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15.03.2011

Streitfall Biblis

Die Geschichte einer Spaltung

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Im Falle eines Notfalls...

In der Sicherheitsdikussion um Biblis erhitzten vor allem zwei Aspekte die Gemüter: So war Biblis bis zur Abschaltung 2011 das einzige am Netz befindliche deutsche Atomkraftwerk ohne externe, verbunkerte Notstandswarte zur Steuerung der Reaktoren für den Notfall. Nach Angaben der Bundesregierung hatte RWE zwar bereits 1989 dem Hessischen Umweltministerium zugesagt, eine Notstandswarte in Biblis einzurichten – gebaut wurde sie nie, und bis kurz vor den Atomunfällen in Fukushima auch nicht mehr für nötig befunden: In einem Notfall könne jeder Reaktor vom anderen aus gesteuert werden, versicherte Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) noch im September 2010: "Die gegenseitige Blockstützung ist vom Sicherheitsstandard her identisch mit einer externen Notstandwarte und mit anderen Systemen zu vergleichen." Landtagsopposition und Atomkraftgegner hielten das für Augenwischerei – auch im Hinblick auf die Gefahr eines Anschlags auf beide Reaktorblöcke: Einem von Terroristen gezielt herbeigeführten Absturz eines Passagierflugzeuges könnten die Betonkuppeln von Biblis nicht standhalten.
 
Eine erste Gefahr für die Sicherheit seien auch von Terroristen eingesetzte, tragbare Raketenwerfer, berichtet eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Untersuchung der Diplom-Physikerin Oda Becker.
Panzerbrechende Waffen sind ihrem Bericht zufolge auf dem Schwarzmarkt erhältlich und können mit Gefechtsköpfen bestückt werden, die nicht nur meterdicken Stahlbeton durchschlagen, sondern auch eine Explosionstemperatur von bis zu 3000 Grad Celsius erreichen. Da sie zudem auf mehrere Kilometer Distanz zielgenau sind und eine schnelle Schussfolge ermöglichen, könnten damit beide Reaktorblöcke unmittelbar nacheinander angegriffen werden.
 

Terroranschläge und Erdbeben: Sicher oder nicht?

Noch im November 2010 gab sich Hessens Umweltministerin Puttrich (CDU) bei einem Besuch im Atomkraftwerk überzeugt, dass die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen auch im Hinblick auf Terrorangriffe ausreichten: "Das Sicherheitssystem ist so ausgereift, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine Änderung notwendig ist". Zudem verwies Gerd Jäger, Vorstand beim Betreiber RWE Power bei einem Pressetermin vor Ort auf drei Vernebelungsanlagen, die um die beiden Reaktorblöcke installiert wurden. Sie sollen im Ernstfall die Reaktorkuppeln einnebeln und so einen gezielten Flugzeugabsturz verhindern.

Im Sicherheitskonzept für Biblis seien auch Angriffe mit tragbaren Raketen berücksichtigt, bekräftigte Puttrich während einer Landtagsdebatte im November 2010: "Ein terroristischer Anschlag mittels solcher Waffen, wie der Panzerabwehrwaffe des genannten Typs, führt nicht zu einer Verletzung der einschlägigen Schutzziele." Auf Details könne sie in der öffentlichen Sitzung aus Sicherheitsgründen jedoch nicht eingehen. Auf die Frage, ob ihr das im Auftrag von Greenpeace erstellte Gutachten bekannt sei, antwortete Puttrich: „Ich kann mich auf das Gutachten, das Sie gerade genannt haben, nicht beziehen.“
 
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Redaktion: than / mad
Letzte Aktualisierung: 8.08.2012, 9:15 Uhr
 
Hintergrund: Energie in Hessen
 
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut e.V.
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut ist zuständig für den Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Gegen den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke führt er folgende Argumente an:

Der Betrieb von Kernkraftwerken ist mit großen Risiken verbunden

... da Störfälle mit großer Freisetzung an radioaktiven Stoffen nie ausgeschlossen werden können. Auch in neueren deutschen Anlagen sind solche Unfälle möglich. Ältere Anlagen stehen bei Sicherheitsfragen oft hinter den neueren zurück. Unfälle mit Auswirkungen wie bei der Havarie in Tschernobyl können jedoch in allen großen Kernkraftwerken eintreten, egal wie alt sie sind.

Auch die neusten deutschen Kernkraftwerke entsprechen nicht dem aktuellen Sicherheitsstand

Es handelt sich dabei um Konzepte vom Beginn der 1980er Jahre, nach denen heute nicht mehr gebaut werden würde. Auch durch Nachrüstungen ist es nicht möglich, alle heute entsprechend dem Stand von Wissenschaft und Technik bestehenden Anforderungen zu erfüllen.

