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15.03.2011

Streitfall Biblis

Die Geschichte einer Spaltung

AKW Biblis (Bild: )
Biblis. Der Name der Gemeinde an der Bergstraße steht wie kaum ein anderer für einen Streit, der die Republik seit Jahrzehnten spaltet. Anfang der siebziger Jahre entstand dort das größte Kernkraftwerk der Welt. Über Jahrzehnte stammte rund die Hälfte des in Hessen erzeugten Stroms aus Biblis. Kritiker warnten beharrlich vor dem Kraftwerk, Betreiber und Regierung hielten es dagegen für sicher. Doch wenige Monate nach den Atomunfällen in Fukushima steht fest: Die Ära Biblis ist zu Ende. Die Geschichte einer Spaltung.
 

Biblis: Hessens größter Stromlieferant

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 (Bild:  picture-alliance/dpa - Archiv)

Wo ist der Atommüll aus Biblis?

Gift für Generationen: Eine Bilanz.
Ein Vergleich zwischen 1995 und 2008 zeigt, dass Biblis - wenn es nicht wie 2007 wegen Sanierungsarbeiten längere Zeit vom Netz war - rund die Hälfte des in Hessen erzeugten Stroms produzierte. Ohne Biblis muss diese fehlende Strommenge derzeit aus anderen Bundesländern oder dem europäischen Ausland nach Hessen importiert werden - und künftig mittels neuer Kraftwerke bzw. Ökostrom-Anlagen nach und nach ersetzt werden.

(Alle Zahlenangaben in Millionen Kilowattstunden.)

Quelle: Hessisches Statistisches Landesamt
 

Vom Gurkendorf zum Hochtechnologiestandort

Als das Atomkraftwerk Biblis A 1974 ans Netz geht, wird der damalige Bürgermeister Josef Seib wie ein Volksheld gefeiert. Er hatte den Energiekonzern RWE überzeugt, das Atomkraftwerk in Biblis zu bauen, einer ländlichen Gemeinde, die zuvor hauptsächlich Gurken erzeugte. Später bekannte er in einem Interview: "Ich war damals sehr stolz dass es mir gelungen ist".

RWE, Betreiber des AKW Biblis, zögerte zunächst mit dem Bau eines Atomkraftwerks. Noch Mitte der Sechzigerjahre hatte RWE den Standpunkt vertreten, dass erst ein starkes "Anwachsen des Elektrizitätsverbrauchs" eine Voraussetzung für den Bau von Atomkraftwerken sei, da noch "erhebliche ungenutzte Kraftwerkskapazität" freistehe. 1966 war in Frimmersdorf das von RWE erbaute, mit 2300 Megawatt Leistung größte Braunkohle-Wärmekraftwerk der Welt ans Netz gegangen. Die Energieerzeugung aus Braunkohle, argumentierte RWE, habe Vorrang vor dem teuren Einstieg in die Kernenergie. Vom CO2-Ausstoß sprach damals noch niemand.

Im Bundesforschungsministerium sah man die enormen Braunkohle-Investitionen von RWE mit Sorge, da es dadurch eine Monopolstellung auf dem Energiemarkt einnahm. Als Gegenmaßnahme, bekundete das Ministerium, müsse die "Kernenergie als Konkurrenz" auf dem deutschen Markt eingeführt werden.

Im Juli 1967 erteilten Preußenelektra, deren Tochter Nordwestdeutsche Kraftwerke AG sowie die Hamburgische Electricitäts-Werke AG nahezu zeitgleich Aufträge für die Atomkraftwerke Stade und Würgassen. RWE sah sich nun kleineren Unternehmen gegenüber, die ebenfalls konkurrenzfähig billigen Strom liefern konnten. Zwei Jahre später nahm RWE die Herausforderung an – und das gleich mit einem Paukenschlag.
 
