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17.05.2011

Biblis und der Atommüll – eine Bilanz

Gift für Generationen

Thermografie-Aufnahmen eines Castorbehälters auf dem Weg nach Gorleben (Bild:  picture-alliance/dpa - Archiv)
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Thermografie-Aufnahmen eines Castorbehälters auf dem Weg nach Gorleben
Seit 1974 hat das Atomkraftwerk in Biblis mehr als 500 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Profitiert haben davon tausende Beschäftigte des Kraftwerks, zahlreiche Unternehmen in der Region und die Bürger der Gemeinde Biblis. Für den Betreiber RWE und für die Staatskasse war es sicherlich nicht minder profitabel. Die Quittung kommt noch: Tausende Tonnen radioaktiven Abfalls warten auf ihre Endlagerung. Eine Bilanz.
 
Das Ende des umstrittenen Atomkraftwerks ist besiegelt. Ebenso gewiss ist: Die Segnungen des Atomkraftwerks sind flüchtig. Der Strom ist verbraucht – die nachfolgenden Generationen werden sich darum kümmern müssen, wie sie tausende Tonnen strahlenden Müll sicher lagern. Wo dereinst die hochradioaktiven Reste der Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken endgelagert werden, ist noch nicht geklärt. Noch befinden sie sich in verschiedenen Zwischenlagern in Deutschland, England und Frankreich.
 

Wo ist der hochradioaktive Atommüll aus Biblis?

Die Grafik zeigt die seit Inbetriebnahme von Biblis angefallenen Mengen hochradioaktiven Mülls und die Lagerorte.
Grafik
Erläuterungen zu den Abfallsorten siehe unten.
 
Einfach für alle. Der Rundfunkbeitrag.
Weitere Informationen erhalten Sie [hier].
Seit Inbetriebnahme des Atomkraftwerks in Biblis haben die Reaktorblöcke A und B insgesamt 3114 Brennelemente verbraucht. Diese Brennelemente sind mit Uran bestückt, so dass in Biblis bislang 1665 Tonnen dieses Schwermetalls als hochradioaktiver Müll angefallen sind.
Ist ein Brennelement verbraucht, wird es zunächst vom Reaktor in das Abklingbecken des Reaktorgebäudes verbracht, wo es abkühlen kann. In Biblis lagern derzeit 560 Brennelemente bzw. 299 Tonnen Schwermetall in den Abklingbecken der Blöcke A und B. Weitere 969 Brennelemente mit einer Gesamtmenge von 518 Tonnen befinden sich in 51 Castorbehältern im Zwischenlager des Atomkraftwerks.
 

Ins Ausland und zurück

Video: Die Wiederaufbereitungsanlage La Hague 5:29 Min
(© hr | alles wissen, 10.11.2010)
Bis 2005 war es deutschen Atomkraftwerksbetreibern erlaubt, verbrauchte Brennelemente an Wiederaufbereitungsanlagen zu liefern. Von Biblis wurden 1533 Brennelemente bzw. 820 Tonnen Schwermetall zur französischen Anlage La Hague auf der Halbinsel Cotentin am Ärmelkanal geliefert. Nach Sellafield in Westengland gelangten 52 Brennelemente bzw. 28 Tonnen Schwermetall.
In diesen Anlagen wurde ein Teil des Uranbrennstoffs zurückgewonnen und wieder in den Brennstoffkreislauf zurückgeführt. Der Rest wartet nun als Müll auf seine Endlagerung.

Beim Aufbereitungsprozess der Brennstäbe aus Biblis in La Hague entstanden drei Sorten von wärmeentwickelndem, radioaktivem Müll:
  • 461 hochradioaktive HAW-Glaskokillen mit einem Gesamtinhalt von 212 Tonnen
  • 626 „CSD-C“ Gebinde mittelradioaktiver Abfälle mit einem Gesamtinhalt von 375 Tonnen
  • 92 mittelradioaktive „CSD-B“ Glasprodukte aus der Betriebswasseraufbereitung mit einem Gesamtinhalt von 42 Tonnen.

Von diesem Müll wurden bislang 414 der HAW-Glaskokillen mit einem Gesamtgewicht von 191 Tonnen, verteilt auf rund 15 Castorbehälter, zum Zwischenlager Gorleben transportiert. Die restlichen 21 Tonnen HAW-Glaskokillen sowie die gesamten mittelradioaktiven Abfälle lagern noch in La Hague und sollen bis zum Jahr 2024 wieder nach Deutschland gebracht werden.
 
