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"Ich liebe Regen" - documenta-Chefin Christov-Bakargiev in der Karlsaue. (Bild:  hr)
"Ich liebe Regen" - documenta-Chefin Christov-Bakargiev in der Karlsaue.
15.09.2012

Interview Christov-Bakargiev

Fünf Ehemänner sind zu viel

documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev spricht im hr-Gespräch darüber, wie sie ihre Kunstschau erlebte, warum sie Kassel so stark miteinbezog und ihre Schau "wundervollen Männern" gleiche.
 
Es ist nicht einfach einen Termin mit Carolyn Christov-Bakargiev zu bekommen. Nicht in diesen Tagen. Mehrere Verabredungen wurden kurzfristig verschoben. Dann kam der Anruf der Pressestelle: 'Heute oder nie'. Also eilte hr-Reporterin Maren Jost mehr oder weniger Hals über Kopf in die Karlsaue und traf dort auf eine recht entspannt wirkende documenta-Chefin.

Wie zufrieden sind Sie mit der documenta?

Carolyn Christov-Bakargiev: Ich bin sehr glücklich, es ist fantastisch. Sogar das Wetter war gut. Vor zwei Jahren sagte man mir: Oh, es wird regnen, Du kannst keine Ausstellung in der Aue machen. Und ich sagte: Mir egal, ich liebe Regen! Wir können Gummistiefel und Regenschirme verkaufen und andere Marketingprodukte. Das war natürlich nur ein Scherz. Es hat tatsächlich geregnet, aber nicht so viel. Das Wetter war ein Segen, ich bin sehr zufrieden.
 
Video: "Eine Ausstellung ist wie ein Leben" 11:33 Min
(© hr, 16.09.2012)
Und ich bin glücklich, dass das Occupy-Camp auf den Friedrichsplatz gezogen ist. Das machte ihn zu einem mittelalterlichen Platz. Ich wollte keine Kunst auf dem Friedrichsplatz haben, sondern Leben, je mehr, desto besser. Es wirkte wie eine mittelalterliche Stadt, eine Piazza mit Theater, Straßentheater, Protesten, Buchläden und Cafés. Ich bin Halbitalienerin, deshalb ist die Piazza wichtig für mich.

Und wie ist die documenta für die Kasseler?

Als Kurator für moderne Kunst erwartet man immer irgendeinen Konflikt, weil es sehr Avantgarde ist und radikal. Aber diese documenta wird sehr gut angenommen, die Menschen lieben die Arbeiten in der Karlsaue wie zum Beispiel den Penone-Baum, es ist ein Bronzebaum, neben dem ein echter Baum wächst, dazu ein Stein. Der Baum wurde vom Künstler geformt, der Stein von einem Fluss. Das Kunstwerk aber ist der gesamte Ort, an dem der Baum steht, er wird von Menschen belebt. Ich finde Spuren von Picknicks und Lagerfeuern. Ich denke, es ist ein erfolgreiches Kunstwerk, weil es die Menschen drum herum zu einer sozialen Skulptur macht.

Warum haben Sie die Stadt Kassel stärker als andere documenta-Ausstellungen miteinbezogen?

Ein Teil des Problems, im digitalen Zeitalter zu leben, ist, dass uns immer gesagt wird, dass wir allgegenwärtig sind, dass wir an mehreren Orten gleichzeitig sind, mit Internet, Smartphones und Laptops. Wir sind praktisch überall, wird uns gesagt. Aber das stimmt nicht. Vielmehr entstehen Unbehagen und Unruhe in den Menschen.

Menschen, wie alle anderen Tier- oder Pflanzenarten in der Welt, wollen wissen, wo sie sind. Sie brauchen Wurzeln, Verkörperung, Schwerkraft, etwas Gegenständliches. Für die documenta ist es noch wichtiger als früher, an dem Ort verankert zu sein, an dem sie stattfindet. Die Stadt ist auch wichtig für die documenta mit ihren 50 Ausstellungsorten und einigen sehr alten Gebäuden, die noch niemals wahrgenommen wurden. Es ist eine Entdeckungsreise in den eigenen Hinterhof.