Einfach für alle. Der Rundfunkbeitrag.
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Das größte Atomkraftwerk der Welt

Video: Bürgerinitiative gegen Biblis 2:11 Min
(© hessenschau, 12.12.1973)

Hintergrund

Das erste, 1958 bei Kahl am Main erbaute Versuchsatomkraftwerk lieferte nur 16 Megawatt (MW) Energie; die größten deutschen Anlagen vor Biblis kamen immerhin auf bis zu 700 MW.
Mit der Bestellung von Biblis A sichert sich RWE im Jahr 1969 auch im Bereich der Kernenergie die Führung auf dem deutschen Energiemarkt – und es beginnt "das größte Experiment zur Erzeugung von Atomstrom im Bundesgebiet", wie es ein Reporter der hessenschau formuliert: Der auf 1225 Megawatt ausgelegte Reaktor ist zu dieser Zeit weltweit einzigartig; Erfahrungen mit einem Atomkraftwerk vergleichbarer Leistung gibt es nicht.

Grünes Licht für den Probebetrieb des neuen Mega-Reaktors gibt der damalige hessische Minister für Wirtschaft und Technik Heinz Herbert Karry im Juli 1974. Nicht nur er hat die Hoffnung, dass die Inbetriebnahme von Block A die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ein gutes Stück voranbringen würde. Auch viele Einwohner von Biblis und Umgebung sind stolz auf die Errungenschaft, zumal viele davon profitieren: „Das war eine neue Technik, eine neue Art der Stromerzeugung. Das hatte natürlich die Bevölkerung begeistert, zumal auch sehr viele Landwirte dort Gelände hatten, wo der Kraftwerkstandort zu errichten war“ erinnert sich der spätere Bürgermeister von Biblis, Alfred Kappel, in einem Radiointerview an die damalige Situation.

Mehr als ein Drittel der anfangs rund 500 Beschäftigten des Kraftwerks kommt aus Biblis und Umgebung. Die Steuereinnahmen der Gemeinde verfünffachen sich - auf rund drei Millionen Mark jährlich. Zudem spendiert RWE großzügige Beträge für Jugendzentrum und Vereine.
 

Die Spaltung beginnt

Kritische Stimmen gegen Biblis gibt es anfangs kaum: Nur ein Bürger wehrt sich mit einer Einwendung gegen den Genehmigungsantrag von Block A. Gegen die Genehmigung des mit 1300 MW noch stärkeren Blocks B im Jahr 1971 erheben lediglich acht Bürger Einwendungen. Auch die Presse hält sich mit kritischen Artikeln jahrelang zurück, wie eine 1974 vom Bundesforschungsministerium veranlasste Studie belegt: In nur 123 von 20.000 analysierten Zeitungsartikeln aus den Jahren 1970 bis 74 werden Bedenken gegen die Technologie geäußert oder Bürgerinitiativen erwähnt.

Als 1973 bekannt wird, dass RWE zwei weitere Reaktorblöcke in Biblis plant und das Land dafür bereits von Anfang an mit erworben hat, setzen sich Bürgerinitiativen und Umweltverbände gegen den geplanten Block C zur Wehr. Sogar für einen umgehenden Baustopp der Blöcke A und B bekommen sie 2000 Unterschriften zusammen.
 

Erste Panne nach zehn Wochen

Hintergrund

Anti-Atomkraft-Bewegung

Anfang der Siebzigerjahre fordern Bundesregierung und Energieversorger den Bau weiterer Atomkraftwerke. Mitte der Siebziger beginnt sich bundesweit die Anti-Atomkraft-Bewegung zu formieren. Zum ersten Massenprotest gegen Atomenergie kommt es im Februar 1975 am Bauplatz des geplanten AKW in Wyhl.
Dennoch nimmt Block A am 16. Juli 1974 mit dem Beginn der Kernspaltung den Probebetrieb auf. Am 26. Februar 1975 leitet RWE die kommerzielle Stromerzeugung in Biblis ein und stellt kurz darauf Genehmigungsanträge für die Blöcke C und D. Der zu dieser Zeit noch im Bau befindliche Block B nimmt erst 1977 den kommerziellen Betrieb auf.

