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Der "Doing Nothing Garden" von Song Dong in der Karlsaue (Bild:  picture-alliance/dpa)
Der "Doing Nothing Garden" von Song Dong in der Karlsaue

documenta-Halbzeitbilanz

Weltverbesserer von Kassel

Diese documenta zertrümmert den Kunstbegriff mehr als Joseph Beuys sich das je hätte träumen lassen. Das ist radikal, ziemlich inspirierend - und ein bisschen pathetisch. Eine Halbzeitbilanz von Rudolf Schmitz.
 

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27.07.2012, 14:30 Uhr

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Kein Zweifel, das Publikum mag diese documenta 13. "Was mir gefällt, das ist die Aue, die ist in einen Zauberpark verwandelt worden für mich, dass man jetzt überall etwas entdeckt, das finde ich sehr schön", sagt einer. Mit ihren über 50 Spielorten, über ganz Kassel verteilt, ist sie ein einziger Abenteuerparcours, eine Entdeckungsreise, eine logistische Herausforderung. Letzteres scheint die Besucher nicht zu schrecken, im Gegenteil.

Rekord bei Dauerkarten

Der Verkaufserfolg, den Bernd Leifeld, Geschäftsführer der documenta, gerade verkündete, bestätigt den Eindruck. Die 10.000. Dauerkarte wurde ausgegeben, das sind schon jetzt 70 Prozent mehr als bei Abschluss der letzten documenta. "Der Hintergrund ist, dass offensichtlich diese Ausstellung in der Stadt und in der Region angekommen ist, denn die meisten dieser Dauerkarteninhaber kommen aus der Stadt und der Region", sagt er nicht ohne Stolz.

Die Einwohner von Kassel und Umgebung wollen sich also Zeit lassen, wollen wiederkommen, um wirklich alles zu sehen. Wovon die meisten documentas nur geträumt haben, hier scheint es stattzufinden: Die Besucher erarbeiten sich die Kunst und vertrauen dabei ihrer eigenen Wahrnehmung: "Es geht um eine Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst, es geht nicht um Deutungshoheit, es geht nicht um die Verkündigung allgemeingültiger Wahrheiten oder um die Wahrheit der documenta-Leitung von oben nach unten, es geht um eine Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst auf Augenhöhe", sagt Leifeld.
 

Mit Nägelkauen fing es an: Halbzeit bei documenta 

 
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Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der documenta 13, hat eine große Wertschätzung für die Kunst, sie traut ihr zu, ein Wissen zu produzieren, das anderen Wissensformen überlegen ist. Überlegen, weil es in den üblichen gesellschaftlichen Diskursen sonst nicht vorkommt. Man kann sich fragen, ob das eine maßlose Überschätzung der Kunst ist, aber dadurch wirkt diese documenta stimmig und engagiert, zeigt unverwechselbares Profil.
 
Lob vom Fachpublikum

Auch von Fachkollegen kommt Lob. "Ich glaube, dass viele aber sehr positiv auf die gesamte Inszenierung, auf die Vielfältigkeit des Konzeptes reagiert haben, und ich glaube, dass das eine documenta ist, die nicht nur dem Publikum viel Vergnügen bereiten wird, sondern die auch für die Fachwelt hoch interessant ist und auch weiterhin Bestand haben wird", sagt Max Hollein, einflussreicher Museumschef aus Frankfurt.
 
Abschaffung des Kunstbegriffs

Die documenta 13 hat die Grenzen zu anderen Wissensgebieten eingerissen. Naturwissenschaft, Ethnologie, Philosophie, Literatur, das alles kommt vor auf dieser Ausstellung. Auch in direktem Dialog mit der Kunst. Der in Kassel lebende documenta-Historiker Harald Kimpel, sieht hier ein neues Modell, das sich allerdings auf bekannte Ideen beruft.

"Die Grenzniederlegung hat zunächst mal einen erweiterten Kunstbegriff zur Folge, der weiter und radikaler ins Gesellschaftliche und Politische ausgeweitet wurde, als es sich der Erfinder des erweiterten Kunstbegriffs, Joseph Beuys, hat träumen lassen", sagt er. "Und diese Erweiterung hat sogar eine Abschaffung des Kunstbegriffs zur Folge und das finde ich sehr angenehm", ergänzt er.
 

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Also keine Diskussionen mehr über Formprobleme, sondern direkte Auseinandersetzung mit dem, was die Künstler zu verhandeln haben? Fühlen sich die Besucher vielleicht deshalb so ernst genommen von dieser documenta? Ihr politischer Anspruch mag überzogen sein, aber mit den Außenstationen dieser Ausstellung in Kabul und Kairo ist das Bild einer "Weltkunstausstellung" konkreter geworden als jemals zuvor. Konkreter, aber auch pathetischer.

An der Kunst soll die Welt genesen

"Überall spürt man die Absicht, dass am künstlerischen Wesen die Welt genesen soll", sagt Kimpel. Dieses Mal diene die documenta zur Kommentierung und sogar Verbesserung von defizitären Weltsituationen. "Auf der Landkarte der documenta ist der Globus als eine lückenlose Krisenregion ausgewiesen, und hier soll Kunst im Zuge von Heilungs- und Regenerierungspraktiken Entscheidendes dazu beitragen", so Kimpel. Die documenta 13, ein inspirierender Krisengipfel im Medium der Kunst – ergiebiger als Rio de Janeiro, zupackender als jeder ökonomische Rettungsschirm, engagierter als die UN-Resolutionen aus New York.
 
Redaktion: aba
Letzte Aktualisierung: 29.07.2012, 12:09 Uhr

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