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15.03.2011

Streitfall Biblis

Die Geschichte einer Spaltung

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AKW Biblis (Bild: )
Biblis. Der Name der Gemeinde an der Bergstraße steht wie kaum ein anderer für einen Streit, der die Republik seit Jahrzehnten spaltet. Anfang der siebziger Jahre entstand dort das größte Kernkraftwerk der Welt. Über Jahrzehnte stammte rund die Hälfte des in Hessen erzeugten Stroms aus Biblis. Kritiker warnten beharrlich vor dem Kraftwerk, Betreiber und Regierung hielten es dagegen für sicher. Doch wenige Monate nach den Atomunfällen in Fukushima steht fest: Die Ära Biblis ist zu Ende. Die Geschichte einer Spaltung.
 

Biblis: Hessens größter Stromlieferant

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 (Bild:  picture-alliance/dpa - Archiv)

Wo ist der Atommüll aus Biblis?

Gift für Generationen: Eine Bilanz.
Ein Vergleich zwischen 1995 und 2008 zeigt, dass Biblis - wenn es nicht wie 2007 wegen Sanierungsarbeiten längere Zeit vom Netz war - rund die Hälfte des in Hessen erzeugten Stroms produzierte. Ohne Biblis muss diese fehlende Strommenge derzeit aus anderen Bundesländern oder dem europäischen Ausland nach Hessen importiert werden - und künftig mittels neuer Kraftwerke bzw. Ökostrom-Anlagen nach und nach ersetzt werden.

(Alle Zahlenangaben in Millionen Kilowattstunden.)

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt
 

Vom Gurkendorf zum Hochtechnologiestandort

Als das Atomkraftwerk Biblis A 1974 ans Netz geht, wird der damalige Bürgermeister Josef Seib wie ein Volksheld gefeiert. Er hatte den Energiekonzern RWE überzeugt, das Atomkraftwerk in Biblis zu bauen, einer ländlichen Gemeinde, die zuvor hauptsächlich Gurken erzeugte. Später bekannte er in einem Interview: "Ich war damals sehr stolz dass es mir gelungen ist".

RWE, Betreiber des AKW Biblis, zögerte zunächst mit dem Bau eines Atomkraftwerks. Noch Mitte der Sechzigerjahre hatte RWE den Standpunkt vertreten, dass erst ein starkes "Anwachsen des Elektrizitätsverbrauchs" eine Voraussetzung für den Bau von Atomkraftwerken sei, da noch "erhebliche ungenutzte Kraftwerkskapazität" freistehe. 1966 war in Frimmersdorf das von RWE erbaute, mit 2300 Megawatt Leistung größte Braunkohle-Wärmekraftwerk der Welt ans Netz gegangen. Die Energieerzeugung aus Braunkohle, argumentierte RWE, habe Vorrang vor dem teuren Einstieg in die Kernenergie. Vom CO2-Ausstoß sprach damals noch niemand.

Im Bundesforschungsministerium sah man die enormen Braunkohle-Investitionen von RWE mit Sorge, da es dadurch eine Monopolstellung auf dem Energiemarkt einnahm. Als Gegenmaßnahme, bekundete das Ministerium, müsse die "Kernenergie als Konkurrenz" auf dem deutschen Markt eingeführt werden.

Im Juli 1967 erteilten Preußenelektra, deren Tochter Nordwestdeutsche Kraftwerke AG sowie die Hamburgische Electricitäts-Werke AG nahezu zeitgleich Aufträge für die Atomkraftwerke Stade und Würgassen. RWE sah sich nun kleineren Unternehmen gegenüber, die ebenfalls konkurrenzfähig billigen Strom liefern konnten. Zwei Jahre später nahm RWE die Herausforderung an – und das gleich mit einem Paukenschlag.
 
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Redaktion: than / mad
Letzte Aktualisierung: 8.08.2012, 9:15 Uhr
 
Hintergrund: Energie in Hessen
 
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut e.V.
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut ist zuständig für den Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Gegen den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke führt er folgende Argumente an:

Der Betrieb von Kernkraftwerken ist mit großen Risiken verbunden

... da Störfälle mit großer Freisetzung an radioaktiven Stoffen nie ausgeschlossen werden können. Auch in neueren deutschen Anlagen sind solche Unfälle möglich. Ältere Anlagen stehen bei Sicherheitsfragen oft hinter den neueren zurück. Unfälle mit Auswirkungen wie bei der Havarie in Tschernobyl können jedoch in allen großen Kernkraftwerken eintreten, egal wie alt sie sind.

Auch die neusten deutschen Kernkraftwerke entsprechen nicht dem aktuellen Sicherheitsstand

Es handelt sich dabei um Konzepte vom Beginn der 1980er Jahre, nach denen heute nicht mehr gebaut werden würde. Auch durch Nachrüstungen ist es nicht möglich, alle heute entsprechend dem Stand von Wissenschaft und Technik bestehenden Anforderungen zu erfüllen.