Schon wenige Wochen, nachdem Block A offiziell ans Netz ging, trifft am 6. Mai 1975 die erste Meldung beim Bundesamt für Strahlenschutz ein: "Risse am Sekundär-Speisewasserbehälter" von Block A. Im Juni wird ein Leck am selben Behälter festgestellt. Im gleichen Monat macht Werner Twardzik, damals Fraktionsvorsitzender der SPD in Biblis mit einer dreisten Aktion auf das Risiko vom Sabotage aufmerksam: Er kommt mit einer Panzerfaust-Attrappe im Gepäck zu einer Gesprächsrunde ins Atomkraftwerk und präsentiert sie vor den Teilnehmern.
 

Proteststurm gegen Biblis

Der technologische Sprung über 1000 Megawatt Leistung befeuert die öffentliche Diskussion über die Risiken eines Reaktorunfalls samt Kernschmelze, insbesondere infolge eines Flugzeugabsturzes. Biblis liegt anfangs in einer Tiefflug-Übungsschneise und wird von Kampfjets häufig direkt überflogen. Dennoch hielten Politik und die mit dem Bau beauftragte Firma Siemens das Risiko eines Reaktorunfalls infolge eines Flugzeugabsturzes bei der Planung für vernachlässigbar – aufgrund der geringen Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses.

Dementsprechend hält die 60 Zentimeter dicke Stahlbeton-Kuppel von Biblis A nur rund drei Prozent der Belastung stand, die beim Aufschlag eines Kampfjets entstünde. Bei der 80 Zentimeter dicken Kuppel von Block B sind es immerhin 20 Prozent. Erst die massiver geplante Hülle von Block C hätte den Absturz eines Phantom-Kampfjets schadlos überstanden.

Doch gegen den auf 1315 MW ausgelegten Block C regt sich massiver Protest: 55.000 Menschen erheben Einwendungen, darunter rund 1.200 aus Biblis. 23 Städte, Gemeinden sowie drei Landkreise erheben ebenfalls Einspruch. Die Sicherheitsdebatte und der öffentliche Stimmungsumschwung tragen letztlich mit dazu bei, dass die Planungen für Block D im Jahr 1979 eingestellt werden. Im September 1980 zieht RWE den Bauantrag für Block C zurück. Der Streit um die Sicherheit der bestehenden Blöcke geht weiter.
 

Hunderte Pannen in 35 Jahren

Mehr als 800 Zwischenfälle – im Fachjargon "meldepflichtige Ereignisse" – hat es in den beiden Reaktorblöcken bislang gegeben: So werden z.B. 1976 abgebrochene Schraubenteile im Reaktordruckbehälter entdeckt, die zu einer Rohrverbindung mit den Hauptkühlmittelpumpen gehören. Eine "erhöhte Abgabe radioaktiver Stoffe" ist in den Folgejahren des Öfteren verzeichnet, ebenso Defekte im Kühlsystem oder in der Notstromversorgung. Am 12.10.1981 führt ein Kurzschluss auf einer Stromleitung zwischen Block A und B zum Ausfall der Eigenbedarfsversorgung.
 
Eine der schwersten Pannen versucht RWE geheim zu halten: Als die Bedienmannschaft den Reaktor im Block A am 16.12.1987 nach Reparaturarbeiten wieder anfährt, entweichen zunächst 150 Liter radioaktives Kühlwasser durch ein überlastetes Ventil ins Kraftwerk. Kurz darauf schließt sich ein Ventil im Kühlmittelkreislauf nicht. Die Kontrollleuchte bleibt auf rot, anstatt auf grün umzuspringen. Ganze 15 Stunden lang ignoriert die Bedienmannschaft das Warnlicht, hält es für einen Anzeigefehler. Als die Mitarbeiter ihren Fehler endlich bemerken, versuchen Sie ihn zu beheben, indem sie ein anderes Ventil kurz öffnen. Eine folgenschwere Fehlentscheidung, deren Auswirkungen im Sicherheitskonzept nicht bedacht sind: Mehr als 100 Liter hochradioaktives Kühlwasser entweichen als heißer Dampf in den Bereich außerhalb des Reaktor-Sicherheitsbehälters. Hätte sich auch dieses Ventil verklemmt, wären große Mengen verseuchten Kühlwassers in die Umwelt gelangt, eine Kernschmelze infolge des Kühlmittelverlustes wäre möglich gewesen. "Wir haben sagenhaftes Glück gehabt“ gab der Darmstädter Reaktorsicherheitsexperte Lothar Hahn dazu im SPIEGEL zu bedenken. Dass der gefährliche Störfall überhaupt in Deutschland bekannt wurde, war intensiven Recherchen des US-Fachmagazins Nucleonics Week zu verdanken.