Die Kernenergie ist eine Bürde für kommende Generationen

... denn es gibt weltweit noch kein Endlager für den hochradioaktiven Abfall. Es gibt zwar technische Konzepte, wie ein solches Endlager aussehen könnte, in Deutschland ist aber noch kein geeigneter Standort ausgewählt worden. Stattdessen wird eine große Zahl von Zwischenlagern betrieben, in denen der Atommüll teils schon länger als 40 Jahre aufbewahrt wird.

Kernenergie ist keine sichere Energiequelle

... denn die Uranvorkommen werden in einigen Jahrzehnten erschöpft sein. Dies könnte nur mit einem Einstieg in die so genannte Brüter-Technologie kompensiert werden, deren Entwicklung wegen Sicherheitsproblemen sowie aus ökonomischen Gründen in Deutschland und anderen Ländern längst aufgegeben wurde. Die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ist darüber hinaus auf den Import des Brennstoffs angewiesen, der aus Kanada, Russland, Kasachstan, Australien und afrikanischen Ländern stammt.

Kernenergie ist zur Rettung des Klimas nicht geeignet

Mit Kernenergie lässt sich nur ein kleiner Teil des weltweiten Energiebedarfs decken. Eine wesentliche Erhöhung dieses Anteils würde schon an begrenzten Kapazitäten zum Bau, fehlender Infrastruktur und personeller Engpässe scheitern. Die weltweiten Uranreserven würden ebenfalls sehr schnell zur Neige gehen. Auch der Neubau von Kraftwerken macht die Atomkraft zu keinem geeigneten Klimaretter, da gleiche Investitionen in regenerative Quellen oder in effizientere Energienutzung einen größeren Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes bringen würden.

Kernkraftwerke sind teuer

... wenn sie nach heutigen Sicherheitsstandards gebaut werden. Im Vergleich zu vielen anderen Möglichkeiten der Stromproduktion ist nur der Weiterbetrieb alter Anlagen wirtschaftlich, da den hohen Baukosten relativ geringe Brennstoffkosten gegenüber stehen.
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, führte - noch vor den Atomunfällen in Japan - folgende Argumente für den Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland an:

Kernenergie stärkt unsere Wirtschaft

... denn sie sichert die Versorgung mit Strom und dämpft dessen Preisentwicklung. Davon profitieren nicht nur die gewerblichen, sondern auch die privaten Stromkunden. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wirtschaft: Die nahezu CO2-freie Kernkraft hat eine kostensenkende Wirkung auf den Handel mit Emissionszertifikaten.

Kernkraftwerke schützen das Klima

... denn neben Wasserkraft und Windenergie weist Kernkraft die mit Abstand geringsten CO2-Emissionen aller Energieträger auf. Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 ohne die Kernenergie nicht erreichen. Mit Kernkraftwerken sind die Emissionen von Treibhausgasen um acht Prozent niedriger als ohne Kernkraftwerke.

Kernenergie sorgt für eine sichere Stromversorgung und ein stabiles Stromnetz

In einer Industrienation wie Deutschland muss Strom rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit einem Beitrag von fast 50 Prozent zur Grundlast-Versorgung bleibt die Kernkraft auf absehbare Zeit eine tragende Säule unserer Stromproduktion.

Die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke ist international verbrieft

Sie erfüllen die internationalen Standards nicht nur, sondern gehen sogar darüber hinaus. Selbst ältere Anlagen haben heute ein Sicherheitsniveau, wie es die UN-Organisation IAEA für Neuanlagen empfiehlt. Das ist das Ergebnis der permanenten Modernisierung aller KKW durch die Betreiber.

Kernenergie und Erneuerbare Energien sind ideale Partner

Die Stromproduktion der Erneuerbaren schwankt, je nachdem ob der Wind weht oder die Sonne scheint. Diese Schwankungen müssen durch andere Kraftwerke ausgeglichen werden. Die dafür notwendige technische Flexibilität bieten insbesondere auch die Kernkraftwerke.

Deutschland verfügt über ein weit vorangeschrittenes Endlagerkonzept

Für schwach- und mittelaktive Abfälle wurde Schacht Konrad bei Salzgitter als Endlager genehmigt. Auch die Endlagerung hochaktiver Abfälle ist technisch gelöst. Als nächster Schritt muss die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ergebnisoffen abgeschlossen werden.

Uran ist quasi ein einheimischer Energieträger

... denn es ist leicht zu transportieren, kann beliebig lang bevorratet werden, und ein Kilogramm Natururan hat einen Energiegehalt wie 18.900 Kilogramm Steinkohle. Die weltweit bekannten Vorkommen reichen mindestens 300 Jahre, und der Anteil des Urans an den Kosten der Stromerzeugung beträgt nur rund fünf Prozent.
 
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