Video: Strahlende Altlasten 6:34 Min
(© hr | alles wissen, 27.04.2011)
Beim Wiederaufbereitungsprozess in Sellafield entstanden die gleichen Abfallsorten wie in La Hague. Allerdings verbleiben aufgrund einer Vereinbarung zwischen Deutschland und Großbritannien sämtliche mittelradioaktiven Abfälle in Sellafield, dafür nimmt die Bundesrepublik im Gegenzug knapp fünf Prozent mehr hochradioaktive HAW-Glaskokillen zurück, als es rein rechnerisch der gelieferten Menge verbrauchter Brennelenmente entspricht. Bezogen auf die aus Biblis nach Sellafield gelieferten 52 Brennelemente bedeutet das, dass die derzeit dort lagernden 18 HAW-Glaskokillen mit einem Gesamtgewicht von 8,3 Tonnen zurückgenommen werden müssen.
Laut Bundesamt für Strahlenschutz sind diese Transporte für den Zeitraum von 2014 bis 2017 geplant. Ein Endlager für diese Abfälle ist noch nicht gefunden.
 

Der meiste Müll wird kaum beachtet

Die öffentlichkeitswirksamen Proteste gegen Castor-Transporte vom Ausland nach Deutschland werden also vermutlich noch einige Jahre andauern. Allerdings machen die wärmeentwickelnden hoch- und mittelradioaktiven Abfälle nur etwa zehn Prozent der Gesamtmenge des in deutschen Atomkraftwerken anfallenden verstrahlten Mülls aus. Gleichzeitig enthalten diese zehn Prozent Müll jedoch mehr als 99 Prozent der im gesamten verstrahlten Kraftwerksabfall enthaltenen Radioaktivität.

Ungleich größer ist dagegen die Menge derjenigen Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung aus dem Kraftwerksbetrieb: Deren Anteil am Gesamtmüll beträgt rund 90 Prozent, enthält jedoch weniger als ein Prozent der Radioaktivität. Die riesigen Mengen dieses Mülls sorgen für weitaus weniger öffentliche Aufmerksamkeit und Proteste.
 

Gift für Generationen: Wo der Atommüll aus Biblis lagert 

 
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Endlager Schacht Konrad

Seit Inbetriebnahme von Biblis sind während des Kraftwerksbetriebs tausende Kubikmeter radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung angefallen. Die Grafik veranschaulicht die derzeitigen Lagerorte.
Grafik

Diese schwach- und mittelradioaktiven Abfälle, z.B. Anlagenteile, Filter, Reinigungsmittel, Schutzkleidung und dergleichen aus dem Kraftwerksbetrieb werden zunächst gesammelt und anschließend "konditioniert", d.h. in speziellen Anlagen sortiert, zusammengepresst und zur Endlagerung in Behälter verpackt.
In Biblis sind bislang 5714 Kubikmeter (Endlagervolumen) konditionierte Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung angefallen. Dieser Müll verteilt sich größtenteils auf das Standortlager in Biblis (1864 Kubikmeter) sowie das Abfallager in Gorleben (2928 Kubikmeter).
Weitere 922 Kubikmeter lagern bei den Unternehmen Nuclear-Cargo-Service Hanau und GNS Gesellschaft für Nuklear-Service. Die GNS betreibt zwei Zwischenlager an den Standorten Gorleben und Ahaus sowie technische Anlagen auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich, wo schwach- und mittelradioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung konditioniert werden – also beispielsweise komprimiert und in endlagerfähige Behälter verpackt.

Letztlich werden eines Tages alle radioaktiven Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung aus Biblis im Schacht Konrad bei Salzgitter gelagert, dem einzigen in Deutschland genehmigten Endlager für diese Abfälle.
 
 

Erläuterungen zu den radioaktiven Abfällen

Bei der behördlichen Erfassung von radioaktiven Abfällen wird prinzipiell zwischen wärmeentwickelnden Abfällen und solchen mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung unterschieden.