Eine jahrzehntelang unbemerkte Schlamperei kommt 2006 während einer Revision ans Tageslicht: Tausende Sicherheitsdübel, die im Falle eines Erdbebens die Rohrsysteme sicher an den Wänden halten sollen, waren beim Bau des Kraftwerks falsch montiert worden. Wegen des notwendigen Austauschs von 6800 Dübeln steht Biblis rund ein Jahr lang still.
 

Im Falle eines Notfalls...

In der Sicherheitsdikussion um Biblis erhitzten vor allem zwei Aspekte die Gemüter: So war Biblis bis zur Abschaltung 2011 das einzige am Netz befindliche deutsche Atomkraftwerk ohne externe, verbunkerte Notstandswarte zur Steuerung der Reaktoren für den Notfall. Nach Angaben der Bundesregierung hatte RWE zwar bereits 1989 dem Hessischen Umweltministerium zugesagt, eine Notstandswarte in Biblis einzurichten – gebaut wurde sie nie, und bis kurz vor den Atomunfällen in Fukushima auch nicht mehr für nötig befunden: In einem Notfall könne jeder Reaktor vom anderen aus gesteuert werden, versicherte Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) noch im September 2010: "Die gegenseitige Blockstützung ist vom Sicherheitsstandard her identisch mit einer externen Notstandwarte und mit anderen Systemen zu vergleichen." Landtagsopposition und Atomkraftgegner hielten das für Augenwischerei – auch im Hinblick auf die Gefahr eines Anschlags auf beide Reaktorblöcke: Einem von Terroristen gezielt herbeigeführten Absturz eines Passagierflugzeuges könnten die Betonkuppeln von Biblis nicht standhalten.
 
Eine erste Gefahr für die Sicherheit seien auch von Terroristen eingesetzte, tragbare Raketenwerfer, berichtet eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Untersuchung der Diplom-Physikerin Oda Becker.
Panzerbrechende Waffen sind ihrem Bericht zufolge auf dem Schwarzmarkt erhältlich und können mit Gefechtsköpfen bestückt werden, die nicht nur meterdicken Stahlbeton durchschlagen, sondern auch eine Explosionstemperatur von bis zu 3000 Grad Celsius erreichen. Da sie zudem auf mehrere Kilometer Distanz zielgenau sind und eine schnelle Schussfolge ermöglichen, könnten damit beide Reaktorblöcke unmittelbar nacheinander angegriffen werden.
 

Terroranschläge und Erdbeben: Sicher oder nicht?

Noch im November 2010 gab sich Hessens Umweltministerin Puttrich (CDU) bei einem Besuch im Atomkraftwerk überzeugt, dass die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen auch im Hinblick auf Terrorangriffe ausreichten: "Das Sicherheitssystem ist so ausgereift, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine Änderung notwendig ist". Zudem verwies Gerd Jäger, Vorstand beim Betreiber RWE Power bei einem Pressetermin vor Ort auf drei Vernebelungsanlagen, die um die beiden Reaktorblöcke installiert wurden. Sie sollen im Ernstfall die Reaktorkuppeln einnebeln und so einen gezielten Flugzeugabsturz verhindern.

Im Sicherheitskonzept für Biblis seien auch Angriffe mit tragbaren Raketen berücksichtigt, bekräftigte Puttrich während einer Landtagsdebatte im November 2010: "Ein terroristischer Anschlag mittels solcher Waffen, wie der Panzerabwehrwaffe des genannten Typs, führt nicht zu einer Verletzung der einschlägigen Schutzziele." Auf Details könne sie in der öffentlichen Sitzung aus Sicherheitsgründen jedoch nicht eingehen. Auf die Frage, ob ihr das im Auftrag von Greenpeace erstellte Gutachten bekannt sei, antwortete Puttrich: „Ich kann mich auf das Gutachten, das Sie gerade genannt haben, nicht beziehen.“
 