In der Aue habe ich ein kleines, altes Haus gefunden, das vermutlich 1947 gebaut wurde. Damit ist es eines der ältesten Gebäude, die direkt nach dem 2. Weltkrieg entstanden. Es erzählt so viel aus dieser Zeit, dass ich beschloss, es für die Ausstellung zu benutzen.
 
Und so wurde es denkmalgeschützt; vorher hätte es abgerissen werden können. Jetzt beherbergt es die Arbeit von Anna Maria Maiolino, einer brasilianischen Künstlerin italienischer Abstammung, die eine Installation mit Terra, nicht Terracotta, also mit nicht gebranntem Ton im gesamten Haus gemacht hat. Es ist eine surrealistische Arbeit.
 
Ein anderes Beispiel ist das Kaskade-Kino. Als ich es fand, war es geschlossen und lag versteckt hinter einer Eisdiele und einem Schuhgeschäft. Das Kino war in den 50er Jahren von Paul Bode gebaut worden, dem Bruder von Arnold Bode, dem documenta-Gründer. Es hatte eine Wasserorgel, in den 50ern etwas Besonderes. Dieser Ort war eine Zeitkapsel aus den 50er Jahren, aus der Zeit, in der die documenta begann. Aber es gehörte nicht zur documenta, sondern es war gebaut, um die Menschen vom tragischen Alltag abzulenken.

Wir sprechen über eine Stadt, die noch zerstört war, Kassel war komplett zerbombt. Und was bauten die Menschen in dieser Zeit? Freizeitstätten, an denen man nicht über schlimme Dinge nachdenken musste, nur über das Wirtschaftswachstum nach dem Krieg, über die neue Demokratie und das neue Deutschland. Ich fand, dass diese Zeitkapsel wieder gezeigt und geöffnet werden musste. Ich entschied, dort die Arbeit von Jérôme Bel anzusiedeln. Er hat eine Theaterproduktion mit geistig behinderten Schauspielern aus der Schweiz auf die Beine gestellt. Dieses Stück ist eine Metapher der zeitgenössischen Gesellschaft und unserer Zeit. Die Schauspieler spielen vor uns, den Zuschauern, und nach wenigen Minuten fragt man sich: Wer ist krank und wer gesund? Das hat einen demütigenden Effekt auf die Zuschauer. Es war wichtig, dass dieses alternative Theater an diesem vergessenen Ort stattfand.

Ich kann Ihnen ein drittes Beispiel geben von den 50 Ausstellungsorten; es ist das Hugenottenhaus, ein geheimnisvolles Geisterhotel, übrig geblieben aus einer anderen Zeit. Wahrscheinlich besetzt in den 70ern, mit Graffitis besprüht in den 90ern, aber Architektur, Infrastruktur, Wände und Stroh hinter den Wänden sind aus der Zeit der Hugenotten. Es war bereits denkmalgeschützt, konnte nicht abgerissen werden, aber die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Niemand wollte es renovieren, niemand konnte es abreißen. Eine andere Zeitkapsel, eine Zeitmaschine, die zu uns kam.
 
Ich dachte an Theaster Gates, den ich zur documenta eingeladen hatte. Theaster ist aus Chicago, aus einer der ärmeren Gegenden, Southside. Dort hat er sich eines Hauses angenommen, das zerstört werden sollte. Mit einer Gruppe Kreativer hat er das Haus in Southside Chicago renoviert, jetzt heißt es Dorchester Project. Diese Sensibilität war genau das richtige für das Hugenottenhaus. Die Hugenotten kamen als Flüchtlinge nach Deutschland. Und Theaster brachte viele Menschen hierher, Musiker, Freunde, Künstler, und er arbeitete mit Menschen ohne Arbeit. Das ganze Haus ist eine Skulptur, eine lebendige Skulptur mit Performances und Events für die 100 Tage der documenta.

