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Sumiko Morino auf einer ihrer Führungen im Kulturbahnhof (Bild:  hr-online)
Sumiko Morino auf einer ihrer Führungen im Kulturbahnhof
21.08.2012

Interview

Weltgewandt in Kassel

Als Entwicklungshelferin arbeitete sie in vielen Ländern. Jetzt führt Sumiko Morino Besucher durch die documenta. Im Gespräch erklärt sie, warum die Ausstellung für sie wie ein Déjà vu ist, welche Werke ihr besonders gefallen und warum Kassel sich selbst treu geblieben ist.
 

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Nach Angaben der documenta haben bisher rund 110.000 Besucher das Angebot der sogenannten dTours genutzt (Stand 30.8.). Insgesamt habe es bisher über 9.000 Führungen durch 160 Führer gegeben. Das Konzept der Kunstvermittlung durch "Worldly Companions" sei ein Erfolg, so documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld. Das Besondere daran sei das Sprechen über die Kunstwerke auf Augenhöhe.
Wenn der Begriff des "Weltgewandten Begleiters" auf jemanden zutrifft dann wohl bei sie: Als Entwicklungshelferin arbeitete Sumiko Morino schon für Nicht-Regierungs-Organisationen in Vietnam, Sri Lanka und Indonesien, zuletzt koordinierte die 39-jährige Österreicherin im Sudan ein Projekt für das Rote Kreuz. Ständig auf Achse - nun also Kassel.

Vor eineinhalb Jahres verschlug es sie nach Nordhessen – der Liebe wegen. Ihr Mann fand hier einen Job, sie selbst nahm beruflich eine "Zwischenzeit". Als die Weltkunstschau "Worldly Companions" suchte - so heißen die klassischen Museumsführer auf documenta-Deutsch – kam ihr das ganz recht. Zumal ihr Kunstinteresse nie ganz verschwunden war. Als Jugendliche hatte sie einmal ihre Zukunft auf den Theaterbrettern gesehen, die Ballettschuhe aber dann doch für das handfestere Ökonomie-Studium an den Nagel gehängt.

"Quasipolitischen Anwandlungen"

Ein paar hundert Besucher hat sie in den vergangenen Wochen nun schon durch die Ausstellung geführt, fünf Mal die Woche begleitet sie Kunstinteressierte vor allem durch den Kulturbahnhof, der mit seinem Ankommen und Wegfahren so ein bisschen ihrem Leben entspricht, wie sie im Gespräch erklärt. Was die Politikwissenschaftlerin gar nicht auf der documenta mag, sind Werke mit "quasipolitischen Anwandlungen", Arbeiten mit "ideologischem Dreh", wie sie es ausdrückt.

Das sagt sie so auch ganz deutlich in ihren Führungen, die im Netz quasi ihre Verlängerung finden. Auf ihrem documenta-Blog beantwortet sie Fragen, die auf der Tour nicht geklärt werden konnten, gibt vertiefende Hinweise, Link-Tipps und kritisiert auch schon mal, warum viele Kunstwerke in der Ausstellung für Menschen in Rollstühlen nicht erreichbar sind.
 
Sumiko Morino: "Manche Arbeiten kommen mit einem eigenartigen, ideologischen Dreh daher" (Bild:  hr-online)
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Sumiko Morino: "Manche Arbeiten kommen mit einem eigenartigen, ideologischen Dreh daher"
Frau Morino, was reizt Sie als Entwicklungshelferin Besucher durch die Kunstausstellung documenta zu führen?

Sumiko Morino: Es gab viele Gründe. Einer war, dass ich gespannt war, wie sich Kassel durch die documenta verändert. Als ich im Februar 2011 hierher kam, lag die Stadt in einem Dornröschenschlaf und alle sagten, Kassel wird so anders, wenn erst einmal die documenta anfängt. Diese Dynamik wollte ich gerne hautnah miterleben.

Und hat sich Kassel tatsächlich verändert?

Nein, jemand hat zu mir gesagt, wow, jetzt kommt internationaler Flair nach Kassel. Aber gefunden habe ich ihn bisher nicht. Kassel ist sich selbst sehr treu geblieben. Klar, es sind mehr Leute in der Stadt, aber Kassel ist immer noch Kassel.

