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15.03.2011

Streitfall Biblis

Die Geschichte einer Spaltung

Seite: 6/6

Aus für Biblis

Hintergrund

Der Ausstieg

Bis Ende 2022 soll auch das letzte AKW vom Netz gehen. Die maximale Laufzeit wird auf 32 Jahre begrenzt. Die drei neuesten AKW Neckarwestheim II, Isar II und Emsland dürfen bis 2022 produzieren.
Die sieben ältesten Meiler, die im Zuge des Moratoriums abgeschaltet wurden, bleiben vom Netz - also auch Biblis.
Noch Mitte Februar 2011 schien der Weiterbetrieb des Kraftwerks gesichert: RWE bestätigte Angaben des Hessischen Umweltministeriums, wonach das Unternehmen unter anderem in die Erdbebensicherheit investieren muss. Damit würden die Forderungen für eine Laufzeitverlängerung erfüllt, erklärte Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU). Das Geld sollte noch 2011 investiert werden. Laut RWE war vorgesehen, unter anderem Kabelführungen und Hebebühnen fester zu verankern. Außerdem waren Verbesserungen im Brandschutz geplant.

Die Atomkatastrophe am 11. März 2011 in Japan veränderte alles: Zunächst verkündeten Kanzlerin Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder mit Atomkraftwerken eine Aussetzung der Laufzeitverlängerung. Bis zum 15. Juni wurden alle Atomkraftwerke, die vor 1980 gebaut worden waren, außer Betrieb gesetzt. Davon betroffen sind bundesweit sieben Reaktoren, auch Biblis A und B. Das Moratorium sollte zur Sicherheitsüberprüfung genutzt werden.

Fukushima wirkte aber nach. CDU, CSU und FDP verständigten sich am 29. Mai 2011 auf einen Atomausstieg bis 2022. Die stillgelegten Alt-Meiler sollen gar nicht mehr ans Netz – und damit auch Biblis A. Eine Option gab es allerdings für Biblis B: Für den Fall von Stromversorgungsengpässen im süddeutschen Raum war zeitweise die Wiederinbetriebnahme dieses Meilers als Reserve im Gespräch. In Hessen hatten sich Regierung und Opposition jedoch gegen eine Nutzung von Biblis B als so genannte "Kaltreserve" gewandt. Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) sagte Mitte August 2011, ein solches Kraftwerk wieder ans Netz zu nehmen sei nicht vermittelbar, denn: "mit dem Atomausstieg ist vereinbart worden, alte Kernkraftwerke abzuschalten."
 

Mehr zum Thema

 (Bild:  picture-alliance/dpa - Archiv)

Gift für Generationen

Wo sind eigentlich die Tausenden von Tonnen Atommüll aus Biblis gelandet? Eine Bilanz.

Am 31. August 2011 entschied die Bundesnetzagentur, dass Biblis B nicht als Kaltreserve genutzt wird - und besiegelte damit das endgültige Aus des umstrittenen Atomkraftwerks. Betreiber RWE erklärte nach der Entscheidung, nun werde der Rückbau vorbereitet. In einigen Jahrzehnten, nach Auflösung des Atommüll-Zwischenlagers und Abriss des Kraftwerks, wird vielleicht wieder Gras auf dem Gelände wachsen - fast wie einst, als Biblis noch ein Gurkendorf war.
Doch das strahlende Erbe aus Biblis wird noch Jahrhunderte lang nachfolgende Generationen begleiten: Ein Endlager für tausende Tonnen hochradioaktiver Abfälle aus deutschen Atomkraftwerken ist nach wie vor nicht gefunden.
 

Antrag zum Rückbau von Biblis

Am 6. August 2011 trat die 13. Novelle des Atomgesetzes in Kraft; damit wurde die dauerhafte Einstellung des Leistungsbetriebes für Biblis A und B rechtsverbindlich. Nach Auskunft des Hessischen Umweltministeriums (HMUELV) befindet sich das Atomkraftwerk seitdem rechtlich gesehen in der so genannten Nachbetriebsphase, die gemäß bisherigen Planungen von RWE bis 2015 andauern soll. Während der Nachbetriebsphase sollen die Brennelemente aus den Reaktorgebäuden A und B entfernt und in das Standortzwischenlager verbracht werden.
Zur endgültigen Stillegung und zum Rückbau des Atomkraftwerks sind Genehmigungsverfahren mit Erörterungstermin und Umweltverträglichkeitprüfung erforderlich. Diese sollen laut HMUELV bis 2015 abgeschlossen sein. Nach einer Prognose des Umweltministeriums vom Februar 2012 könnten im Jahr 2016 die Abrissarbeiten am Reaktorgebäude beginnen. Von 2013 an könnte nach Ansicht des Ministeriums jedoch bereits mit dem Abbruch der nicht-nuklearen Teile begonnen werden, darunter dem Maschinenhaus und der Turbine. Zu den ersten Schritten gehöre auch die Dekontaminierung des Primärkreislaufs des AKWs.

Der Energiekonzern RWE hat am 6. August 2012 offiziell die Stilllegung und zugleich den Abbau des Atomkraftwerks Biblis beim hessischen Umweltministerium beantragt.

Die Abrissarbeiten werden laut HMUELV voraussichtlich 20 Jahre andauern. Im Jahr 2036 könnte das Kraftwerk also von der Bildfläche verschwunden sein - rund 65 Jahre nach dem ersten Spatenstich.