Ein anderes, im Auftrag des Bundesumweltministeriums vom Darmstädter Öko-Institut im Jahr 2010 erstelltes Gutachten analysierte 210 von der Ärzteorganisation IPPNW beanstandete Sicherheitsdefizite in Biblis B. Das Ergebnis: Nicht alle Beanstandungen seien haltbar, jedoch seien mindestens 80 davon "sicherheitstechnisch relevant" - etwa beim Notstandssystem, beim Schutz gegen Erdbeben, Überflutung und bei der Notstromversorgung.
In einer Landtagsdebatte zur Sicherheit des Kraftwerks im September 2010 verwies Puttrich auf die mangelnde Aktualität des Gutachtens: "Ich lege Wert darauf, zu betonen, dass das Gutachten nicht auf der Grundlage einer aktuellen technischen Anlagenüberprüfung erstellt wurde," worauf das Institut im Gutachten selbst hingewiesen habe: "Die Ergebnisse sind durchgängig unter dem Vorbehalt einer möglicherweise nicht in allen Punkten vollständigen aktuellen Informationslage zu sehen" zitierte sie.
 

Totgesagte leben länger

Rückblick: Im Jahr 2000 vereinbarten die damalige rot-grüne Bundesregierung und die großen Energieversorgunger im so genannten Atomkonsens das Ende der Atomenergie-Epoche mit den einleitenden Worten: "Der Streit um die Verantwortbarkeit der Kernenergie hat in unserem Land über Jahrzehnte hinweg zu heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen in der Gesellschaft geführt. Unbeschadet der nach wie vor unterschiedlichen Haltung zur Nutzung der Kernenergie respektieren die Energieversorgungsunternehmen die Entscheidung der Bundesregierung, die Stromerzeugung aus Kernenergie geordnet beenden zu wollen."

Für jeden Reaktor legte das Gesetz Reststrommengen fest: Sobald ein Reaktor die zugeteilte Strommenge erzeugt hat, sollte er abgeschaltet werden. Die im Atomkonsens für Biblis A vorgesehene Reststrommenge wäre bei normalem Betrieb rein rechnerisch im Jahr 2008 verbraucht gewesen – somit hätte Biblis als erstes der 17 noch laufenden deutschen AKW seinen Betrieb einstellen müssen.

Doch während die Atomkraft-Gegner schon dem Ende der beharrlich bekämpften Technologie in Biblis entgegensehen, stellen Unionspolitiker den Atomausstieg grundsätzlich in Frage. Hessens damaliger Ministerpräsident Roland Koch bekundet 2004, es sei "ideologischer Unsinn, einfach abzuschalten." Derweil unternimmt RWE alles, um das Kraftwerk bis zur nächsten Bundestagswahl im September 2009 betreiben zu können: RWE beantragt, Strommengen des stillgelegten AKW Mühlheim-Kärlich auf Biblis A zu übertragen. Als Bundesumweltminister Siegmar Gabriel den Antrag 2006 ablehnt, klagt RWE vor Gericht – allerdings erfolglos. Im Herbst 2008 kündigt RWE an, dass Biblis A für Wartungsarbeiten ab Februar 2009 bis Mitte September abgeschaltet werde. Die verbleibende Reststrommenge kann dank diesem Schachzug zunächst noch bis ins Jahr 2010 produziert werden.
 

Ausstieg aus dem Ausstieg: Strategiepapier aus Hessen

Am 30. September 2009, drei Tage nach der für CDU und FDP erfolgreich verlaufenen Bundestagswahl, wird ein Brief an Bundeskanzlerin Merkel abgeschickt: Die Blaupause für den Ausstieg aus dem Atomausstieg, betitelt als "Strategie- und Schrittfolgepapier Kernenergie" - unterzeichnet von Hessens damaligem Ministerpräsident Koch und seinem Amtskollegen Oettinger aus Baden-Württemberg. "Ja, es gab sicher eine Art Vorreiterrolle der beiden Länder“, bestätigte Kochs Staatssekretär a.D., Dirk Metz, gegenüber hr-online in Bezug den von Greenpeace veröffentlichten Brief. Darin finden sich detaillierte Vorschläge, wie der neue Atomkurs zunächst mittels eines "Gentlemen`s Agreement" zwischen Regierung und Energieversorgern in seinen Grundzügen vereinbart, und später in Gesetzesform gebracht werden könne.