Die Kernenergie ist eine Bürde für kommende Generationen

... denn es gibt weltweit noch kein Endlager für den hochradioaktiven Abfall. Es gibt zwar technische Konzepte, wie ein solches Endlager aussehen könnte, in Deutschland ist aber noch kein geeigneter Standort ausgewählt worden. Stattdessen wird eine große Zahl von Zwischenlagern betrieben, in denen der Atommüll teils schon länger als 40 Jahre aufbewahrt wird.

Kernenergie ist keine sichere Energiequelle

... denn die Uranvorkommen werden in einigen Jahrzehnten erschöpft sein. Dies könnte nur mit einem Einstieg in die so genannte Brüter-Technologie kompensiert werden, deren Entwicklung wegen Sicherheitsproblemen sowie aus ökonomischen Gründen in Deutschland und anderen Ländern längst aufgegeben wurde. Die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ist darüber hinaus auf den Import des Brennstoffs angewiesen, der aus Kanada, Russland, Kasachstan, Australien und afrikanischen Ländern stammt.

Kernenergie ist zur Rettung des Klimas nicht geeignet

Mit Kernenergie lässt sich nur ein kleiner Teil des weltweiten Energiebedarfs decken. Eine wesentliche Erhöhung dieses Anteils würde schon an begrenzten Kapazitäten zum Bau, fehlender Infrastruktur und personeller Engpässe scheitern. Die weltweiten Uranreserven würden ebenfalls sehr schnell zur Neige gehen. Auch der Neubau von Kraftwerken macht die Atomkraft zu keinem geeigneten Klimaretter, da gleiche Investitionen in regenerative Quellen oder in effizientere Energienutzung einen größeren Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes bringen würden.

Kernkraftwerke sind teuer

... wenn sie nach heutigen Sicherheitsstandards gebaut werden. Im Vergleich zu vielen anderen Möglichkeiten der Stromproduktion ist nur der Weiterbetrieb alter Anlagen wirtschaftlich, da den hohen Baukosten relativ geringe Brennstoffkosten gegenüber stehen.
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, führte - noch vor den Atomunfällen in Japan - folgende Argumente für den Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland an:

Kernenergie stärkt unsere Wirtschaft

... denn sie sichert die Versorgung mit Strom und dämpft dessen Preisentwicklung. Davon profitieren nicht nur die gewerblichen, sondern auch die privaten Stromkunden. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wirtschaft: Die nahezu CO2-freie Kernkraft hat eine kostensenkende Wirkung auf den Handel mit Emissionszertifikaten.

Kernkraftwerke schützen das Klima

... denn neben Wasserkraft und Windenergie weist Kernkraft die mit Abstand geringsten CO2-Emissionen aller Energieträger auf. Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 ohne die Kernenergie nicht erreichen. Mit Kernkraftwerken sind die Emissionen von Treibhausgasen um acht Prozent niedriger als ohne Kernkraftwerke.

Kernenergie sorgt für eine sichere Stromversorgung und ein stabiles Stromnetz

In einer Industrienation wie Deutschland muss Strom rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit einem Beitrag von fast 50 Prozent zur Grundlast-Versorgung bleibt die Kernkraft auf absehbare Zeit eine tragende Säule unserer Stromproduktion.

Die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke ist international verbrieft

Sie erfüllen die internationalen Standards nicht nur, sondern gehen sogar darüber hinaus. Selbst ältere Anlagen haben heute ein Sicherheitsniveau, wie es die UN-Organisation IAEA für Neuanlagen empfiehlt. Das ist das Ergebnis der permanenten Modernisierung aller KKW durch die Betreiber.

Kernenergie und Erneuerbare Energien sind ideale Partner

Die Stromproduktion der Erneuerbaren schwankt, je nachdem ob der Wind weht oder die Sonne scheint. Diese Schwankungen müssen durch andere Kraftwerke ausgeglichen werden. Die dafür notwendige technische Flexibilität bieten insbesondere auch die Kernkraftwerke.

Deutschland verfügt über ein weit vorangeschrittenes Endlagerkonzept

Für schwach- und mittelaktive Abfälle wurde Schacht Konrad bei Salzgitter als Endlager genehmigt. Auch die Endlagerung hochaktiver Abfälle ist technisch gelöst. Als nächster Schritt muss die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ergebnisoffen abgeschlossen werden.

Uran ist quasi ein einheimischer Energieträger

... denn es ist leicht zu transportieren, kann beliebig lang bevorratet werden, und ein Kilogramm Natururan hat einen Energiegehalt wie 18.900 Kilogramm Steinkohle. Die weltweit bekannten Vorkommen reichen mindestens 300 Jahre, und der Anteil des Urans an den Kosten der Stromerzeugung beträgt nur rund fünf Prozent.
 
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