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15.03.2011

Streitfall Biblis

Die Geschichte einer Spaltung

Seite: 3/6

Proteststurm gegen Biblis

Der technologische Sprung über 1000 Megawatt Leistung befeuert die öffentliche Diskussion über die Risiken eines Reaktorunfalls samt Kernschmelze, insbesondere infolge eines Flugzeugabsturzes. Biblis liegt anfangs in einer Tiefflug-Übungsschneise und wird von Kampfjets häufig direkt überflogen. Dennoch hielten Politik und die mit dem Bau beauftragte Firma Siemens das Risiko eines Reaktorunfalls infolge eines Flugzeugabsturzes bei der Planung für vernachlässigbar – aufgrund der geringen Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses.

Dementsprechend hält die 60 Zentimeter dicke Stahlbeton-Kuppel von Biblis A nur rund drei Prozent der Belastung stand, die beim Aufschlag eines Kampfjets entstünde. Bei der 80 Zentimeter dicken Kuppel von Block B sind es immerhin 20 Prozent. Erst die massiver geplante Hülle von Block C hätte den Absturz eines Phantom-Kampfjets schadlos überstanden.

Doch gegen den auf 1315 MW ausgelegten Block C regt sich massiver Protest: 55.000 Menschen erheben Einwendungen, darunter rund 1.200 aus Biblis. 23 Städte, Gemeinden sowie drei Landkreise erheben ebenfalls Einspruch. Die Sicherheitsdebatte und der öffentliche Stimmungsumschwung tragen letztlich mit dazu bei, dass die Planungen für Block D im Jahr 1979 eingestellt werden. Im September 1980 zieht RWE den Bauantrag für Block C zurück. Der Streit um die Sicherheit der bestehenden Blöcke geht weiter.
 

Hunderte Pannen in 35 Jahren

Mehr als 800 Zwischenfälle – im Fachjargon "meldepflichtige Ereignisse" – hat es in den beiden Reaktorblöcken bislang gegeben: So werden z.B. 1976 abgebrochene Schraubenteile im Reaktordruckbehälter entdeckt, die zu einer Rohrverbindung mit den Hauptkühlmittelpumpen gehören. Eine "erhöhte Abgabe radioaktiver Stoffe" ist in den Folgejahren des Öfteren verzeichnet, ebenso Defekte im Kühlsystem oder in der Notstromversorgung. Am 12.10.1981 führt ein Kurzschluss auf einer Stromleitung zwischen Block A und B zum Ausfall der Eigenbedarfsversorgung.
 
Eine der schwersten Pannen versucht RWE geheim zu halten: Als die Bedienmannschaft den Reaktor im Block A am 16.12.1987 nach Reparaturarbeiten wieder anfährt, entweichen zunächst 150 Liter radioaktives Kühlwasser durch ein überlastetes Ventil ins Kraftwerk. Kurz darauf schließt sich ein Ventil im Kühlmittelkreislauf nicht. Die Kontrollleuchte bleibt auf rot, anstatt auf grün umzuspringen. Ganze 15 Stunden lang ignoriert die Bedienmannschaft das Warnlicht, hält es für einen Anzeigefehler. Als die Mitarbeiter ihren Fehler endlich bemerken, versuchen Sie ihn zu beheben, indem sie ein anderes Ventil kurz öffnen. Eine folgenschwere Fehlentscheidung, deren Auswirkungen im Sicherheitskonzept nicht bedacht sind: Mehr als 100 Liter hochradioaktives Kühlwasser entweichen als heißer Dampf in den Bereich außerhalb des Reaktor-Sicherheitsbehälters. Hätte sich auch dieses Ventil verklemmt, wären große Mengen verseuchten Kühlwassers in die Umwelt gelangt, eine Kernschmelze infolge des Kühlmittelverlustes wäre möglich gewesen. "Wir haben sagenhaftes Glück gehabt“ gab der Darmstädter Reaktorsicherheitsexperte Lothar Hahn dazu im SPIEGEL zu bedenken. Dass der gefährliche Störfall überhaupt in Deutschland bekannt wurde, war intensiven Recherchen des US-Fachmagazins Nucleonics Week zu verdanken.

Eine jahrzehntelang unbemerkte Schlamperei kommt 2006 während einer Revision ans Tageslicht: Tausende Sicherheitsdübel, die im Falle eines Erdbebens die Rohrsysteme sicher an den Wänden halten sollen, waren beim Bau des Kraftwerks falsch montiert worden. Wegen des notwendigen Austauschs von 6800 Dübeln steht Biblis rund ein Jahr lang still.
 
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Redaktion: than / mad
Letzte Aktualisierung: 8.08.2012, 9:15 Uhr
 
Hintergrund: Energie in Hessen
 
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut e.V.
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut ist zuständig für den Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Gegen den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke führt er folgende Argumente an:

Der Betrieb von Kernkraftwerken ist mit großen Risiken verbunden

... da Störfälle mit großer Freisetzung an radioaktiven Stoffen nie ausgeschlossen werden können. Auch in neueren deutschen Anlagen sind solche Unfälle möglich. Ältere Anlagen stehen bei Sicherheitsfragen oft hinter den neueren zurück. Unfälle mit Auswirkungen wie bei der Havarie in Tschernobyl können jedoch in allen großen Kernkraftwerken eintreten, egal wie alt sie sind.