Die voraussichtliche Abschaltung von Biblis A und dem baden-württembergischen Reaktor Neckarwestheim 1 im Jahr 2010 heben die Autoren besonders hervor – und drängen auf Eile: "Aufgrund der aus der jetzigen Sachlage für die Anlagen GKN 1 (Neckarwestheim) und Biblis A müssen entsprechende Maßnahmen zeitnah umgesetzt werden."

Anfang September 2010 verhandeln Bundesregierung und Energieversorger in nächtlicher Runde via Schaltkonferenz im Kanzleramt über die Laufzeitverlängerung. Heraus kommt der umstrittene "Atomdeal", offiziell als Förderfondsvertrag bezeichnet. Erst auf starken öffentlichen Druck und massiver Kritik der Opposition im Bundestag stellt die Bundesregierung den Vertrag ins Internet, bestreitet zugleich alle Vorwürfe von Geheimabsprachen oder Vertuschung.
 

Aus für Biblis

Hintergrund

Der Ausstieg

Bis Ende 2022 soll auch das letzte AKW vom Netz gehen. Die maximale Laufzeit wird auf 32 Jahre begrenzt. Die drei neuesten AKW Neckarwestheim II, Isar II und Emsland dürfen bis 2022 produzieren.
Die sieben ältesten Meiler, die im Zuge des Moratoriums abgeschaltet wurden, bleiben vom Netz - also auch Biblis.
Noch Mitte Februar 2011 schien der Weiterbetrieb des Kraftwerks gesichert: RWE bestätigte Angaben des Hessischen Umweltministeriums, wonach das Unternehmen unter anderem in die Erdbebensicherheit investieren muss. Damit würden die Forderungen für eine Laufzeitverlängerung erfüllt, erklärte Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU). Das Geld sollte noch 2011 investiert werden. Laut RWE war vorgesehen, unter anderem Kabelführungen und Hebebühnen fester zu verankern. Außerdem waren Verbesserungen im Brandschutz geplant.

Die Atomkatastrophe am 11. März 2011 in Japan veränderte alles: Zunächst verkündeten Kanzlerin Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder mit Atomkraftwerken eine Aussetzung der Laufzeitverlängerung. Bis zum 15. Juni wurden alle Atomkraftwerke, die vor 1980 gebaut worden waren, außer Betrieb gesetzt. Davon betroffen sind bundesweit sieben Reaktoren, auch Biblis A und B. Das Moratorium sollte zur Sicherheitsüberprüfung genutzt werden.

Fukushima wirkte aber nach. CDU, CSU und FDP verständigten sich am 29. Mai 2011 auf einen Atomausstieg bis 2022. Die stillgelegten Alt-Meiler sollen gar nicht mehr ans Netz – und damit auch Biblis A. Eine Option gab es allerdings für Biblis B: Für den Fall von Stromversorgungsengpässen im süddeutschen Raum war zeitweise die Wiederinbetriebnahme dieses Meilers als Reserve im Gespräch. In Hessen hatten sich Regierung und Opposition jedoch gegen eine Nutzung von Biblis B als so genannte "Kaltreserve" gewandt. Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) sagte Mitte August 2011, ein solches Kraftwerk wieder ans Netz zu nehmen sei nicht vermittelbar, denn: "mit dem Atomausstieg ist vereinbart worden, alte Kernkraftwerke abzuschalten."
 

Mehr zum Thema

 (Bild:  picture-alliance/dpa - Archiv)

Gift für Generationen

Wo sind eigentlich die Tausenden von Tonnen Atommüll aus Biblis gelandet? Eine Bilanz.