Wärmeentwickelnde radioaktive Abfälle
Die wärmeentwickelnden Abfälle sind teilweise hochgradig radioaktiv. Dazu zählen insbesondere die abgebrannten Brennelemente selbst und bei der Wiederaufbereitung des Kernbrennstoffs entstandene Abfälle. Diese bestehen aus konzentrierter, verglaster Spaltproduktlösung und werden als so genannte „High Active Waste-Glaskokillen“ in Castor-Behältern eingelagert. Eine HAW-Glaskokille hat ein Volumen von 180 Liter bei einem Nettoinhalt von ca. 460 kg.
Die Hülsen und Endstücke der bei der Wiederaufbereitung zerlegten Brennelemente erzeugen ebenfalls Wärme, sind jedoch als mittelradioaktiv klassifiziert. Im Fachjargon werden sie als „CSD-C Gebinde“ bezeichnet. Zwecks Endlagerung werden die Hülsen und Endstücke vermischt mit anderen festen Abfällen zusammengepresst („kompaktiert“) und in Gebinden zu je ca. 600 kg verpackt.
Während des Wiederaufbereitungsprozesses fällt radioaktiv belastetes Wasser an. Dieses wird verdampft und anschließend die Reststoffe in konzentrierter Form als so genannte Glasprodukte bzw. „CSD-B-Kokillen“ eingelagert. In einer CSD-B Kokille sind rund 460 kg Abfallmasse enthalten.

Radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung
Zu den radioaktiven Abfällen mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung gehören z.B. ausgediente oder defekte Pumpen, Dichtungen, Rohre und sonstige Anlagenteile wie auch Filter, Werkzeuge, Schutzkleidung, Dekontaminations- und Reinigungsmittel.

Hinweis:
Alle Angaben zu Abfallmengen und Lagerorten basieren auf Informationen des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Sie geben den Kenntnisstand des Ministeriums vom April 2011 wieder. Laut Ministerium können sich Abweichungen aufgrund der Konditionierungsverfahren ergeben. Zudem können die Summen und Berechnungen Rundungsdifferenzen enthalten.
Bei den Abfallmengen der Wiederaufbereitungsanlagen handelt es sich um so genannte Abfalläquivalente, die dem Atomkraftwerk Biblis zugeordnet werden können.


Von Martin Kania
 
Redaktion: mad
Bild: © picture-alliance/dpa - Archiv
Letzte Aktualisierung: 11.12.2013, 14:25 Uhr
 
Hintergrund: Energie in Hessen
 
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut e.V.
Christian Küppers vom Darmstädter Öko-Institut ist zuständig für den Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Gegen den Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke führt er folgende Argumente an:

Der Betrieb von Kernkraftwerken ist mit großen Risiken verbunden

... da Störfälle mit großer Freisetzung an radioaktiven Stoffen nie ausgeschlossen werden können. Auch in neueren deutschen Anlagen sind solche Unfälle möglich. Ältere Anlagen stehen bei Sicherheitsfragen oft hinter den neueren zurück. Unfälle mit Auswirkungen wie bei der Havarie in Tschernobyl können jedoch in allen großen Kernkraftwerken eintreten, egal wie alt sie sind.

Auch die neusten deutschen Kernkraftwerke entsprechen nicht dem aktuellen Sicherheitsstand

Es handelt sich dabei um Konzepte vom Beginn der 1980er Jahre, nach denen heute nicht mehr gebaut werden würde. Auch durch Nachrüstungen ist es nicht möglich, alle heute entsprechend dem Stand von Wissenschaft und Technik bestehenden Anforderungen zu erfüllen.

Die Kernenergie ist eine Bürde für kommende Generationen

... denn es gibt weltweit noch kein Endlager für den hochradioaktiven Abfall. Es gibt zwar technische Konzepte, wie ein solches Endlager aussehen könnte, in Deutschland ist aber noch kein geeigneter Standort ausgewählt worden. Stattdessen wird eine große Zahl von Zwischenlagern betrieben, in denen der Atommüll teils schon länger als 40 Jahre aufbewahrt wird.