Auch die neusten deutschen Kernkraftwerke entsprechen nicht dem aktuellen Sicherheitsstand

Es handelt sich dabei um Konzepte vom Beginn der 1980er Jahre, nach denen heute nicht mehr gebaut werden würde. Auch durch Nachrüstungen ist es nicht möglich, alle heute entsprechend dem Stand von Wissenschaft und Technik bestehenden Anforderungen zu erfüllen.

Die Kernenergie ist eine Bürde für kommende Generationen

... denn es gibt weltweit noch kein Endlager für den hochradioaktiven Abfall. Es gibt zwar technische Konzepte, wie ein solches Endlager aussehen könnte, in Deutschland ist aber noch kein geeigneter Standort ausgewählt worden. Stattdessen wird eine große Zahl von Zwischenlagern betrieben, in denen der Atommüll teils schon länger als 40 Jahre aufbewahrt wird.

Kernenergie ist keine sichere Energiequelle

... denn die Uranvorkommen werden in einigen Jahrzehnten erschöpft sein. Dies könnte nur mit einem Einstieg in die so genannte Brüter-Technologie kompensiert werden, deren Entwicklung wegen Sicherheitsproblemen sowie aus ökonomischen Gründen in Deutschland und anderen Ländern längst aufgegeben wurde. Die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ist darüber hinaus auf den Import des Brennstoffs angewiesen, der aus Kanada, Russland, Kasachstan, Australien und afrikanischen Ländern stammt.

Kernenergie ist zur Rettung des Klimas nicht geeignet

Mit Kernenergie lässt sich nur ein kleiner Teil des weltweiten Energiebedarfs decken. Eine wesentliche Erhöhung dieses Anteils würde schon an begrenzten Kapazitäten zum Bau, fehlender Infrastruktur und personeller Engpässe scheitern. Die weltweiten Uranreserven würden ebenfalls sehr schnell zur Neige gehen. Auch der Neubau von Kraftwerken macht die Atomkraft zu keinem geeigneten Klimaretter, da gleiche Investitionen in regenerative Quellen oder in effizientere Energienutzung einen größeren Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes bringen würden.

Kernkraftwerke sind teuer

... wenn sie nach heutigen Sicherheitsstandards gebaut werden. Im Vergleich zu vielen anderen Möglichkeiten der Stromproduktion ist nur der Weiterbetrieb alter Anlagen wirtschaftlich, da den hohen Baukosten relativ geringe Brennstoffkosten gegenüber stehen.
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, führte - noch vor den Atomunfällen in Japan - folgende Argumente für den Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland an:

Kernenergie stärkt unsere Wirtschaft

... denn sie sichert die Versorgung mit Strom und dämpft dessen Preisentwicklung. Davon profitieren nicht nur die gewerblichen, sondern auch die privaten Stromkunden. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wirtschaft: Die nahezu CO2-freie Kernkraft hat eine kostensenkende Wirkung auf den Handel mit Emissionszertifikaten.

Kernkraftwerke schützen das Klima

... denn neben Wasserkraft und Windenergie weist Kernkraft die mit Abstand geringsten CO2-Emissionen aller Energieträger auf. Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 ohne die Kernenergie nicht erreichen. Mit Kernkraftwerken sind die Emissionen von Treibhausgasen um acht Prozent niedriger als ohne Kernkraftwerke.

Kernenergie sorgt für eine sichere Stromversorgung und ein stabiles Stromnetz

In einer Industrienation wie Deutschland muss Strom rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit einem Beitrag von fast 50 Prozent zur Grundlast-Versorgung bleibt die Kernkraft auf absehbare Zeit eine tragende Säule unserer Stromproduktion.

Die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke ist international verbrieft

Sie erfüllen die internationalen Standards nicht nur, sondern gehen sogar darüber hinaus. Selbst ältere Anlagen haben heute ein Sicherheitsniveau, wie es die UN-Organisation IAEA für Neuanlagen empfiehlt. Das ist das Ergebnis der permanenten Modernisierung aller KKW durch die Betreiber.

Kernenergie und Erneuerbare Energien sind ideale Partner

Die Stromproduktion der Erneuerbaren schwankt, je nachdem ob der Wind weht oder die Sonne scheint. Diese Schwankungen müssen durch andere Kraftwerke ausgeglichen werden. Die dafür notwendige technische Flexibilität bieten insbesondere auch die Kernkraftwerke.

Deutschland verfügt über ein weit vorangeschrittenes Endlagerkonzept

Für schwach- und mittelaktive Abfälle wurde Schacht Konrad bei Salzgitter als Endlager genehmigt. Auch die Endlagerung hochaktiver Abfälle ist technisch gelöst. Als nächster Schritt muss die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ergebnisoffen abgeschlossen werden.

Uran ist quasi ein einheimischer Energieträger

... denn es ist leicht zu transportieren, kann beliebig lang bevorratet werden, und ein Kilogramm Natururan hat einen Energiegehalt wie 18.900 Kilogramm Steinkohle. Die weltweit bekannten Vorkommen reichen mindestens 300 Jahre, und der Anteil des Urans an den Kosten der Stromerzeugung beträgt nur rund fünf Prozent.
 
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