Blick auf die Bilder des libanesischen documenta-Künstlers Rabih Mroué
2.08.2012
Handyvideos von Rabih Mroué
In der Schusslinie
Wie hr-Reporterin Tanja Küchle zwischen die Fronten des syrischen Bürgerkriegs geriet und sich dabei die Hände schmutzig machte. Die Handyvideos von Rabih Mroué im Kulturbahnhof.
Erst als ich mitten im Raum stehe, wird mir klar: ich stehe genau in der Schusslinie. Links von mir die Schützen, auf großformatigen Hochglanzfotos. Doch wer schießt, bleibt anonym. Die Bildauflösung ist zu schlecht. Rechts von mir, an der gegenüber liegenden Wand, bewegt sich die dunkle Silhouette eines Mannes - eine Videoprojektion.
Der junge Mann filmt mich mit einer Handykamera, das heißt: er filmt die Soldaten oder Schützen hinter mir - und stürzt plötzlich zu Boden. Offenbar getroffen. Immer wieder steht er auf und fällt wieder hin. Getroffen. Eine Endlosschleife. Sie verweist auf einen hoffentlich nicht endlosen Krieg.
Grausige Spielerei
Die Arbeit des libanesischen Künstlers Rabih Mroué handelt vom Bürgerkrieg in Syrien. Sie ist im Südflügel des Kasseler Kulturbahnhofs untergebracht und besteht aus Videos, Projektionen und einem langen Tisch mit Daumenkinos. Die Daumenkinos sind aus Handyvideos gemacht, Handyvideos von Regimegegnern, die im syrischen Bürgerkrieg erschossen oder verwundet wurden. Am Ende jedes Videos fällt der entscheidende Schuss, dann wackelt das Bild.
Die Aufnahmen der Opfer fanden ihren Weg ins Internet zu YouTube und von dort zu Rabih Mroué. Seine Ausstellung ist eine grausige Spielerei. Ich muss selbst aktiv werden: einen Knopf drücken, der dann den Originalton des Handyvideos abspielt und dazu muss ich die Bilder des Daumenkinos in Bewegung versetzen. Das Merkwürdige daran: Obwohl die Daumenkinos den wahren Schrecken verfremden versetzen sie mich mitten in die Situation. Der Betrachter rückt an die Stelle des Opfers. Die Waffe zielt auf mich.
Das hier sind keine Fernsehnachrichten. Ich will das nächste Daumenkino nicht mehr in die Hand nehmen, nicht noch ein weiteres Mal am Ende zusammenzucken. Andererseits lockt es mich, will ich immer noch das nächste Video sehen. Die Schrecken im syrischen Bürgerkrieg hier kann ich mir endlich vorstellen, was dort los sein muss. Die Fragen, die mir kommen, stellt sich auch der Künstler selbst in einem Video-Vortrag im Raum nebenan.
Warum, fragt Rabih Mroué, sind die Augenzeugen nicht einfach in Deckung gegangen, als sie erkannt haben, dass ihr Gegenüber mit einem Gewehr auf sie zielt? Waren sie vielleicht "bildsüchtig"? Er vermutet, die Filmenden wähnten sich als Zuschauer einer irrealen Situation - quasi eines Films, den sie bloß auf ihren Handybildschirmen beobachten. Doch sie haben diesen Film teuer bezahlt manche mit ihrem Leben. Ich dagegen bleibe als Beobachter unbeschadet. Letztlich bin ich ein Voyeur des Schreckens.
Krieg um Bilder
"Wir sollten nicht all die anderen Fotos und Videos vergessen, die wir nicht gesehen haben, die niemand hochgeladen hat", sagt Mroué in dem Video. Wie viele Videos mögen das sein? Handyvideos aus dem syrischen Bürgerkrieg, die nie ein Mensch bisher gesehen hat, etwa weil sie verloren gegangen sind. Der syrische Bürgerkrieg, wird mir klar, ist auch ein Krieg um Bilder - um das, was von der Welt gesehen werden darf.
Rabih Mroué lotet mit seiner Arbeit auch den Bereich zwischen Leben und Tod aus doch den Übergang, soviel steht fest, kann man nicht festhalten. Doch etwas anderes hält sich fest an mir: Erst jetzt bemerke ich, dass die Daumenkinos in Stempelkissen liegen. Und mit jedem Augenzeugen-Video heißt das: mehr blaue Farbe. Jetzt bin ich nicht mehr der Voyeur, der unbeschadet bleibt jetzt habe ich schmutzige Hände.
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[Web-Reportage]