestimmt, dass sie diese eigentliche Intention der künstlerischen Leitung nicht erkennen würden. "Der eigentliche
Skandal der documenta 13 ist, dass es keinen Skandal gibt", sagte Ullrich.
 
Redaktion: jaar / aba
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 18.07.2012, 11:47 Uhr
 
 
 

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