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 (Bild:  hr-online)
Besucher lauschen der Klanginstallation von Janet Cardiff und Georges Bures in der Karlsaue.
14.09.2012

documenta-Bilanz

Kunst als Zauberpark

Wie keine andere ihrer Vorgängerinnen hat die documenta 13 alle künstlerischen Grenzen gesprengt - und damit offenbar den Zahn der Zeit getroffen. Eine Bilanz.
 
Von hr-Kulturredakteur Rudolf Schmitz

Das Fazit der documenta-Chefin fällt überschwenglich aus. "Jeder ist glücklich, die Kasseler sind stolz auf diese documenta", sagt eine glückliche und stolze Carolyn Christov-Bakargiev. "Das sei toll. Denn als Kurator erwartet man immer Konflikte, weil zeitgenössische Kunst zu radikal, zu avantgardistisch ist", erklärt sie. Aber diese documenta sei wirklich angenommen worden: "Und die Menschen lieben die Werke im Auepark", schwärmt sie.

Die documenta 13 also ein voller Erfolg? Offenbar. "Was mir gefällt, das ist die Aue, die ist in einen Zauberpark verwandelt worden für mich, dass man jetzt überall etwas entdeckt, das finde ich sehr schön", sagt eine Besucherin stellvertretend für viele.
 
Die Kriegslist der Chefin

Dabei war der Start ziemlich schwierig. Alle fragen nach einem Konzept. Doch Carolyn Christov-Bakargiev verweigerte sich. Wie sich herausstellte, war das eine Kriegslist: Sie habe Konzept genannt, weil sonst nur darüber diskutiert worden wäre und nicht über einzelne Kunstwerke, erklärt sie nun.
 
Ein erster thematischer Schlüssel der documenta 13 war "Collapse and Recovery" - Zusammenbruch und Erneuerung. Damit konnte Christov-Bakargiev sowohl den Bezug zum kriegszerstörten Kassel herstellen als auch sich der konfliktgepeinigten Weltlage widmen. Arbeiten wie die des Amerikaners Michael Rakowitz, der die im Krieg verbrannten Bücher des Museum Fridericianum in Bamiyan-Stein nachmeißeln ließ, verbanden afghanische und deutsche Geschichte, Gegenwart und Vergangenheit. Bamiyan nämlich ist der Ort, wo die Taliban 2001 die berühmten Buddha-Statuen zerstörten.

Kunst als Heilungsprozess

"Es geht darum, dass man das Material der einen zerstörten Kultur nimmt, um eine andere zu heilen", sagt Rakowitz. Kunst als Heilungsprozess – ein großes Thema dieser documenta. Wie keine andere zuvor definierte diese Ausstellung die Kunst als Therapie, als globales Verständigungsmittel, als soziale Energie, als geistigen Impuls.

Das spürte auch Kassels ehemaliger Oberbürgermeister Hans Eichel, der Besucher durch die documenta führte: "Man lernt so viel bei einer Kunstausstellung, alleine die ungewöhnlichen Gedanken, die man vermittelt bekommt und die einen dann selbst weiter bringen, das macht Spaß", sagt er.

"Niemand ist der Nabel der Welt"

Dass Carolyn Christov-Bakargiev auch die Occupy-Bewegung willkommen hieß, die sich auf dem Friedrichsplatz breit machte, passte ins Bild dieser politisch engagierten Weltkunstschau - zumal die Aktivisten sich auch noch künstlerisch gebärdeten und eigens entworfene weiße Agitationszelte aufstellten.

Die documenta 13 machte Ernst mit der Idee der Weltkunstausstellung. In unerwarteter Weise. Nicht nur waren viele Künstler aus den Krisengebieten dieser Welt beteiligt, die Ausstellung eröffnete auch Filialen in Kabul und Kairo. Eine bewusste Geste von Christov-Bakargiev: Für sie war es ein "emotionales, politisches, ethisches Verständnis dafür, dass niemand der Nabel der Welt ist".

Mit ihrem Interesse für Ökologie, Feminismus, Philosophie, Wissenschaft, Literatur und außermenschliche Lebensformen propagierte die documenta 13 einen erweiterten Kunstbegriff, der selbst Joseph Beuys verblüfft hätte. Ihr soziales und politisches Profil war eindeutig, und vor allem: Das Publikum konnte der Kunst auf Augenhöhe begegnen. Nicht zuletzt das dürfte zum erstaunlichen Besuchererfolg der Kasseler Weltkunstschau beigetragen haben.
 

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Redaktion: aba
Letzte Aktualisierung: 7.11.2012, 15:26 Uhr
 

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