Als "Weltgewandtere Begleiterin" wurden Sie von der documenta wochenlang geschult. Haben Sie sich gut vorbereitet gefühlt?

Nein, gar nicht. Für mich war das ein Sozial-Experiment. Ich habe dem gern zugesehen, aber für mich selbst habe ich weniger herausgeholt. Es gab eine Zeit da habe ich damit auch gehadert, habe mich gefragt, was das soll. Dann entschied ich für mich, die Führungen so zu machen, wie ich glaube, dass sie gut sind.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Führungen?

Dass die Leute wie bei einem guten Theaterstück nach zwei Stunden herausgehen und sagen: ja, das war jetzt ein schöner Abend, dass sie bereichert nach Hause gehen. Bei der Schulung schwang bei - ich würde sagen – Laien im Umgang mit Gruppen die Erwartung mit, dass man Leuten in zwei Stunden etwas Lebensveränderndes, etwas Revolutionäres mitgeben kann. Aber das ist natürlich illusorisch. Wenn sich die Menschen zwei Stunden von mir unterhalten fühlen, dann ist das schon eine großartige Sache, dann haben wir zwei schöne Stunden miteinander verbracht.

Und welche Erfahrungen haben Sie mit Ihren Führungen tatsächlich gemacht?

In den Vorbereitungsgruppen waren auch Guides dabei, die schon bei früheren documenta-Ausstellungen gearbeitet haben. Ich kann mich besonders an eine erinnern, die mich vor "Freaks" gewarnt hat, die ganze Führungen an sich reißen. Aber ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht. Das Publikum, das ich bisher geführt habe, ist sowas von aufgeschlossen, konzentriert und interessiert, dass ich echt baff bin. Das ist einfach toll.

Warum haben Sie sich den Hauptbahnhof als Ort Ihrer Führung ausgewählt?

Wir konnten uns zwei Orte aussuchen. Ich habe den Bahnhof und das Ottoneum ausgewählt. Den Bahnhof, weil das Ankommen und Wegfahren so ein bisschen meinem Leben entspricht. Und beim Ottoneum interessierte mich das Motto. "Wenn man reinkommt, sieht man schon, dass es mit Samen gefüllt ist". Das war für mich ein Déjà vu. Denn bei meiner letzten Mission als Entwicklungshelferin im Sudan hatte ich ein Nahrungssicherheitsprojekt zu betreuen. Und die erste Saatgutlieferung, die ich erhielt, glaubte ich in dem Compound unterbringen zu können, in dem ich wohnte.

Als ich dann am Abend nach Hause kam, war das ganze Haus bis zur Decke vollgestopft mit Saatgutsäcken, so dass ich nur in engen Gängen mich durchwinden konnte. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich dieses seltsame Motto fürs Ottoneum hörte.

Welche Werke sind Ihre Highlights auf der documenta?

Beeindruckt bin ich vom Nordflügel des Hauptbahnhofs als Ensemble, wie gut das funktioniert. Da passen alle Objekte zusammen. Als Einzelobjekt gefällt mir besonders Tacita Deans Schiefertafel-Zeichnungen im alten Finanzamt. Und dann geh ich gern in die Klanginstallation von Cevdet Erek im Kaufhaus C&A. Und im Fridericianum – obwohl ich das Gebäude an sich überhaupt nicht ausstehen kann – gefällt mir vor allem der schwarz-weiß-Teppich von Goshka Macuga.

Was gefällt Ihnen nicht?

Was ich gar nicht abkann, sind die quasipolitischen Anwandlungen dieser documenta wie die Arbeit Rabih Mrouré. Einen politischen Wert finde ich da jedenfalls nicht. Manche Arbeiten kommen mit einem eigenartigen, ideologischen Dreh daher, zum Beispiel die AndAndAnd-Gruppe oder das Polisario-Zelt in der Aue. Bei Kudzanai Chiurai frage ich mich nach dem Gewerke des Kunstbetriebs. Wie kommt so eine Arbeit nach Kassel?

Das Gespräch führte Andreas Bauer
 

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Redaktion: aba
Letzte Aktualisierung: 30.08.2012, 17:55 Uhr
 

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