Von Martin Kania
 
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Redaktion: than / mad
Letzte Aktualisierung: 8.08.2012, 9:15 Uhr
 
Hintergrund: Energie in Hessen
 
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut e.V.
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut ist zuständig für den Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Gegen den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke führt er folgende Argumente an:

Der Betrieb von Kernkraftwerken ist mit großen Risiken verbunden

... da Störfälle mit großer Freisetzung an radioaktiven Stoffen nie ausgeschlossen werden können. Auch in neueren deutschen Anlagen sind solche Unfälle möglich. Ältere Anlagen stehen bei Sicherheitsfragen oft hinter den neueren zurück. Unfälle mit Auswirkungen wie bei der Havarie in Tschernobyl können jedoch in allen großen Kernkraftwerken eintreten, egal wie alt sie sind.

Auch die neusten deutschen Kernkraftwerke entsprechen nicht dem aktuellen Sicherheitsstand

Es handelt sich dabei um Konzepte vom Beginn der 1980er Jahre, nach denen heute nicht mehr gebaut werden würde. Auch durch Nachrüstungen ist es nicht möglich, alle heute entsprechend dem Stand von Wissenschaft und Technik bestehenden Anforderungen zu erfüllen.

Die Kernenergie ist eine Bürde für kommende Generationen

... denn es gibt weltweit noch kein Endlager für den hochradioaktiven Abfall. Es gibt zwar technische Konzepte, wie ein solches Endlager aussehen könnte, in Deutschland ist aber noch kein geeigneter Standort ausgewählt worden. Stattdessen wird eine große Zahl von Zwischenlagern betrieben, in denen der Atommüll teils schon länger als 40 Jahre aufbewahrt wird.

Kernenergie ist keine sichere Energiequelle

... denn die Uranvorkommen werden in einigen Jahrzehnten erschöpft sein. Dies könnte nur mit einem Einstieg in die so genannte Brüter-Technologie kompensiert werden, deren Entwicklung wegen Sicherheitsproblemen sowie aus ökonomischen Gründen in Deutschland und anderen Ländern längst aufgegeben wurde. Die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ist darüber hinaus auf den Import des Brennstoffs angewiesen, der aus Kanada, Russland, Kasachstan, Australien und afrikanischen Ländern stammt.

Kernenergie ist zur Rettung des Klimas nicht geeignet

Mit Kernenergie lässt sich nur ein kleiner Teil des weltweiten Energiebedarfs decken. Eine wesentliche Erhöhung dieses Anteils würde schon an begrenzten Kapazitäten zum Bau, fehlender Infrastruktur und personeller Engpässe scheitern. Die weltweiten Uranreserven würden ebenfalls sehr schnell zur Neige gehen. Auch der Neubau von Kraftwerken macht die Atomkraft zu keinem geeigneten Klimaretter, da gleiche Investitionen in regenerative Quellen oder in effizientere Energienutzung einen größeren Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes bringen würden.

Kernkraftwerke sind teuer

... wenn sie nach heutigen Sicherheitsstandards gebaut werden. Im Vergleich zu vielen anderen Möglichkeiten der Stromproduktion ist nur der Weiterbetrieb alter Anlagen wirtschaftlich, da den hohen Baukosten relativ geringe Brennstoffkosten gegenüber stehen.
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, führte - noch vor den Atomunfällen in Japan - folgende Argumente für den Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland an:

Kernenergie stärkt unsere Wirtschaft

... denn sie sichert die Versorgung mit Strom und dämpft dessen Preisentwicklung. Davon profitieren nicht nur die gewerblichen, sondern auch die privaten Stromkunden. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wirtschaft: Die nahezu CO2-freie Kernkraft hat eine kostensenkende Wirkung auf den Handel mit Emissionszertifikaten.

Kernkraftwerke schützen das Klima

... denn neben Wasserkraft und Windenergie weist Kernkraft die mit Abstand geringsten CO2-Emissionen aller Energieträger auf. Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 ohne die Kernenergie nicht erreichen. Mit Kernkraftwerken sind die Emissionen von Treibhausgasen um acht Prozent niedriger als ohne Kernkraftwerke.

Kernenergie sorgt für eine sichere Stromversorgung und ein stabiles Stromnetz

In einer Industrienation wie Deutschland muss Strom rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit einem Beitrag von fast 50 Prozent zur Grundlast-Versorgung bleibt die Kernkraft auf absehbare Zeit eine tragende Säule unserer Stromproduktion.

Die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke ist international verbrieft

Sie erfüllen die internationalen Standards nicht nur, sondern gehen sogar darüber hinaus. Selbst ältere Anlagen haben heute ein Sicherheitsniveau, wie es die UN-Organisation IAEA für Neuanlagen empfiehlt. Das ist das Ergebnis der permanenten Modernisierung aller KKW durch die Betreiber.

Kernenergie und Erneuerbare Energien sind ideale Partner

Die Stromproduktion der Erneuerbaren schwankt, je nachdem ob der Wind weht oder die Sonne scheint. Diese Schwankungen müssen durch andere Kraftwerke ausgeglichen werden. Die dafür notwendige technische Flexibilität bieten insbesondere auch die Kernkraftwerke.

Deutschland verfügt über ein weit vorangeschrittenes Endlagerkonzept

Für schwach- und mittelaktive Abfälle wurde Schacht Konrad bei Salzgitter als Endlager genehmigt. Auch die Endlagerung hochaktiver Abfälle ist technisch gelöst. Als nächster Schritt muss die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ergebnisoffen abgeschlossen werden.

Uran ist quasi ein einheimischer Energieträger

... denn es ist leicht zu transportieren, kann beliebig lang bevorratet werden, und ein Kilogramm Natururan hat einen Energiegehalt wie 18.900 Kilogramm Steinkohle. Die weltweit bekannten Vorkommen reichen mindestens 300 Jahre, und der Anteil des Urans an den Kosten der Stromerzeugung beträgt nur rund fünf Prozent.
 
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