Sie bringen längst vergessene Häuser zurück ins Kasseler Bewusstsein?

Ja! Ich habe auch einige Bäume gepflanzt, weil ich Bäume mag, und als Hommage an Joseph Beuys, der viele Jahre für die documenta von großer Bedeutung war. Ich hinterlasse Spuren, aber ich denke, solche Spuren sollten immer diskret sein, und keine großen Monumente. Daran glaube ich nicht, ich bin Feministin!
 
Was ist für Sie das wichtigste Kunstwerk?

Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil ich alle Kunstwerke in der Ausstellung liebe. Es gibt natürlich spektakulärere und diskretere und versteckte. Der "Doing Nothing Garden" ist das am wenigstens spektakuläre Werk, aber es ist eines der größten. Es ist ein Berg aus Gras und Pflanzen, gebaut auf recyceltem Müll. Der erste Gedanke ist: Wir können Pflanzen auf Müll ziehen. Das wissen wir alle, wir können Kompost herstellen. Aber da ist noch was anderes.

Wir leben im Zeitalter des Bildes. Dieser Garten ist das größte Kunstwerk und das am wenigsten abgebildete in den Zeitungen. Warum? Es ist grün auf grün. Wenn man den "Doing Nothing Garden" erlebt, um ihn herum geht, neben ihm sitzt, den Kohl riecht, ist es eine unglaublich intensive Erfahrung. Aber wenn man ein Foto davon macht und es in die Zeitung setzt, sieht es nach nichts aus. Weil Bäume dahinter stehen, ist es grün auf grün und widerstrebt jeder Regel der Werbung. Für mich dreht sich das Kunstwerk um den Widerstand gegen die Digitalisierung, gegen das Facebook-Foto. Es ist ein Widerstand gegen Facebook.

Gilt das auch für William Kentridge?

Ja, William Kentridges Werk ist fantastisch. Hier geht es um ein anderes Problem des digitalen Zeitalters, und zwar die Illusion der Gleichzeitigkeit. Uns wird erzählt, dass wir überall zur gleichen Zeit sein können. Eine Reaktion auf das Problem des digitalen Zeitalters ist die Ablehnung der Zeit. Das ist der Schwerpunkt von William Kentridges Arbeit, in der er in Wirklichkeit über unsere Zeit spricht, aber es sieht aus, als ob er über das 19. Jahrhundert spricht, als die Zeit standardisiert wurde, als die Franzosen die Synchronisation durch pneumatische Uhren erreichten und alle Uhren in Paris die gleiche Zeit anzeigten.

William Kentridges Arbeit im 360°-Rundgang

William Kentridges Arbeit im 360°-Rundgang


Bis dahin war Zeit überall unterschiedlich. 12 Uhr mittags hier war nicht 12 Uhr mittags 100 Kilometer entfernt und so weiter, das hatte mit dem Sonnenstand zu tun. William Kentridges Kunstwerk handelt von der Befreiung von dieser kontrollierten Zeit, von der Kontrolle der Zeit. Ich denke, das ist eine große Herausforderung im 21. Jahrhundert für Politik, Ästhetik und Philosophie.

Es gab so viel zu sehen, dass die Besucher nicht alles sehen konnten. War das geplant, sollen sie sich einen eigenen Weg suchen?

Es ist das gleiche im Leben. Man hat doch auch nicht fünf Ehemänner, oder? Nein, aber es gibt viele wundervolle Männer da draußen, die man heiraten könnte, aber wir tun es nicht. Das Maximum sind zwei oder drei. Wie oft kann man heiraten? Eine Ausstellung ist wie ein Leben. Es ist wie in einer Buchhandlung, in der man nicht alles lesen kann. Aber man geht deswegen nicht traurig wieder raus. Man muss sich einen Weg suchen und Entscheidungen treffen. Das emanzipiert und schafft Freiheit.
 

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Redaktion: aba
Letzte Aktualisierung: 7.11.2012, 15:30 Uhr
 

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