Am 31. August 2011 entschied die Bundesnetzagentur, dass Biblis B nicht als Kaltreserve genutzt wird - und besiegelte damit das endgültige Aus des umstrittenen Atomkraftwerks. Betreiber RWE erklärte nach der Entscheidung, nun werde der Rückbau vorbereitet. In einigen Jahrzehnten, nach Auflösung des Atommüll-Zwischenlagers und Abriss des Kraftwerks, wird vielleicht wieder Gras auf dem Gelände wachsen - fast wie einst, als Biblis noch ein Gurkendorf war.
Doch das strahlende Erbe aus Biblis wird noch Jahrhunderte lang nachfolgende Generationen begleiten: Ein Endlager für tausende Tonnen hochradioaktiver Abfälle aus deutschen Atomkraftwerken ist nach wie vor nicht gefunden.
 

Antrag zum Rückbau von Biblis

Am 6. August 2011 trat die 13. Novelle des Atomgesetzes in Kraft; damit wurde die dauerhafte Einstellung des Leistungsbetriebes für Biblis A und B rechtsverbindlich. Nach Auskunft des Hessischen Umweltministeriums (HMUELV) befindet sich das Atomkraftwerk seitdem rechtlich gesehen in der so genannten Nachbetriebsphase, die gemäß bisherigen Planungen von RWE bis 2015 andauern soll. Während der Nachbetriebsphase sollen die Brennelemente aus den Reaktorgebäuden A und B entfernt und in das Standortzwischenlager verbracht werden.
Zur endgültigen Stillegung und zum Rückbau des Atomkraftwerks sind Genehmigungsverfahren mit Erörterungstermin und Umweltverträglichkeitprüfung erforderlich. Diese sollen laut HMUELV bis 2015 abgeschlossen sein. Nach einer Prognose des Umweltministeriums vom Februar 2012 könnten im Jahr 2016 die Abrissarbeiten am Reaktorgebäude beginnen. Von 2013 an könnte nach Ansicht des Ministeriums jedoch bereits mit dem Abbruch der nicht-nuklearen Teile begonnen werden, darunter dem Maschinenhaus und der Turbine. Zu den ersten Schritten gehöre auch die Dekontaminierung des Primärkreislaufs des AKWs.

Der Energiekonzern RWE hat am 6. August 2012 offiziell die Stilllegung und zugleich den Abbau des Atomkraftwerks Biblis beim hessischen Umweltministerium beantragt.

Die Abrissarbeiten werden laut HMUELV voraussichtlich 20 Jahre andauern. Im Jahr 2036 könnte das Kraftwerk also von der Bildfläche verschwunden sein - rund 65 Jahre nach dem ersten Spatenstich.

Von Martin Kania
 
Redaktion: than / mad
Letzte Aktualisierung: 27.11.2013, 9:15 Uhr
 
Hintergrund: Energie in Hessen
 
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut e.V.
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut ist zuständig für den Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Gegen den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke führt er folgende Argumente an:

Der Betrieb von Kernkraftwerken ist mit großen Risiken verbunden

... da Störfälle mit großer Freisetzung an radioaktiven Stoffen nie ausgeschlossen werden können. Auch in neueren deutschen Anlagen sind solche Unfälle möglich. Ältere Anlagen stehen bei Sicherheitsfragen oft hinter den neueren zurück. Unfälle mit Auswirkungen wie bei der Havarie in Tschernobyl können jedoch in allen großen Kernkraftwerken eintreten, egal wie alt sie sind.

Auch die neusten deutschen Kernkraftwerke entsprechen nicht dem aktuellen Sicherheitsstand

Es handelt sich dabei um Konzepte vom Beginn der 1980er Jahre, nach denen heute nicht mehr gebaut werden würde. Auch durch Nachrüstungen ist es nicht möglich, alle heute entsprechend dem Stand von Wissenschaft und Technik bestehenden Anforderungen zu erfüllen.

Die Kernenergie ist eine Bürde für kommende Generationen

... denn es gibt weltweit noch kein Endlager für den hochradioaktiven Abfall. Es gibt zwar technische Konzepte, wie ein solches Endlager aussehen könnte, in Deutschland ist aber noch kein geeigneter Standort ausgewählt worden. Stattdessen wird eine große Zahl von Zwischenlagern betrieben, in denen der Atommüll teils schon länger als 40 Jahre aufbewahrt wird.