Kernenergie ist keine sichere Energiequelle

... denn die Uranvorkommen werden in einigen Jahrzehnten erschöpft sein. Dies könnte nur mit einem Einstieg in die so genannte Brüter-Technologie kompensiert werden, deren Entwicklung wegen Sicherheitsproblemen sowie aus ökonomischen Gründen in Deutschland und anderen Ländern längst aufgegeben wurde. Die Nutzung der Kernenergie in Deutschland ist darüber hinaus auf den Import des Brennstoffs angewiesen, der aus Kanada, Russland, Kasachstan, Australien und afrikanischen Ländern stammt.

Kernenergie ist zur Rettung des Klimas nicht geeignet

Mit Kernenergie lässt sich nur ein kleiner Teil des weltweiten Energiebedarfs decken. Eine wesentliche Erhöhung dieses Anteils würde schon an begrenzten Kapazitäten zum Bau, fehlender Infrastruktur und personeller Engpässe scheitern. Die weltweiten Uranreserven würden ebenfalls sehr schnell zur Neige gehen. Auch der Neubau von Kraftwerken macht die Atomkraft zu keinem geeigneten Klimaretter, da gleiche Investitionen in regenerative Quellen oder in effizientere Energienutzung einen größeren Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes bringen würden.

Kernkraftwerke sind teuer

... wenn sie nach heutigen Sicherheitsstandards gebaut werden. Im Vergleich zu vielen anderen Möglichkeiten der Stromproduktion ist nur der Weiterbetrieb alter Anlagen wirtschaftlich, da den hohen Baukosten relativ geringe Brennstoffkosten gegenüber stehen.
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums
Dr. Ralf Güldner, Präsident des Deutschen Atomforums, führte - noch vor den Atomunfällen in Japan - folgende Argumente für den Weiterbetrieb von Kernkraftwerken in Deutschland an:

Kernenergie stärkt unsere Wirtschaft

... denn sie sichert die Versorgung mit Strom und dämpft dessen Preisentwicklung. Davon profitieren nicht nur die gewerblichen, sondern auch die privaten Stromkunden. Ein weiterer wichtiger Punkt für die Wirtschaft: Die nahezu CO2-freie Kernkraft hat eine kostensenkende Wirkung auf den Handel mit Emissionszertifikaten.

Kernkraftwerke schützen das Klima

... denn neben Wasserkraft und Windenergie weist Kernkraft die mit Abstand geringsten CO2-Emissionen aller Energieträger auf. Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 ohne die Kernenergie nicht erreichen. Mit Kernkraftwerken sind die Emissionen von Treibhausgasen um acht Prozent niedriger als ohne Kernkraftwerke.

Kernenergie sorgt für eine sichere Stromversorgung und ein stabiles Stromnetz

In einer Industrienation wie Deutschland muss Strom rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit einem Beitrag von fast 50 Prozent zur Grundlast-Versorgung bleibt die Kernkraft auf absehbare Zeit eine tragende Säule unserer Stromproduktion.

Die Sicherheit deutscher Kernkraftwerke ist international verbrieft

Sie erfüllen die internationalen Standards nicht nur, sondern gehen sogar darüber hinaus. Selbst ältere Anlagen haben heute ein Sicherheitsniveau, wie es die UN-Organisation IAEA für Neuanlagen empfiehlt. Das ist das Ergebnis der permanenten Modernisierung aller KKW durch die Betreiber.

Kernenergie und Erneuerbare Energien sind ideale Partner

Die Stromproduktion der Erneuerbaren schwankt, je nachdem ob der Wind weht oder die Sonne scheint. Diese Schwankungen müssen durch andere Kraftwerke ausgeglichen werden. Die dafür notwendige technische Flexibilität bieten insbesondere auch die Kernkraftwerke.

Deutschland verfügt über ein weit vorangeschrittenes Endlagerkonzept

Für schwach- und mittelaktive Abfälle wurde Schacht Konrad bei Salzgitter als Endlager genehmigt. Auch die Endlagerung hochaktiver Abfälle ist technisch gelöst. Als nächster Schritt muss die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ergebnisoffen abgeschlossen werden.

Uran ist quasi ein einheimischer Energieträger

... denn es ist leicht zu transportieren, kann beliebig lang bevorratet werden, und ein Kilogramm Natururan hat einen Energiegehalt wie 18.900 Kilogramm Steinkohle. Die weltweit bekannten Vorkommen reichen mindestens 300 Jahre, und der Anteil des Urans an den Kosten der Stromerzeugung beträgt nur rund fünf Prozent.
 
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