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Der "Reflection Room" von Marcos Lutyens in der Karlsaue. (Bild:  hr-online)
Der "Reflection Room" von Marcos Lutyens in der Karlsaue.
16.08.2012

Im Hypnose-Modus

Abgedriftet im Brühkaffee

Zehn Stufen tief im Unterbewusstsein. Wie sich hr-Reporterin Tanja Küchle auf der documenta hypnotisieren ließ - und in schneeweißem Nichts von Kaffeeduft umhüllt wurde.
 
Audio: Durch den Hypnose-Spalt gegangen 4:07 Min
(© hr, 16.08.2012)

Radio

 (Bild:  hr-online)

donnerstags, 7:45 Uhr

Tanja Küchle

In der Reihe "Kunst mit Küchle" rückt hr-Reporterin Tanja Küchle den documenta-Werken auf den Leib. Sie hört und sieht, testet und begeht die Kunst.

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Von hr-Reporterin Tanja Küchle

Ich habe keine Angst vor Kontrollverlust. Aber ein Huhn spielen oder nackt auf dem Tisch tanzen möchte ich trotzdem nicht. Etwas misstrauisch folge ich dem Mann, der mich und sechs andere Besucher gleich hypnotisieren wird. Marcos Lutyens ist einer der verantwortlichen Künstler der "Hypnotic Show at the Reflection Room".

Wir steigen die Treppe hinab – so wie wir gleich auch in unserem Bewusstsein in immer tiefere Schichten hinabsteigen sollen. Ich brauche eine Weile, bis ich kapiere, dass in diesem "Reflection Room" etwas nicht stimmt. Eine Lampe hängt von der Decke, das Pendant wächst quasi aus dem Boden. Und der Kamin geht über in eine Spiegelung seiner selbst – inklusive der darauf abgestellten Espressokannen. Die Holzhütte in der Karlsaue wird unterirdisch von einer zweiten Hütte gespiegelt – quasi, wie das Bild in einem See – nur in echt gebaut. Das soll den Zustand unter Hypnose versinnbildlichen – erstmal befremdet es mich. All das erklärt uns Marcos Lutyens im Vorgespräch.

Gleich wird es ernst. Vorsichtshalber lege ich das Mikrofon auf meinen Rucksack und versuche es irgendwie festzuklemmen. Die Stimme von Mahkess Lattschenns geht in den "Hypnose-Modus". Wir sollen die Hände ausbreiten, so als würden wir Akkordeon spielen. "Stell Dir vor, in deinen Handflächen sind Magnete. Spüre die Anziehung, konzentriere Dich auf den Raum zwischen deinen Handflächen", sagt er.

Meine Hände wollen tatsächlich immer näher zusammenrücken. Nach wenigen Minuten berührt mich Marcos am Kopf und versenkt so die "totale Entspannung" in mir. Ich treibe jetzt irgendwo zwischen Schlaf und Bewusstsein. So ähnlich, wie beim allmählichen Aufwachen aus dem Schlaf, wenn man noch mehr oder weniger bewusst erlebt, was man träumt. Gegensätze schließen sich nicht mehr aus: das Schnelle ist langsam und das Ferne ist nah. Hier leitet mich die Stimme des Künstlers. "Wir gehen zehn Stufen hinab", höre ich Luytens sagen.
 
Immer weiter Richtung Unterbewusstsein sozusagen. Im Grunde klappt es gut, doch ich drifte ab – frage mich, ob ich alles richtig mache, ob ich "gut genug in Trance" bin. Sogar hier herrscht Leistungsdruck! Aber dann holt mich Mahkess Stimme wieder zurück. "Konzentriert Euch auf den Spalt, an dem das Haus gespiegelt wird. Er geht mitten durch diesen Raum, in dem ihr sitzt. Er ist Millimeter-dünn, fast unsichtbar. Ich zähle jetzt bis eins und dann gehen wir gemeinsam durch diesen Spalt. Drei, zwei, eins… Und los", sagt Luytens.

Ich fühle mich, als würde ich von innen heraus, wie eine Blume aufblühen – richtig voluminös. In einem Millimeter-dünnen Spalt. Klingt blöd. Fühlt sich großartig an!

"Und ihr riecht Kaffee. Voll und rund! Espresso, Brühkaffee. So, wie du ihn magst, wie dein Lieblingskaffee riecht. Dunkler kräftiger Kaffee. Kaffeeduft umhüllt dich. Überall Kaffee. Und vielleicht wirst du dich in den nächsten Tagen, wenn du Kaffee riechst, daran erinnern, wie du dich jetzt gefühlt hast, als du durch den Spalt gegangen bist", sagt Luytens. Und wenig später höre ich anfügen: "Du gehst weiter, du öffnest eine Tür und dahinter ist DEIN Raum. Du bist hier der Schöpfer - und der Raum sieht so aus, wie du es möchtest." Mein Raum ist plüschig-weich, schneesturm-weiß – und lautlos.

Viel zu früh fordert Marcos Stimme mich auf, wieder hinaufzusteigen, in mein Bewusstsein. Jetzt geht alles ganz schnell:…fünf, vier, drei, zwei, eins… Hallo, wach! Ich fühle mich erholt und wie aufgeladen, zugleich ruhig und gelassen. Ein Zustand, den ich in dieser Qualität selten erreiche. Die "Hypnotic Show at the Reflection Room" ist weniger eine therapeutische Prozedur – vielmehr so, als würde man seinen "inneren Schreibtisch" aufräumen. Und was die Kunst angeht, ist es, als würde man eine Ausstellung besuchen, die nur im eigenen Kopf stattfindet.

Nalini Malani360°-Rundgang durch die Hypnotic Show von Marcos Lutyens
 
Redaktion: aba
Letzte Aktualisierung: 16.08.2012, 14:48 Uhr
 
 
 

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