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18.08.2012

Interview Christov-Bakargiev

"Habe mehr Kritik erwartet"

documenta-Chefin Christov-Bakargiev: "Der Besucher will keine schnelle Erfahrung." (Bild:  picture-alliance/dpa)
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documenta-Chefin Christov-Bakargiev: "Der Besucher will keine schnelle Erfahrung."
Vier Wochen vor dem Ende der documenta zeigt sich die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev zufrieden. Allenfalls die ausbleibende Kritik irritiert sie etwas. Im Interview verrät sie, welche Werke ihr besonders gut gefallen.
 

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Die documenta hat ihre Tore seit dem 9. Juni geöffnet, sie schließt sie am 16. September. Die Weltkunstschau findet nur alle fünf Jahre in Kassel statt.

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Sie habe sich auf viele interessante Debatten eingestellt, die aber nicht gekommen seien, sagte Christov-Bakargiev in einem am Samstag veröffentlichen Gespräch mit der Deutschen Nachrichtenagentur dpa. Tatsächlich gab es bisher viel Lob für die Ausstellung. "Ich glaube, dass das eine documenta ist, die nicht nur dem Publikum viel Vergnügen bereiten wird", fasste kürzlich Max Hollein, einflussreicher Museumschef aus Frankfurt, die Stimmung zusammen. Auch Skandale gab es keine: Abgesehen von den Vor-documenta-Überlegungen Christov-Bakargievs zu einem Wahlrecht für Erdbeeren und Hunde und einem kurzen Aufreger über eine nicht zur documenta gehörende Skulptur auf einem Kirchturm - nichts. Stattdessen strömen die Besucher in die Ausstellung.

Zur Halbzeit vor einigen Tagen vermeldete die documenta die zehntausendste Dauerkarte, das waren zu diesem Zeitpunkt 70 Prozent mehr Karten als während der gesamten Laufzeit der documenta 12. Die Besucher wollten die Ausstellung offenbar in ihrem eigenen Tempo erfahren und keine schnelle Erfahrung, interpretiert Bakargiev die Zahlen. Auf dem Weg zwischen den einzelnen Ausstellungsorten habe man viel Zeit zum Nachdenken. Sie glaube aber nicht, dass "jeder Besucher alles sehen muss". In dem dpa-Gespräch nannte sie auch einige Werke, die für das Verständnis der Ausstellung besonders wichtig seien.

Timo Lindemann, dpa: In vier Wochen ist die documenta vorbei und es gab kaum Kritik am Konzept. Haben Sie das so erwartet?

Carolyn Christov-Bakargiev: Nicht in diesem Maße. Ich habe mehr Kritik erwartet, weil die documenta normalerweise einiges an Kritik hervorruft. Ich war auf viele interessante Debatten eingestellt, die aber nicht gekommen sind. Das habe ich nicht erwartet. Aber wenn sie mich fragen, ob ich darüber glücklich bin: Natürlich! Das ist super! Das ist großartig.

Kritisiert wurde allerdings, dass mit einem Fokus auf Tiere und Pflanzen Kunst austauschbar ist und sie damit an deren Abschaffung arbeiten.

Das ist wirklich interessant. Es gibt nur wenige
Werke, die sich mit Tieren beschäftigen, wie Brian Jungen oder Kristina Buch. Es gibt nicht wirklich viele Werke, die diese Vision ausdrücken, ich hätte gern mehr gehabt. Ich sehe das nicht als Kritik, denn es betrifft nur ein paar Kunstwerke. Wenn man die documenta sieht: Es gibt so viel Kunst für Menschen und von Menschen gemacht.
 
Warum wollen so viele Menschen die documenta sehen?

Es ist interessant, dass wir die Zahl der Dauerkarten verdoppelt haben. Die Leute verstehen, dass sie diese documenta in ihrem eigenen Tempo erfahren können. Das ist für mich
ein Zeichen des Erfolgs. Der Besucher will keine schnelle Erfahrung, er will zur documenta gehören und die documenta gehört für eine gewisse Zeit zu ihm. Das ist wichtig für mich.

Sie haben Bundespräsident Joachim Gauck getroffen und Brad Pitt. Gauck ist ehemaliger Pastor, sie gelten nicht gerade als große Unterstützerin der Religion. Haben Sie sich darüber ausgetauscht, und wie war es mit Brad Pitt?

Der Präsident war so nett. Wenn du dem Bundespräsidenten die Ausstellung zeigst, sprichst du natürlich über die Ausstellung. Und du beschreibst sie, denn du hast nur kurz Zeit.
Deshalb habe ich nicht mit ihm über Religion gesprochen. Ich glaube aber, diese documenta ist sehr spirituell. Es gibt viele Kunstwerke, die eine große Spiritualität haben. Ich bin nicht gegen Religion. Ich glaube, dass es für die Menschen wichtig ist zu reflektieren und über die Werte nachzudenken.

Und wie war es mit dem Hollywoodstar?

Es war sehr interessant. Ich glaube, ihm hat die
Ausstellung gefallen. Wir hatten nicht viel Zeit. Er mag Kunst und er ist interessiert an Dingen außerhalb der Welt, in der er sich normalerweise befindet.

Welche Werke sind besonders wichtig auf der documenta?

Es gibt ein paar Kunstwerke, die sind der Schlüssel, um diese documenta zu verstehen. Es gibt etablierte Künstler wie William Kentridge. Sein Kunstwerk ist ein Symbol für diese documenta. Denn es heißt "The refusal of time" (Die Ablehnung der Zeit). Es lehnt die Geschwindigkeit des digitalen Zeitalters ab. Es geht darum, eine Zeit zu kreieren, die anders ist als die Zeit, in der wir leben im digitalen Zeitalter. Es gibt viele Ausstellungsorte, und die Besucher haben viel Zeit, alles zu sehen. Und zwischen dem einen und dem anderen Kunstwerk ist Zeit, nachzudenken. Ich glaube auch nicht, dass jeder Besucher alles sehen muss. Sie können ihren eigenen Parcours machen.

Ein anderes Werk zum Verständnis der documenta ist von Pierre Huyghe mit diesem Labor des Lebens. Es ist mitten im sehr organisierten Auepark, aber es sieht aus wie eine Müllhalde. Es sieht aus wie eine Matrix des Lebens mit Ameisen und Pflanzen und Hunden und Bienen, und es gibt eine Statue. Die Frage der Bienen ist für mich sehr wichtig. Die Skulptur spricht zu den Bienen und die Bienen zu der Skulptur und sie beschützen einander. Das ist eine Allianz von Kunst und Natur.

Dann der schöne Film im Bali-Kino über das Erdbeben in Japan, über den Tsunami und die Atomkatastrophe in Japan. Es gibt noch andere Werke, die sinnbildlich sind für die Ausstellung. Mariam Ghani aus der Afghanistan-Sektion. Ich liebe die documenta, aber ich hätte die documenta in Kassel nie gemacht, wenn ich nicht das Projekt in Afghanistan hätte machen können. 35.000 Menschen in der Kabul-Ausstellung. Es ist die meistbesuchte Ausstellung in der Nach-Taliban-Ära.

Das Interview wurde von hr-online leicht gekürzt.

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Redaktion: aba
Bild: © picture-alliance/dpa
Letzte Aktualisierung: 18.08.2012, 19:13 Uhr
 

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