Kernenergie ist keine sichere Energiequelle

... denn die Uranvorkommen werden in einigen Jahrzehnten erschöpft sein. Dies könnte nur mit einem Einstieg in die so genannte Brüter-Technologie kompensiert werden, deren Entwicklung wegen Sicherheitsproblemen sowie aus ökonomischen Gründen in Deutschland und anderen Ländern längst aufgegeben wurde. Die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ist darüber hinaus auf den Import des Brennstoffs angewiesen, der aus Kanada, Russland, Kasachstan, Australien und afrikanischen Ländern stammt.

Kernenergie ist zur Rettung des Klimas nicht geeignet

Mit Kernenergie lässt sich nur ein kleiner Teil des weltweiten Energiebedarfs decken. Eine wesentliche Erhöhung dieses Anteils würde schon an begrenzten Kapazitäten zum Bau, fehlender Infrastruktur und personeller Engpässe scheitern. Die weltweiten Uranreserven würden ebenfalls sehr schnell zur Neige gehen. Auch der Neubau von Kraftwerken macht die Atomkraft zu keinem geeigneten Klimaretter, da gleiche Investitionen in regenerative Quellen oder in effizientere Energienutzung einen größeren Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes bringen würden.

Kernkraftwerke sind teuer

... wenn sie nach heutigen Sicherheitsstandards gebaut werden. Im Vergleich zu vielen anderen Möglichkeiten der Stromproduktion ist nur der Weiterbetrieb alter Anlagen wirtschaftlich, da den hohen Baukosten relativ geringe Brennstoffkosten gegenüber stehen.
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, führte - noch vor den Atomunfällen in Japan - folgende Argumente für den Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland an:

Kernenergie stärkt unsere Wirtschaft

... denn sie sichert die Versorgung mit Strom und dämpft dessen Preisentwicklung. Davon profitieren nicht nur die gewerblichen, sondern auch die privaten Stromkunden. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wirtschaft: Die nahezu CO2-freie Kernkraft hat eine kostensenkende Wirkung auf den Handel mit Emissionszertifikaten.

Kernkraftwerke schützen das Klima

... denn neben Wasserkraft und Windenergie weist Kernkraft die mit Abstand geringsten CO2-Emissionen aller Energieträger auf. Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 ohne die Kernenergie nicht erreichen. Mit Kernkraftwerken sind die Emissionen von Treibhausgasen um acht Prozent niedriger als ohne Kernkraftwerke.

Kernenergie sorgt für eine sichere Stromversorgung und ein stabiles Stromnetz

In einer Industrienation wie Deutschland muss Strom rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit einem Beitrag von fast 50 Prozent zur Grundlast-Versorgung bleibt die Kernkraft auf absehbare Zeit eine tragende Säule unserer Stromproduktion.

Die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke ist international verbrieft

Sie erfüllen die internationalen Standards nicht nur, sondern gehen sogar darüber hinaus. Selbst ältere Anlagen haben heute ein Sicherheitsniveau, wie es die UN-Organisation IAEA für Neuanlagen empfiehlt. Das ist das Ergebnis der permanenten Modernisierung aller KKW durch die Betreiber.

Kernenergie und Erneuerbare Energien sind ideale Partner

Die Stromproduktion der Erneuerbaren schwankt, je nachdem ob der Wind weht oder die Sonne scheint. Diese Schwankungen müssen durch andere Kraftwerke ausgeglichen werden. Die dafür notwendige technische Flexibilität bieten insbesondere auch die Kernkraftwerke.

Deutschland verfügt über ein weit vorangeschrittenes Endlagerkonzept

Für schwach- und mittelaktive Abfälle wurde Schacht Konrad bei Salzgitter als Endlager genehmigt. Auch die Endlagerung hochaktiver Abfälle ist technisch gelöst. Als nächster Schritt muss die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ergebnisoffen abgeschlossen werden.

Uran ist quasi ein einheimischer Energieträger

... denn es ist leicht zu transportieren, kann beliebig lang bevorratet werden, und ein Kilogramm Natururan hat einen Energiegehalt wie 18.900 Kilogramm Steinkohle. Die weltweit bekannten Vorkommen reichen mindestens 300 Jahre, und der Anteil des Urans an den Kosten der Stromerzeugung beträgt nur rund fünf Prozent.
 
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